Pimpinella
"Pimpinella" (1948) von Hedwig und Gerda Otto – Diskriminierung im Puppenreich
Mit dem Motiv der lebendig werdenden Spielzeugpuppen greift "Pimpinella" (1948) von Hedwig Otto und ihrer Tochter Gerda Otto auf ein bewährtes Erzählmuster des Animationsfilms zurück. Bereits in dem um 1912 entstandenen Werbefilm "Hänschens Soldaten" (P: Messter-Film) für die Margarete Steiff GmbH erwachten Soldatenpuppen zum Leben und bestanden allerlei Abenteuer. Es sind zutiefst magische Momente, wenn sich tote Gegenstände beseelen, zumal wenn es sich um menschen- und tierähnliche Puppen handelt. In diesen Momenten wird der Animationsfilm zum Geisterbeschwörer.
Der von der Naturfilm Hubert Schonger produzierte, rund 20minütige Puppentrickfilm "Pimpinella" lief ab Ende 1948 in Märchen- und Matineeveranstaltungen zusammen mit vier weiteren von Schonger hergestellten Kurzfilmen: dem Zeichenfilm "Rotkäppchen" (1948, ca. 18', R: Kurt Stordel), den Handpuppenfilmen "Ein Fass voll Spaß" (1948, ca. 13') und "Das verzauberte Tüchlein" (1948, ca. 24') sowie dem älteren Kulturfilm "Am Horst der wilden Adler" (D 1933, R: Walter Hege). Die Uraufführung fand am 21. Dezember 1948 in den Hahnentor-Lichtspielen in Köln vor Kindern aus Waisenhäusern und Bunkern statt. "Pimpinella" gelangte zudem als Ton- und Stummfilm auf 16mm in den nichtgewerblichen Verleih. Anfang der 1950er Jahre übernahm die Firma Kalle aus Wiesbaden eine stark gekürzte stumme Fassung als Verlagsfilm (Nr. 1208, 32 m) in ihr Ozaphan-Heimkino-Angebot.
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot aus "Pimpinella" |
Hedwig und Gerda Otto.
Über die beiden Kunstgewerblerinnen Hedwig und Gerda Otto ist wenig bekannt. Wie aus den Fragebögen zur Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste hervorgeht, besuchte die am 23. März 1873 in Berlin geborene Hedwig Otto die Sophienschule, anschließend die Kunstschule und die Kunstgewerbeschule in Berlin. 1896 heiratete sie den Maler, Radierer und Heraldiker Georges (Georg) Eugène Otto (1868, Paris – 1939, Berlin). Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete sie als Kunstgewerblerin. Ab 1929 war sie – zusammen mit ihrer Tochter Gerda – bei der Pinschewer-Film A.G. als Gestalterin von Puppenfilmen angestellt. Die Reichkammer der bildenden Künste gruppierte sie später als Kunsthandwerkerin in der Fachgruppe Entwerfer, Entwurf und handwerkliche Ausführung von Stoffpuppen ein. Karoline Klara Hedwig Otto stirbt am 9. März 1959 in Murnau am Staffelsee.
Ihre Tochter Gerda (* 31. März 1897, Berlin) besuchte von 1903 bis 1913 das Sophie-Charlotte-Lyzeum zu Charlottenburg. Von 1915 bis 1916 nahm sie am Seminar für Lehrerinnen der weiblichen Handarbeiten teil, anschließend besuchte sie die Seminare für Gewerbelehrerinnen für Schneidern und Putz. 1917/18 bestand sie die Examen als Gewerbelehrerin für Schneidern und für Putz. Zwischen 1918 bis 1923 arbeitete sie an der Städtischen-Mädchenberufsschule [Hedwig Heyl-Schule]. Danach gab sie den Beruf als Gewerbelehrerin auf, um sich als freie Kunstgewerblerin zu betätigen. Ihr Arbeitsgebiet umfasste künstlerische Charakterpuppen, Dioramen, Puppenwerbefilm vom Manuskript an, inklusive Animation und Aufnahme, sowie Schaufensterdekorationen. Ab Oktober 1928 arbeitete sie zusammen mit ihrer Mutter bei Julius Pinschewer als "Puppenfilm-Fertigerin". Mit der Liquidierung der Firma wurden beide am 31. August 1933 entlassen und waren seitdem arbeitslos. Ein Sterbedatum ist nicht bekannt.
