Deutschland im Herbst

Hans-Christoph Blumenberg, Die Zeit, 10.03.1978

Preise hat es natürlich auch gegeben in Berlin, aber man darf wohl nicht allzu ernst nehmen, was sich die illustre Jury unter dem Vorsitz der amerikanischen Schriftstellerin Patricia Highsmith nach langen Diskussionen ausgedacht hat: Die Vergabe des Goldenen Bären an die beiden spanischen Beiträge "Die Forellen" und "Die Worte von Max" löste kaum mehr als ungläubiges Staunen aus. Und auch der Regie-Preis für den Bulgaren Georgi Djulgerov ("Der Vorteil") und der Silber-Bär für den besten Erstling an Kubas "Der Lehrer" (Regie: Octavio Cortazar) dürften letztlich eher mit politischem Kalkül als mit künstlerischer Qualität zu tun haben. Dass Gena Rowlands, deren Porträt einer psychisch gestörten Schauspielerin in John Cassavetes "Opening Night" zu den stärksten Eindrücken dieses Festivals gehörte, die Auszeichnung als beste Darstellerin bekam, tröstet nur wenig.

Das Wettbewerbs-Programm der 28. Berlinale, bot nicht viel, woran sich zu erinnern lohnt, kaum Filme, die man demnächst im Kino wiedersehen möchte. Mit seinen "Schachspielern" bewies der große indische Regisseur Satyajit Ray wieder einmal seine Meisterschaft: ein ironischer, vielfach gebrochener Essay über den britischen Kolonialismus in Indien, die Geschichte zweier einheimischer Lebemänner, die sich mit nonchalanter Dekadenz so lange ihrem Müßiggang hingeben, bis ihre von Stil und Tradition geprägte Welt restlos zusammenbricht. Interessant auch "Der Tod des Präsidenten" des Polen Jorzy Kawalerowicz, die geradezu fanatisch detaillierte Rekonstruktion der Präsidentschaftswahl des Jahres 1922 und ihrer unmittelbaren Folgen: Die dokumentarische Präzision des Regisseurs von "Nachtzug" und "Mutter Johanna von den Engeln" lässt konventionelle Kino-Dramaturgie weit hinter sich – eine Folge endloser Rede-Duelle, die, im Zeichen einer ersten faschistischen Bedrohung, alle Subtilitäten polnischer Innenpolitik auskostet, Historiker freilich mehr befriedigt als Cinephile.

Nicht im Wettbewerb, aber immerhin im offiziellen Programm: Claude Millers französische Highsmith-Adaption "Der süße Wahn", eine von Gérard Depardieu mit nervöser Energie gespielte Studie über einen Psychopathen. Und – ein Fest fast schon für Nekrophile – der gewiss letzte Auftritt der 85-jährigen Mae West, die in "Sextette" von Ken Hughes mit brüchiger Stimme und unsicherem Gang eine manchmal rührende, meist aber nur pervers komische Imitation ihrer Legende als "Statue of Libido" liefert: Der schamlose Auftritt einer unwürdigen Greisin, die sich hier mit Rock-Stars von der Statur eines Ringo-Stars und eines Alice Cooper umgibt. Wenn Film, wie Rossellini meinte, bedeutet, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen, dann muss man "Sextette"" einen bewegenden Film nennen.

