Das große Rennen

BR Deutschland 1950 Werbefilm

"Das große Rennen" (BRD 1950) von Hans Fischerkoesen – Der rote Dickhäuter siegt

von Jeanpaul Goergen


In Anlehnung an zahlreiche Wochenschausujets über große Automobilrennen inszeniert der Werbefilmer Hans Fischerkoesen in seinem farbigen Zeichenfilm "Das große Rennen" (1950) einen Wettkampf zwischen Tieren, die jedoch nicht in Rennwagen, sondern in Kinderschuhen sitzend auf die Strecke gehen. Mit einer Länge von 75 Metern und einer Laufzeit von 2 Minuten und 42 Sekunden hat er eine für einen Werbefilm im Kinovorprogramm jener Jahre typische Dauer. Wie bei den meisten Reklamefilmen wird die Reklamebotschaft erst am Schluss offenbart – zuvor unterhält Fischerkoesen das Publikum mit einer humorvollen Tiergeschichte. 

Der Film. Eine im Flur neben einem Paar Kinderschuhen und einem Kreisel abgelegte Spielzeugente erwacht, flattert von ihrem fahrbaren Untersatz auf und landet in einem Schuh, mit dem sie umgehend wegfährt. In einer anderen Ecke liegen weiteres Spielzeug und Kinderschuhe verstreut. Hier wird ein Lämmchen lebendig, dass übermütig in einen der Schuhe hüpft und ebenfalls rasch davonfährt.

Offenbar ist ein Wettrennen angesagt. Ente und Lämmchen stehen bereits an der Startlinie, ein Känguru und ein hellbrauner Elefant stoßen hinzu. Hinter einem Bretterzaun kommentieren zahlreiche Tiere das Geschehen. Auf der Rennbahn macht ein Hase die letzten Fotos, während ein Fuchs mit Stoppuhr und Startpistole das Rennen freigibt. Mit einem gewagten Sprung rettet sich der Hase vor den startenden Schuhen. In dieser Szene sind 14 Tiere animiert; alle sind, untermalt von einer flotten Kirmesmusik, in Bewegung.

Von einem Hochsitz aus, vor einem Mikrofon stehend, kommentiert eine Giraffe aufgeregt und mit steigender Begeisterung das Geschehen. Auf dem Dach der Tribüne wehen drei Fahnen, auch Tiere habe es sich dort gemütlich gemacht und hüpfen vor Begeisterung. Auf der dichtbesetzten Tribüne wimmelt es nur so von begeisterten Zuschauertieren. Sogar zwei Vögel, die hinter dem Sportreporter auf dem Podest hocken, hüpfen freudig auf und ab: "Soeben ist der Startschuss gefallen. Mit großer Spannung folgt das begeisterte Publikum dem langerwarteten Entscheidungskampf!" In der folgenden frontalen Einstellung der lachenden und gestikulierenden Zuschauer sind insgesamt 18 Tiere in Bewegung.

Quelle: Jeanpaul Goergen
Screenshot aus "Das große Rennen"

In nahezu allen 23 Einstellungen des Films – ohne Filmtitel und Schlussmarke – setzt Fischerkoesen auf eine fantasievoll-überbordende Vollanimation. Neben den Hauptmotiven sind auch die Nebenschauplätze animiert oder zumindest ausgefüllt, wodurch der Eindruck einer Szenerie in ständiger Bewegung entsteht. Auch in einer scharfen Linkskurve stehen in einem Pulk dichtgedrängt zahlreiche Zuschauer, die sich aufgeregt und bewegt zeigen. Fast jede Szenerie präsentiert sich als ein lebendiges Wimmelbild und vermittelt in der Zusammenschau das Erlebnis eines dynamisch-dramatischen Rennverlaufs.

Das Ausscheidungsrennen beginnt: "Große Anforderungen werden an das Material gestellt." Die Giraffe kommentiert weiter: "Noch gilt es schwierige Hindernisse zu nehmen." Nach einer Berg- und Talfahrt geht das Lämmchen in einem See unter. Das Entchen muss auf Grund einer überhitzten Sohle seines Rennschuhs aufgeben und wird mühelos vom Elefanten überholt. "Weit vorne liegt der Elefant, der bisher alle Hindernisse spielend genommen hat." Auch hier baut Fischerkoesen eine kleine Nebenhandlung ein: Die Giraffe steckt das Mikrophonkabel in die Nüstern eines Schweinchens, das sie entrüstet wieder herauszieht und in die Steckdose steckt. In der Nordkurve rutscht schließlich auch das Känguru aus: "Es war der Bodenbeschaffenheit nicht gewachsen." 