1925 beteiligte sich Hedwig Otto an einer Weihnachtsmesse des Verbands für Deutsche Frauenkleidung und Frauenkultur in Berlin-Charlottenburg; sie hatte "Wollpuppen zu Hirten, Engeln, Marien" geformt, die sie "mit ausdrucksvoller Bewegtheit" beseelte. (DAZ, 5.12.1925) Eine Wollpuppe mit dem Aufkleber "Hedwig Otto Puppe" und der Jahresangabe "1922" wurde im Juli 2025 im Handel angeboten. Die rund 13 cm hohe Figur steht auf einem Holzplinthe und zeigt eine ganz aus Wolle gewickelte junge Frau, die leicht gebückt mit Stricken beschäftigt ist, ein Körbchen mit Wollknäueln am Arm. Der grobe graue Rock unter einer braunen Schürze weist sie als Mädchen aus dem Volke oder als Dienstmagd aus. Es ist eine nach dem Leben gestaltete Charakterpuppe, aber kein Spielzeug, eher ein Ausstellungs- oder Sammelobjekt.
1928 gewannen die beiden Ottos Preise bei einer Puppenschau des KaDeWe. Gerda war wohl mit den von ihr 1927 entwickelten "Sandfüllpuppen und -tieren" vertreten, auf denen sie ein Gebrauchsmuster angemeldet hatte. (Deutsche Spielwaren-Zeitung, 1927, S. 105) Beide Puppen gelangten 1928 als Schenkung in das Deutsche Spielzeugmuseum in Sonneberg. Die Künstlerpuppe "Sixtus Beckmesser" (Inv.-Nr. 95/826) von Hedwig Otto greift auf die gleichnamige Figur aus Richard Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" zurück, wo er einen pedantischen Stadtschreiber und unkreativen Meistersinger darstellt. Die rund 60 cm hohe Figur ist nach der farbenfrohen Mode der Renaissance gekleidet. Leicht zurückgelehnt greift sie in die Saiten einer Laute. Der karikaturhaft ausgeführte Kopf mit einer ausgeprägt spitzen Nase, geschlossenen Augen und heruntergezogenen Mundwinkeln charakterisiert ihn als eingebildet, überheblich und wenig sympathische Figur.
Die Figurengruppe "Prinzessin aus dem Märchen 'Der Froschkönig'" (Inv.-Nr. 2085) von Gerda Otto dürfte ebenfalls 1928 nach Sonneberg gekommen sein. Die 40 cm hohe Prinzessin ist in einer abwehrend-erschrockenen Haltung vorgestellt, denn auf ihrem weit ausladenden Rock hockt der Frosch mit der Krone auf dem Kopf. Der wehende Schleier der Prinzessin verstärkt den bewegt-dynamischen Ausdruck der Figur. Ihr kindlich anmutendes Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund drückt Erstaunen und Verwirrung aus.
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot aus "Pimpinella" |
Möglicherweise wurde der Werbefilmproduzent Julius Pinschewer – stets auf der Suche nach neuen Ideen und Talenten – durch die Ausstellung im KaDeWe auf die fast schon filmisch ausgeführten Figuren von Hedwig und Gerda Otto aufmerksam und engagierte sie für Werbefilme. So entstanden zwischen 1929 und 1933 eine Reihe von drei- bis fünfminütigen Kurzwerbefilmen im Puppentrick. "Im Filmatelier" (1927) wirbt eine affektierte Diva, die entfernt an Margo Lion erinnert, für Aspirin-Kopfschmerzmittel. "Kirmes In Hollywood" (1930) parodiert Buster Keaton und Emil Jannings: Der schmächtige Keaton gewinnt einen Boxkampf gegen den korpulenten Jannings dank Muskelmasse aufbauender Nestlé-Schokolade. Die Puppen zeichnen sich durch genaue Beobachtung und feinen Witz aus, der Neuen Sachlichkeit verpflichtet. Die Animation der Ottos wirkt in diesen Filmen noch etwas holprig, was vermutlich auch den nicht allzu hohen Produktionskosten geschuldet ist.
Eine Anzeige im Berliner Tageblatt vom 20. November 1928 hatte die Namen und Anschriften der Wettbewerbsteilnehmer der KaDeWe-Puppenschau veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass beide Ottos in der Goethestraße 31 in Charlottenburg wohnten. Im Berliner Adressbuch von 1933 ist Hedwig Otto als Kunstmalerin verzeichnet. 1943 lebten Mutter und Tochter weiterhin in der Goethestraße 31 und bezeichneten sich nun als Kunstgewerblerinnen. Wie ihre Mutter wurde auch Gerda nach der Entlassung bei Julius Pinschewer im August 1933 arbeitslos. 1943 zogen beide nach Inning am Ammersee. Dort animierte Gerda Otto zusammen mit Hubert Schonger den knapp 40minüten Puppentrickfilm "Der kleine Däumling" nach dem Märchen der Gebrüder Grimm. Beide Ottos standen auch dem Fidus-Kreis nahe.
