Emil und die Detektive

Deutschland 1931 Spielfilm

Emil und die Detektive


Georg Herzberg, Film-Kurier, Nr. 283, 3.12.1931


Das war eine Begeisterung in der gestrigen 5-Uhr-Vorstellung, in der das jugendliche Element eine erhebliche Minorität repräsentierte. Ein so intensives Miterleben der Vorgänge auf der Leinwand war im Kino-Parkett schon lange nicht da. Während des ganzen Films gab es laute oder gedämpfte Entzückensrufe, und die Angehörigen der Kinder hatten alle Mühe, die vor lauter Aufregung zapplig gewordenen auf ihren Sitzen ruhig zu halten.

Vor einer Besprechung dieses Films gilt zu sagen: Dieses ist nicht nur ein Film für Kinder. Jeder Erwachsene, der nicht völlig die Freude am primitiven Sichfreuen verloren hat, muß diesen Film reizend und sehenswert finden. Es muß schon einer sehr verknöchert oder sehr blasiert sein, wenn er nicht nach den ersten zweihundert Metern auf der Leinwand seine zehn oder dreißig oder fünfzig Jahre "Erwachsenen-Dasein" vergißt und als Kind den Sorgen und Freuden der Kinder folgt. Und was die Leinwand nicht zuwege bringt, werden bestimmt seine kleinen Besucher-Kollegen schauen. Es ist noch gar nicht so genau heraus, ob nicht vieIe der Erwachsenen, die gestern ihre Schützlinge immer wieder zur Ruhe ermahnen mußten, nicht am liebsten selbst laut losgetobt hätten. (...)

Das Manuskript dieses Films schrieb Billy Wilder. Eine saubere, vorbildliche Arbeit. So muß ein Detektiv-Film aussehen, so logisch und geschlossen.

Wilders Arbeit ist um so mehr anzuerkennen, als sie nicht ohne Gefahren war. Der Autor hätte nämlich entweder den Stoff rettungslos verkindlichen können, so daß ein einigermaßen aufgeweckter Tertianer ihn verächtlich als Quatsch bezeichnen würde. Oder er hätte den Stoff fern allem kindlichen Verständnis entwickeln und dadurch den Kontakt zur Jugend verlieren können.

Billy Wilder und der Regisseur Gerhard Lamprecht haben die goldene Mittellinie gefunden, auf der allein der Stoff gestaltet werden konnte. Sie haben sich hineingelebt in die Seele der heutigen Jugend, die auch noch ihre romantischen Ideale hat, das Indianerspielen und die Freude am Cliquenwesen, aber deren Vertreter heute auch mit jungen Jahren schon einen ausgesprochen praktischen Sinn hat. Diese Jugend weiß, daß ein Telephon ein sehr nützliches und schnelles Verständigungsmittel ist, daß man sich ein Taxi mieten kann, aber auch bezahlen muß.

Wer Lamprecht an der Arbeit mit seinen Kindern gesehen hat, kann ermessen, wieviel aufopfernde Liebe und Geduld in diesem belichteten Zelluloid steckt. Er hat keine Stars, keine "Schauspieler" aus seinen Kindern gemacht, er hat sie nicht zum Mimen in Großaufnahme verleitet: Sie sollen natürliche Kinder sein und sind es auch, dieser Rolf Wenkhaus und Hans Joachim Schaufuß, Hubert Schmitz, Hans Richter, Hans Lohr, Ernst Reling, Waldemar Kupczyk und wie sie alle heißen. Nur die schon filmisch infizierte Inge Landgut posiert ein wenig: Dafür ist sie schließlich auch eine Jummipuppe.

Es gibt herrliche Momente in diesem Film. Wenn irgendwo in Wilmersdorf von allen Ecken und Spielplätzen die Kinder lawinenartig zusammenströmen und sich zur Armee formen. Wenn der Führer sich mit kräftigen Worten Autorität verschafft und Opfer verlangt. (Oh, wir Erwachsenen …) Wenn ein Knirps, der so gern draußen mitmachen möchte, am riesigen Schreibtisch seines Vaters hockt und das Telephon bedient, mit eiserner Zuverlässigkeit.

Höhepunkt: Ein Bauplatztor öffnet sich, und drinnen stehen, sonnenüberflutet, hunderte von Kindern. Entschlossen, solidarisch. Masse, aus Schwachen geformt, jetzt stark und dem Feinde überlegen.

Fritz Rasp spielt den Schurken, eindringlich, ein bißchen unheimlich. Wie wird er während des Films vom Parkett gehaßt werden! (...)

Es gib riesigen Applaus, während des Films und zum Schluß, als die "Stars" in Originalkostümen auf die Bühne kamen.