Der Reporter ist außer sich: "Meine lieben Hörer! Ein ganz großes Erlebnis, ein ganz großer Sieg des Elefanten. Noch drei Sekunden! Und unter rasendem Beifall geht der Sieger durchs Ziel!" Kinder und Tiere springen enthusiastisch von der Tribüne auf die Rennstrecke, um den siegreichen Elefanten auf ihren Schultern zu tragen; von allen Seiten regnet es Blumen. Kinder richten den siegreichen Schuh auf, hopsen und tanzen um ihn herum, während im Hintergrund die Tiere jubeln. Die Kamera schwenkt auf ein Schild, das die Werbebotschaft verkündet: "Sieger: Elefanten-Schuh mit der Strapa-Sohle." Zu triumphierender Musik präsentiert das letzte Bild die Elefanten-Marke mit dem roten Elefanten: "Kinder- und Jugendschuhe". So etabliert der Film "Das große Rennen" den Elefanten als Siegerfigur und Produktträger.

Die Szenen dieses kurzen Werbefilms zeichnen sich durch eine weitgehend gleichbleibende Einstellungsdauer aus, wobei die durchschnittliche Schnittlänge knapp sechs Sekunden beträgt. Dramaturgische Spannung entsteht nicht durch Wechsel in der Einstellungsdauer der Szenen, sondern primär narrativ durch die wechselnden Schauplätze, die aufgeregten Kommentare des Reporters und das sukzessive Ausscheiden der Konkurrenz. Die Eigenheiten der Tiere sind gut herausgearbeitet, die Pointen wohlgesetzt und die Spannung wird bis zum Schluss gehalten. Helle freundliche Farben erleichtern die Aufnahme. Wenige Striche genügen Fischerkoesen, um die charakteristischen Merkmale der Tiere zu zeichnen. Nur die Schuhe sind detaillierter ausgeführt – insbesondere der Siegerschuh der Marke "Elefant".

Quelle: Jeanpaul Goergen
Screenshot aus "Das große Rennen"

Die Marke. Die Marke "Elefant" zählt zu den traditionsreichen deutschen Kinderschuhmarken. Die 1869 in Kleve am Niederrhein gegründete Kinderschuhfabrik "Hoffmann & Pannier" hatte sich auf qualitativ hochwertige Schuhe für Kinder mit verbesserter Passform und höherer Strapazierfähigkeit spezialisiert. Als erstes Unternehmen bot es anatomisch geformte rechte und linke Kinderschuhe an. 1928 führte es mit dem roten Elefanten ein positiv konnotiertes und gut wiedererkennbares Markenzeichen ein. Der Entwurf stammte von dem Maler Josef (Jupp) Oberboersch  (1884-1957), der das Wortzeichen "ELEFANTEN MARKE" mit dem zentral positionierten unverwechselbaren Dickhäuter, dem roten Elefanten, kombinierte. 

Der Elefant als identifikationsstiftende Figur symbolisiert Stärke, Standfestigkeit, Verlässlichkeit und Schutz – Eigenschaften, die Eltern mit robusten und unverwüstlichen Kinder- und Jugendschuhen verbinden. Er fand Verwendung auf den Schuhkartons und in der Schaufensterwerbung, in Anzeigen und Firmenkatalogen, auf Blechschildern und in Kinderzeitungen wie etwa "Der gute Elefant". Er fungierte somit nicht nur als Logo, sondern auch als ein zentrales Symbol für Vertrauen und Dauerhaftigkeit. Die im Film beworbene "Strapa-Sohle" war vermutlich eine besonders strapazierfähige Schuhsohle, die – wie spielerisch und einprägsam belegt – alle Hindernisse überwindet und der Konkurrenz weit voraus und deutlich überlegen ist.

