Blutsfreundschaft

Deutschland Österreich 2009 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Kameraden, Servus“ lautet die österreichische Version des Deutschen Grußes, mit der Willy das Versammlungslokal der Wiener Neonazis betritt. Dort tut sich Großes: Ein „Arierstern“ wird enthüllt, stilecht mit dem Hitlergruß versteht sich. Bei dem Kunstwerk handelt es sich um ein kaum verbrämtes Hakenkreuz, weshalb das voluminöse Bild rasch wieder hinter einem Vorhang verschwindet. Man kann ja nie wissen, wer plötzlich ’reinschneit. Willy betätigt sich geschickt als Rattenfänger, spricht junge Leute, die sich ihre Mahlzeit bei der Suppenküche holen, an, um sie für die „Bewegung“ zu gewinnen unter dem Motto „Österreich(er) zuerst“. Zumindest beim 16-jährigen Axel verfängt seine Masche: Der ist von Zuhause abgehauen, wo sein Stiefvater nicht nur ihn, sondern auch seine Mutter verprügelt, und nun auf der Suche nach Geborgenheit, gern auch in Gemeinschaft.

Dass er vom Regen in die Traufe kommt, bemerkt der naive Axel freilich erst nach knapp neunzig Minuten – wenn es längst zu spät ist. Denn zu diesem Zeitpunkt ist Peter Kerns austriakisch-abgefahrene, also knallhart-trashige Abrechnung mit der immer offener agierenden Neonazi-Szene längst auf dem Weg zu einem schnulzig-harmonischen Märchenfinale, das allseitiges Kopfschütteln hervorgerufen hat nach der ohnehin vom Publikum wie von den Medien sehr zwiespältig aufgenommenen Deutschland-Premiere am 18. Februar 2010 im „Panorama“-Wettbewerb der 60. Berlinale.

„Blutsfreundschaft“ erzählt von der Annäherung des ganz unfreiwillig zum Neonazi mutierten Axel zum achtzigjährigen Gustav Tritzinsky, dem schon recht gebrechlichen schwulen Besitzer einer kleinen Wäscherei und Putzerei. Gustav fühlt sich zu Axel hingezogen, eher väterlich-verantwortungsbewusst als sexuell, weil der 16-Jährige ihn an Hannes erinnert, seinen Bluts-Freund, ja seine Jugendliebe – bei der Hitlerjugend. Eine Geschichte von Treuebruch und Verrat mit tödlichem Ausgang, die Gustav, gönnerhafter König einer kleinen Homo- und Transen-Szene, nie überwunden hat und die nun sein ganzes Denken und Handeln beherrscht.

Gustav gewährt Axel Unterkunft und gibt ihm, nachdem dessen Bewerbung als Security Gard grandios gescheitert ist (Peter Kern in einer markanten Episodenrolle), in seinem kleinen Laden Arbeit, sehr zum Verdruss der neuen rechten Freunde des Jungen, die sich zwar mit dem langmähnig-intellektuellen Dr. Kraake einen homosexuellen Rechtsanwalt leisten und im Keller ihres Stammlokals „Knecht“ mit nackten Oberkörpern Pogo tanzen, sich offiziell aber die Ausweisung, ja insgeheim die Vernichtung aller „Judenschweine“, „Arschficker“ und „Tschuschen“ aus der schönen Alpenrepublik auf die rot-weiß-roten Fahnen geschrieben haben. Samt gewalttätiger Aktionen gegen Angehörige der genannten Zielgruppen.

„Mir san die Elite, da musst du durch“: Axel bringt zunächst einige einschlägige Aufnahmerituale hinter sich, zu denen auch die kollektive Vergewaltigung der Freundin des Ober-Skinheads, Christina Thürmer, gehört. Die Initiation kostet einem der Opfer das Leben – wenn auch ungewollt und eher als Verkettung unglücklicher Umstände. Eine Zäsur, die weder ihn noch Gustav, der von der Bluttat erfährt, ein Stopp-Signal setzen lassen. Ersterer, weil er keinen Ausweg sieht mangels Alternative, letzterer, weil er nicht ganz von der Hand zu weisende Parallelen zieht zu seinem eigenen Verrat als Hitlerjunge. So kommt es zum finalen Showdown vor Gustavs Putzerei...

„Mit einem ganzen Füllhorn von Ideen zeichnet Kern ein reiches Bild einer kleinen vermufften Wiener Stadtlandschaft“: Wer nur nach dieser Charakterisierung aus dem offiziellen „Berlinale-Journal“ den Film Peter Kerns auf seine ganz persönliche Festival-Liste gesetzt hatte, ging spätestens bei der Vergewaltigungs-Szene in die Berliner Nachtluft, aber auch zuvor schon war der Zuschauer-Aderlass im Cubix bemerkenswert. Denn der hierzulande eher als schauspielerndes Schwergewicht bekannte, sich selbst als „absoluten Realisten“ bezeichnende Peter Kern („Haider lebt“) setzt das Publikum seinem ganzen Furor als bekennender österreichischer Homosexueller aus – ungeschützt sozusagen mit bisweilen nicht mehr erträglichem Naturalismus. Andererseits: „Blutsfreundschaft“ einer provokanten Übertreibung zu bezichtigen, geht an der Wirklichkeit vorbei – und das nicht nur im Haider-Land.

Neben dem 65-jährigen Helmut Berger, nach zehnjähriger Leinwand-Abstinenz darf man bei seiner ersten Hauptrolle in einer österreichischen Produktion wohl von einem „Comeback“ des Salzburgers sprechen, überzeugen in weiteren Rollen u.a. Michael Steinocher, Manuel Rubey, Matthias Franz Stein und Oliver Rosskopf. Zum Kinostart hat sich, warum auch immer, der Verleih dazu entschlossen, „Blutsfreundschaft“ unter seinem englischsprachigen Festival-Titel „Initiation“ in die Kinos zu bringen. Bezieht sich Ersterer doch auf die Schuld, die Gustav Tritzinsky einst auf sich geladen hat und Letzterer auf das Ritual, dem sich der 16-jährige Alex unterziehen muss, will er dazugehören zur Wiener Neonazi-Truppe.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 16.11.2008 - 17.12.2008: Wien
Länge:
95 min
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

Uraufführung (AT): 28.10.2009, Wien, IFF;
Kinostart (DE): 23.09.2010

Titel

  • Originaltitel (DE AT) Blutsfreundschaft
  • Arbeitstitel (AT) Die blaue Gitarre
  • Weiterer Titel (DE AT) Initiation

Fassungen

Original

Länge:
95 min
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

Uraufführung (AT): 28.10.2009, Wien, IFF;
Kinostart (DE): 23.09.2010