Neue Puppentrickfilme entstanden erst wieder in den ersten Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik für die Kinder- und Märchenfilmproduktion von Hubert Schonger in Inning am Ammersee, wo beide weiterhin wohnten (AdJb, N 38, 77). Für Schonger entstand 1948 "Pimpinella" mit einer präzisen und flüssigen Puppenführung; die Figuren sind überwiegend aus Filz, Stoff und Wolle gebaut. Um 1949 verantworteten sie auch die Ausstattung für den Handpuppenfilm "Blümlein Wunderhold". Die Kulissen waren wie im Kasperletheater üblich recht einfach gehalten; Puppenkleider für König, Prinzessin, Hofstaat, Arzt, Bauersleute und Berggeist dagegen phantasievoll-prächtig ausgeführt.
Der Film.
Um Mitternacht erwachen in der Werkstatt eines Spielzeugmachers die unterschiedlichsten Puppen zum Leben. Bestürzt stellen sie fest, dass Pimpinella zerbrochen ist und beginnen, die Teile wieder zusammenzufügen. Der Bär bringt versehentlich zwei Froschbeine an, so dass das zarte Püppchen fortan auf zwei fremden Füßen steht. Als eine Schildwache Pimpinella daraufhin auslacht, fällt sie vom Tisch und landet im Keller eines Trödlers. Dort verbindet sie einem Zugpferdchen ein gebrochenes Bein. Beide fliehen. Unterwegs befreit Pimpinella einen Flugdrachen, der sich in einem Baum verfangen hat, und fliegt mit ihm davon. Über einer Stadt lässt sie sich fallen und gelangt durch einen Schornstein in eine gutbürgerliche Stube. Eine in Rokokokleidern angezogene Teewärmer-Puppe macht sich über ihre Froschbeine lustig. Eine sitzende Figur mit chinesischen Gesichtszügen und einer Kopfbedeckung im Stil eines Stupa weist sie daraufhin zurecht. Pimpinella flüchtet erneut und gelangt in ein Spielzeugzimmer, wo sich nun auch die anderen Puppen hochnäsig von ihr abwenden. Tieftraurig versteckt sie sich hinter dem Vorhang einer kleinen Theaterbühne. Dort hat sich zwischenzeitlich der Frosch eingefunden, der auf Pimpinellas Beinen herumstolziert. Der weise Chinese eilt herbei, um die Verwechslung aufzulösen und die Beine richtig zuzuordnen. Mit Zaubergesten verwandelt er Pimpinella in eine Prinzessin. Sie küsst den Frosch, der sich daraufhin als Prinz entpuppt. Der Theatervorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf das Reich des Prinzen. Unter dem Applaus der zahlreich erschienenen Untertanen besteigen beide die Hochzeitskutsche und fahren in ihr gemeinsames Glück.
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| Aushangfoto "Pimpinella" |
| Foto: DFF |
Sechs große Sequenzen strukturieren die Handlung. Die erste Sequenz spielt zwischen Mitternacht und 1 Uhr. Ein Schwenk als establishing shot präsentiert den Handlungsort. An einer Kuckucksuhr schlägt das Pendel hin und her. Vor dem Fenster steigt der Vollmond auf. In Nahaufnahme blinzelt er belustigt. Schwenk zurück auf die Uhr, wo der Kuckuck zur Mitternacht zwitschert. Immer noch zwitschernd und flügelschlagend fliegt er durch die Lüfte und landet auf einer Spieluhr, eine Art erzgebirgische Pyramide, die mit zahlreichen Glockenblumen verziert ist. Während sie sich dreht, schaukeln alle Blümchen gleichzeitig mit ihren Köpfchen, während auf der Spitze der Kuckuck sein Jüngstes füttert. Ein Schwenk zeigt die schlafenden Spielzeuge, die nun zum Leben erwachen. Eine Schildwache, ein Bär, drei biedermeierlich gekleidete Püppchen – rund ein Dutzend Spielzeugfiguren rufen nach Pimpinella. In Nahaufnahme: die rufende Schildwache. Eine kleine Puppe findet die zerbrochene Pimpinella, beugt sich über sie, während im Hintergrund gleichzeitig andere Puppen vorbeilaufen.