Neben "Das große Rennen" entstanden im Fischerkoesen-Film-Studio in Bad Godesberg Anfang der 1950er Jahre mit "Das Familienalbum" (1950) und "Das Wunderkind" (1953) noch zwei weitere Kurzwerbefilme für Elefanten-Schuhe.

Hans Fischerkoesen. Geboren am 18. Mai 1896 in Bad Kösen als Hans Fischer, integrierte er später – in unterschiedlichen Schreibweisen wie Fischer-Kösen, Fischerkösen oder Fischerkoesen – den Namen seines Geburtsortes Bad Koesen in seinen Künstlernamen. Ab 1921 realisierte er weit über tausend Zeichentrick-Kurzfilme, fast ausschließlich für die Werbung.

In den 1920er Jahren fand er zu einem eigenen Stil, mit dem er leblose Gegenstände Leben und Seele einhauchte und zeichnerisch verlebendigte. "Er verband eine lockere, humorige Charakterisierung seiner Figuren mit harmlos-freundlicher Ironie, immer dicht an der Grenze zur Karikatur, sie aber nie konsequent überschreitend. Er erzählte freundliche, kleine Geschichten in raschen Abläufen, ohne dramaturgische Finessen, ohne tiefergehende Personencharakterisierung, zielstrebig auf die Pointe am Ende hin." (Agde, S. 37) Seine Geschichten sind ansprechend, stets nachvollziehbar, unterhaltend und im besten Sinne volkstümlich. 

Während des Zweiten Weltkriegs entstanden mit "Verwitterte Melodie" (1943), "Der Schneemann" (1943) und "Das dumme Gänslein" (1944) drei werbefreie Zeichenfilme, die heute als Klassiker des deutschen Animationsfilms gelten. Nach Kriegsende wurde Fischerkoesen von der sowjetischen Besatzungsmacht im Speziallager Sachsenhausen interniert. Nach der Entlassung 1948 gründete er zunächst in Remagen, später in Bad Godesberg, eine neue Firma und produzierte erneut zahlreiche Werbefilme für Kino und Fernsehen, an frühere Erfolge anknüpfend. Der Spiegel (Nr. 35/1956) widmete ihm sogar eine Titelstory: "Mit einem Jahresumsatz von sechs Millionen Mark steht Fischerkoesen weit an der Spitze der westdeutschen Werbetrickfilmproduzenten. [...] Ein Fischerkoesen-Film ist durchschnittlich 50 bis 60 Meter lang und kostet den Kunden rund 25.000 Mark." 

Der Spiegel erwähnt auch, dass das Studio 60 Beschäftigte zählt, die pro Jahr 30 bis 35 Werbefilme herstellen. Im Familienbetrieb waren auch zwei Schwestern, zwei Nichten, ein Vetter, ein Neffe und ein Schwager angestellt – darunter das alte Team, mit dem er seit den zwanziger Jahren arbeitete, die beiden Hauptphasenzeichner Leni Fischer, seine Schwester, und Rudolf Bär sowie der Chefkameramann Kurt Schleicher. Wie bei Kurzwebefilmen üblich, enthält auch "Das große Rennen" außer dem Hinweis "Ein Fischerkoesen Film" keine weiteren Angaben zum Produktionsteam.

1969 übergab Hans Fischerkoesen die Leitung seines Studios an seinen Sohn Hans M. Fischerkoesen, der das Studio mit computeranimierten Wissenschafts- und Medizinfilmen weiterführte. Hans Fischerkoesen, "der Walt Disney des deutschen Werbefilms", starb am 25. April 1973 in Bad Godesberg an einem Herzinfarkt.


Literatur:
https://www.elefanten.de/de-de/s/geschichte (28.2.2026)
Minnesang auf Markenartikel. In: Der Spiegel, Nr. 35, 29.8.1956, S. 34-40
Arne Andersen: Hans Fischerkoesen – der "Walt Disney des deutschen Werbefilms". In: Filmtechnikum, Nr. 11/1958, S. 396-397
Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin: Verlag Das Neue Berlin 1998
Peter Lauer: Der Rote Elefant. Die Entwicklung des Markenzeichens. 2006 
https://www.klever-schuhmuseum.de/der-rote-elefant/ (28.2.2026)

(Jeanpaul Goergen, März 2026)

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