Inhalt
Dokumentarfilm über den ungewöhnlichen Lebensweg der Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Adriana Altaras. 1960 in Zagreb geboren, erzählt die in Berlin lebende Künstlerin von ihrer "strapaziösen Familie" und wie sich deren Haltungen und Ideale auf ihr eigenes Leben auswirkten. Altaras' jüdische Eltern kämpften als Partisanen für Tito und begannen im Nachkriegsdeutschland ein neues, unauffälliges Leben. Nach dem Tod der Eltern stöbert Altana in alten Koffern und stößt dabei auf persönliche Erinnerungsgegenstände, die sie dazu anregen, sich noch einmal zu den prägenden Stationen ihres Lebens zu begeben: eine Reise, die von Berlin über Gießen und den Gardasee bis nach Zagreb, Split und Rab im früheren Jugoslawien führt. Dabei kommt ihr zurückhaltender Ehemann zu Wort, ihre alte Tante Jele, bei der sie nach der Flucht aus Jugoslawien lebte, ihre Astrologin und ein Cousin in Dalmatien, der akribisch sämtliche Informationen über die verstreute Großfamilie sammelt.
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Die einer Odyssee gleicht, welche für Adriana und ihre Eltern in Deutschland endete und damit ausgerechnet in dem Land, das zahllose Familienangehörige in Konzentrationslagern vernichtete. Wie ein dalmatischer Onkel minutiös belegen kann, der sich um die Familienchronologie bemüht und den Adriana auf ihrer Reise back to the roots, welche sie im Mercedes 220-Oldtimer ihres Vaters antritt, im Süden des heutigen Kroatien besucht.
Alles beginnt jedoch in Zagreb, wo Adriana geboren wurde und aufwuchs. Wo ihr Vater Jakob sehr erfolgreich als Mediziner gearbeitet hat, bis die Deutschen das Land besetzten im Zweiten Weltkrieg und er sich zusammen mit seiner Gattin Thea den Tito-Partisanen anschloss. Wo ihm schließlich der Schauprozess gemacht wurde, der ihn und seine Frau, die zusammen mit ihrer Schwester ein KZ der kroatischen Ustascha-Faschisten überlebte, schließlich ins hessische Gießen führte.
Während die kaum schulpflichtige Tochter bereits zuvor von Tante Jele im Kofferraum ihres kleinen Fiat ins sichere Italien geschmuggelt wurde. So ist der Gardasee Adriana Altaras' nächste Station, wo sie bei der nunmehr 94-jährigen, aber immer noch kämpferisch-rüstigen Tante Jele aufwuchs. Bis ihre Eltern, die sich in Gießen inzwischen nicht nur beruflich etabliert hatten, Vater Jakob als Medizinprofessor, Mutter Thea als Architektin und umtriebige Neugründerin der Jüdischen Gemeinde, die Tochter nach Deutschland holten. Aber nicht zu sich nach Hause, sondern in ein anthroposophisch geprägtes Waldorfinternat, was Adriana offenbar bis heute nicht überwunden hat.
Heute ist die Regisseurin, Schauspielerin (vor allem in Filmen von Rudolf Thome) und Autorin, mit dem Komponisten Wolfgang Böhmer verheiratet, der auch die Musik zu Regina Schillings Dokfilm geschrieben hat, die Ehefrau eines deutschen Katholiken und Mutter zweier Kinder. Welche sich zu ihrer – inzwischen durchaus freudigen – Überraschung dem jüdischen Glauben ihrer Vorfahren zugewandt haben. So endet „Titos Brille“ nach weiteren Stationen u.a in Split und auf der Insel Rab mit einer ausgelassenen Bar Mizwa-Feier ihres jüngeren Sohnes in Berlin.
„Was ist der Unterschied zwischen einer jüdischen Mutter und einem Pitbull? Der Pitbull lässt irgendwann los“: Die herrlich selbstironische Adriana Altaras, auf ihrer Reise in die Vergangenheit nur von der Filmemacherin Regina Schilling und dem Kameramann Johann Feindt begleitet, blickt auf ein bewegtes Leben zurück mit einer so erstaunlichen wie berührenden Heiterkeit und Gelassenheit. Der Film offenbart dennoch die bis heute spürbaren Wunden der Vergangenheit, welche auch in der nachfolgenden Generation eine Suche nach den familiären, nach den eigenen Wurzeln auslösen.
Die Regisseurin Regina Schilling hat Adriana nicht mit dokumentarischer Distanz, sondern mit einer Sympathie und Verständnis ausdrückenden Nähe begleitet. Sympathie für den selbstironischen jüdischen Witz ihrer Protagonistin, zu dem auch der Titel der Autobiographie gehört, und Verständnis für ihre Probleme mit einem Vater, der immer ein (Frauen-) Held sein wollte, und mit einer strengen Mutter, die zwar als Partisanin auf der richtigen Seite stand und Arm in Arm mit ihren Kameraden für den Fotografen posierte, aber nicht in der Lage war, ihre siebenjährige Tochter bei sich daheim in Gießen aufzunehmen – oder sie auch nur ein einziges Mal in den Arm zu nehmen.
Apropos „Titos Brille“. Der Titel des Buches wie des Films spielt auf eine der väterlichen Legenden an, nach denen er vor einer entscheidenden Schlacht die zerbrochene Brille des Partisanenführers und späteren jugoslawischen Staatschefs geflickt hat. Dabei, so recherchierte Adriana Altaras, trug Tito zu dieser Zeit gar keine Brille. Sie selbst, auch das ist in Regina Schillings Film zu sehen, war bereits als Dreijährige ein veritabler Filmstar: In einem Propagandastreifen, der jedes Jahr zu Titos Geburtstag im ganzen Land gezeigt wurde, spielt Adriana ein kleines Mädchen, das sich vor den Faschisten versteckt hat und nun, mit Hilfe von Gänseblümchen, den Partisanen erklärt, dass alle anderen Dorfbewohner entweder getötet oder deportiert worden sind. Free-TV-Premiere war am 19. September 2015 in der ARD.
Pitt Herrmann