Selbstgespräche

Deutschland 2007/2008 Spielfilm

Selbstgespräche


Von Horst Peter Koll, film-dienst, Nr. 16, 2008

Natürlich höre er ihr zu, und dabei müsse er sie gar nicht anschauen. Er könne ja auch Auto fahren und dabei zugleich Radio hören. Dass seine Frau auf solch "logische" Erklärung eher resigniert-unwirsch reagiert, kann Richard Harms wiederum gar nicht verstehen. Harms trainiert und motiviert ein kleines Team von Mitarbeitern, die von einem Kölner Callcenter aus überrumpelten Kunden am Telefon einen neuen digitalen Telefonanschluss verkaufen sollen. Dabei haben Ansprache, Überredungs- und Argumentationskunst, Stimmlage und positive Ausstrahlung höchste Priorität – Dinge, die Harms dem Team als notwendige taktische Sprachakte predigt, ihn selbst aber längst vom normalen Gespräch und damit von seinem eigenen Alltag, seiner Frau und seiner Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber entfremdet haben. Gesprochen wird in André Erkaus episodisch um einen kleinen Reigen von Protagonisten konzipierter Komödie nahezu unentwegt, deren Titel sehr genau das Dilemma dieser Personen anspricht: Sie reden beruflich wie auch privat pausenlos – zumeist aber doch eher aneinander vorbei; sie führen kein Gespräch mit einem sichtbaren oder (am Ende einer Telefonleitung) "unsichtbaren" Gegenüber, sondern Selbstgespräche, in denen sie sich die Verhältnisse schönreden, sich belügen und der Realität elegant ausweichen. Vor allem der 30-jährige Sascha, neu im Team, entwickelt dabei "Qualitäten": Sein Traum von einer Karriere als Fernsehmoderator ist eine kindisch-naive Illusion; dass seine Freundin schwanger ist, überfordert ihn in jeder Hinsicht. Dennoch gibt er sich selbstsicher und überlegen, besonders gegenüber dem gleichaltrigen Adrian, dem "Top Seller" im Callcenter, der abseits vom Verkaufsgespräch ein verklemmt-schüchterner Zeitgenosse ist und mit seinem verbitterten Vater zusammenlebt. Die 29-jährige Marie schließlich hat Architektur studiert, wurde vom Vater ihres Kindes verlassen und muss nun jobben; dass der Ex zurückkehrt, ihr Unterstützung zusagt, zugleich aber mitteilt, dass er wieder heiraten werde, droht, sie zur verbitterten Einzelkämpferin zu machen.

André Erkau hat während seines Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln selbst in einem Callcenter gearbeitet und den tristen Arbeitsverhältnissen, dem permanenten Leistungsdruck und der ständigen Angst, jederzeit gefeuert zu werden, die realen Eckdaten für seinen tragikomischen Episodenfilm abgeschaut. Daraus ist erfreulicherweise kein dröger "Sozialreport" geworden, auch wenn Erkau jederzeit präzise die Kehrseiten eines solchen absolut unsozialen Callcenter-Jobs vermittelt; darüber hinaus aber verdichtet er den authentischen Stoff durchweg überzeugend zu einem inszenatorisch geschickt gefächerten Reigen einfühlsamer, mal komischer, mal intimer Einzelporträts, die schon allein für sich überzeugen, in der Verzahnung aber einen besonderen Reiz entfalten, wenn die Figuren auf unterschiedliche Weise miteinander in Korrespondenz treten. Das ist, natürlich, primär ein Film der Sprache, und die Dialoge, besser gesagt die vielen "Selbstgespräche", sind ebenso vorzüglich komponiert, wie sie punktgenau von den guten Darstellern vorgetragen werden. In der zurückhaltenden, nur auf den ersten Blick nicht sonderlich auffälligen Inszenierung liegt ebenso viel kompositorische (auch musikkompositorische) Sorgfalt, etwa wenn in einer langen Plansequenz die Gleichzeitigkeit der Ereignisse im Center charakterisiert wird oder wenn es zwischen den turbulenten Szenen immer wieder subtile "Ruheinseln" gibt, auf denen die Figuren ganz allmählich zur Besinnung kommen und wie aus einem bizarren Albtraum erwachen. Dass das Team innerhalb von vier Wochen seine Quote um fünf Prozent steigern soll, um gegenüber einem Mitbewerber konkurrenzfähig zu bleiben, wird zur dramatischen Klammer der Handlung; die einfühlsame, durchaus bewegende Einlassung auf die Personen, die "das Menschliche" in sich erst ganz langsam wieder erkennen, nachdem sie einen schmerzhaften Weg der Selbsterkenntnis durchschritten haben, besitzt dabei eine ganz eigene erzählerische Kraft. Diese speist sich auch aus der vermittelten Hoffnung, dass die meisten der Protagonisten am Ende doch genügend Potenzial haben könnten, um sich auf Dauer gegen die eisige Fremdbestimmung zu behaupten.