Die erste Sequenz ist durchweg auf dynamische Bewegung ausgelegt; Draufsichten und Untersichten wechseln mit Nah- und Detailaufnahmen, Schwenks und Zwischenschnitte lösen Szenen auf. Nachdem Pimpinella wiederhergestellt ist, allerdings mit Froschfüßen, wird sie von den anderen Puppen beglückwünscht. Im Kreis umtanzen sie die glückliche Pimpinella, die sich mit ihnen dreht und anmutig ihr Röckchen anhebt. Eine Nahaufnahme zeigt die applaudierenden Puppen. Der Schnitt wechselt zur sich weiterhin drehenden Spieluhr, während sich an der Wand die Schatten der tanzenden Puppen abzeichnen. Der freudige Tanz geht weiter, alles ist in Bewegung. In Nahaufnahme verfolgt die Kamera einen Ottomanen Richtung Spieluhr, während im Hintergrund andere Puppen vorbeitanzen. Auch an der Wand hängende Hampelmänner zucken im Takt der Tanzmusik. Fingerhut und Garnrolle bekommen Beinchen und hüpfen durch die Gegend. Zwei bayerische Püppchen führen einen Schuhplattler auf. Auf dem Fensterbrett spielen drei schwarze Musiker Jazz.
Pimpinella verbeugt sich vor der übergroßen Schildwache, macht einen Knicks und bemerkt zum ersten Mal ihre Froschfüße. Die Kamera zeigt diese in Großaufnahme. Die Schildwache lacht Pimpinella aus. Die folgende Einstellung zeigt die Schildwache in Rückenansicht, wobei der Fokus auf der erschrocken zurückweichenden Pimpinella liegt. Über die Tischkante fällt sie zu Boden, ohne dass, wie vorhin beim Flug des Kuckucks, tricktechnische Hilfsmittel wie etwa Schnüre sichtbar wären.
Die zweite Sequenz spielt im Keller eines Lumpensammlers und Trödlers. Hier werden nur wenige Figuren animiert. Pimpinella findet sich, bitterlich weinend, auf einem mit Säcken beladenen Holzkarren wieder – eine Reminiszenz an die Flüchtlingstrecks, die nach Kriegsende mit wenigen Habseligkeiten beladen durch Deutschland zogen. Im zugemüllten Keller wird das Mädchen von einem kaputten, gierig das Maul aufreißenden Männerschuh bedroht. Diese Szene kann durchaus als Hinweis auf die zahlreichen Vergewaltigungen jener Jahre interpretiert werden. Pimpinella rettet sich, indem sie den Lumpenhaufen herunterrutscht.
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot aus "Pimpinella" |
Auch in der dritten (Befreiung des Flugdrachens) und vierten Sequenz (bürgerliche Stube) setzen Hedwig und Gerda Otto nur ein reduziertes Figurenensemble ein. Im Bürgerhaushalt sind das die Rokoko-Puppe und der weise Chinese. Als die Rokoko-Dame sich über Pimpinellas Froschfüße lustig macht, lässt dieser mit einer Handbewegung (Überblendungstrick) ihren Rock verschwinden, und der Zuschauer erkennt, dass sie, die keinen Unterleib hat, selbst behindert ist. Auf diese Zurechtweisung reagiert sie mit gezierten, indignierten Bewegungen. Pimpinella legt sich daraufhin in einer Sofaecke schlafen. Ein Sänger nähert sich und bringt ihr ein romantisches Ständchen dar. Die Kamera zeigt ihn anschließend von hinten: Pimpinella erwacht, die Decke verschiebt sich und legt ihre Froschbeine frei, worauf der Sänger schlagartig das Interesse an ihr verliert. Pimpinella bleibt allein zurück und befühlt traurig die fremden Füße. Sie schämt sich und verlässt das Zimmer. Vergeblich versucht sie, die Froschfüße unter ihrem Rock zu verstecken.
Die folgende Sequenz zeigt Pimpinella in einem Spielzimmer, wo andere Puppen ihre Füße entdecken, mit den Fingern auf sie zeigen, die Nase rümpfen und ihr abweisend den Rücken zukehren. Nach dieser Zurückweisung versteckt sich Pimpinella hinter dem Vorhang einer kleinen Theaterbühne, nur ihre Froschfüße lugen hervor. Auftritt des Frosches mit den Mädchenbeinen und des weisen Chinesen, der die vertauschten Beine wieder richtig zuordnet. Pimpinella wird zur Prinzessin, und mit einem Knall verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen.
Die letzte Sequenz beeindruckt erneut durch die Vielzahl der eingesetzten Puppen. Ähnlich wie im Theater öffnet sich der Vorhang und eine weitläufige Märchenlandschaft mit mittelalterlich anmutenden Gebäuden wird sichtbar. Links und rechts stehen die Untertanen Spalier und winken den Glücklichen zu. Ein kleiner Mohr mit Turban trägt Pimpinellas Schleife. Im Hintergrund fährt die Hochzeitskutsche vor. In einer schrägen Draufsicht besteigen beide die Kutsche, während das umstehende Volk weiter jubelt. Die Kamera schwenkt über die jubelnden Menschen; es sind freundliche, bäuerlich-gemütliche Gesichter. (Abb. 5)
Die von weißen Zugpferdchen gezogene Kutsche fährt durch eine Märchenlandschaft. Wieder sehen wir jubelnde Zaungäste. In wechselnden Einstellungen geht es durch einen wundersam lichten Wald mit Pailletten-behangenen Bäumen. Begeisterte Menschen laufen der Kutsche hinterher, ein Kind stolpert und bleibt liegen – nur eines der vielen kleinen Details am Rande, die diesen Puppentrickfilm so bemerkenswert machen.
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot aus "Pimpinella" |
Mit den Erlebnissen der auf Grund ihrer Missbildung verlachten und verspotteten Pimpinella reagierten Hedwig und Gerda Otto auf das verbreitete Vorurteil gegenüber Menschen mit Behinderung. Die Schildwache als Symbol der Autorität, eine ebenfalls behinderte, weil unterleiblose Puppe, ein Liebhaber und sogar die Artgenossen verstoßen sie. Der Film wendet sich gegen eine gedankenlose Abwehr und Ablehnung des Anderen. Die Künstlerinnen setzen dabei auf die Sympathie des Zuschauers mit der als zart-zierliches Püppchen modellierten Pimpinella, fast noch ein Kind, mit breitem Rock (der die Froschfüße anfänglich verbirgt) und einem Schulterschal. Die übergroßen Kulleraugen mit langen, nach außen geschwungenen Wimpern verstärken den kindlich-naiven, ja hilflosen Gesichtsausdruck. Die ungewöhnlich umwickelten und abstehenden Zöpfe der blonden Haare heben Pimpinella aus dem Gros vergleichbarer Puppen heraus und machen sie einzigartig. Nach ihrer Umwandlung in eine Prinzessin – der Film ist schließlich ein Märchen – kann sie dann auch zum ersten Mal lächeln.
Reaktionen.
"Pimpinella" war 1949 für die 10. Biennale in Venedig zum 1. Internationalen Kinderfilmfestival angemeldet, wurde aber nicht zum Wettbewerb zugelassen. Die Verantwortlichen hatten Zweifel, ob der Film wirklich der Psychologie junger Menschen entspricht. Aufgrund der zweifellos vorhandenen künstlerischen und technischen Werte – so die Begründung – erhielt der Film dennoch eine besondere Erwähnung.
Für Walter Richter im Filmpost Archiv (1949) scheint "Pimpinella" besonders für Mädchen interessant zu sein; aber auch Buben könnten das Geschehen mit nicht minderer Anteilnahme verfolgen. Der "mit Liebe und Hingabe, in unsagbar mühevoller Klein- und Kleinstarbeit" geschaffene Film verdiene "restlose Anerkennung". Die Geschichte beweise zudem ein gutes Einfühlungsvermögen der Filmschöpfer in die kindliche Welt. Die untermalende Musik verleihe dem Film "zauberhaften Hauch und Glanz."
Archive:
Landesarchiv Berlin: Reichskammer der bildenden Künste, Landesleitung Berlin, A Rep. 243-04: 6449 (Personenakte Gerda Otto) + Rep. 243-04: 6450 (Personenakte Hedwig Otto)
Archiv der deutschen Jugendbewegung (AdJb, N 38, 77, Bl. 30ff)
Literatur:
E.F.: Krippen, Kleider und Frauenkultur. In: Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), Nr. 572, 6.12.1925
Castrop-Rauxeler Volkszeitung, Nr. 42, 12.2.1927 (Rubrik: Westfalen und Nachbarprovinzen)
Berliner Tageblatt, Nr. 549, 20.11.1928 (Anzeige: Puppenschau mit Wettbewerb im KaDeWe)
"Rotkäppchen" von Hubert Schonger. In: Film-Echo, Nr. 1, Januar 1949, S. 9
Marbacher Zeitung, Nr. 20, 3.11.1949 (Anzeige der „Kammer-Lichtspiele Marbach“)
Walter Richter: Pimpinella. In: Filmpost Archiv, Nr. 4, 1949, A 10, S. 1
Badische Neueste Nachrichten, Nr. 237, 11.10.1952 (Anzeige der "Kurbel")
https://asac.labiennale.org/attivita/cinema/2496 (2.7.2025)
(November 2025)