Berlin 1978: ein schwacher Wettbewerb, aber kein schlechtes Festival. Wer sich nicht allzu sehr irritieren ließ, vom bunt zusammengewürfelten Allerlei im Zoo-Palast, kam dennoch leicht auf seine Kosten. Einmal ist es Wolf Donner und seiner Mannschaft rasch gelungen, die Berlinale in einer entspannten, freundlichen Atmosphäre stattfinden zu lassen, die anders als das Tollhaus von Cannes, zum Reden und Reflektieren einlädt, zum anderen beweist sich die Attraktivität dieses Festivals zunehmend als repräsentatives Schaufenster des deutschen Kinos, An die fünfzig neue deutsche Filme waren in Berlin zu sehen, im Wettbewerb, im Forum des jungen Films, in einer 1977 neu konzipierten deutschen Reihe, in Messe- und Sondervorführungen: ein kaum noch überschaubares Ensemble von Namen und Titeln, attraktiv auch und zumal für die ausländischen Besucher, die sich hier zwölf Tage lang einen konzentrierten Überblick über die Vielfalt der deutschen Produktion verschaffen konnten.
Während die aktuelle filmpolitische Diskussion den Schluss nahe legt, mit dem deutschen Kino gehe es bald zuende, wunderten und freuten sich die Berlinale-Besucher über die Lebendigkeit des vermeintlichen Todeskandidaten, auch wenn die meisten der neuen deutschen Filme alles andere als fröhlich sind.

"Deutschland im Herbst": nicht nur der Titel des mit besonderer Spannung erwarteten, vom Filmverlag der Autoren initiierten Gemeinschafts-Unternehmens einiger bekannter deutscher Regisseure über die Folgen von Schleyer, Stammheim und Mogadischu, sondern auch geheimes Leitmotiv der gegenwärtigen nationalen Produktion: grausamer Schulstress und entsprechend grausame Schüler-Phantasien in Hark Bohms "Moritz, lieber Moritz", einem mit cleverem kommerziellen Kalkül inszenierten Pubertäts-Drama, dessen mitunter fast unerträglich grobschlächtigen inszenatorischen Tricks dennoch eine überzeugende Wut und emotionale Stärke nicht verdecken; Arbeitslosigkeit und Autoritätsangst in Uwe Brandners drittem Spielfilm "Halbe-Halbe", der Versuch eines lockeren Schwabing-Films zehn Jahre nach der Hochzeit der Schwabing-Filme, aber eben schon ganz schön abgeschlafft, mit grauen Witzen -und einer Sehnsucht nach wärmeren Zeiten.

Grau und sehnsuchtsvoll ist auch der neue Film von Brandners Schriftsteller-Kollegen Hans Noever: "Die Frau gegenüber", halb Psycho-Thriller, halb Berliner Altbau-Elegie, die düstere, in stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bildern erzählte Geschichte einer gefangenen Frau und ihres pathologisch eifersüchtigen Mannes, etwas unsicher, noch im Dramaturgie und Erzähl-Rhythmus, aber über weite Strecken sehenswert.

Grell und sehnsuchtsvoll: "Flammende Herzen", der erste Kino-Film der Kölner Walter Bockmayer und Rolf Bührmann, einer der besten originellsten deutschen Filme in Berlin. Ein tumber Tor aus dem hintersten Bayern, schwergewichtiger Kiosk-Besitzer und Peter-Kraus-Fan, bricht auf zu seiner Traumreise nach New York, wo ihm Barbara Valentin (die sich spätestens hier, als abgewrackte Stripperin voller Angst, Einsamkeit und Glücksträume, als bedeutende Schauspielerin erweist) begegnet: Eine Liebesgeschichte zwischen Außenseitern, die die Hoffnungen und Defekte der Figuren auf überzeugende Weise ernst nimmt.

Still und böse: "Das andere Lächeln" von Robert van Ackeren, ein subtiles Kleinbürger-Melodram mit erstarrten Gefühlen und komischen Ritualen, mit Bedacht so bunt und unverträglich wie einer jener schweren, süßen Liköre, die sich van Ackerens Protagonisten zuführen. Flammende Herzen, längst erkaltet, aber wo Bockmayers und Bührmanns trauriger Held wenigstens noch die (vergebliche) Fluchtbewegung aus dem herbstlichen Deutschland versucht, richten sich die Figuren im "Anderen Lächeln" in ihren Wohngruften nur noch auf ein langsames Sterben ein.
Und eben "Herbst in Deutschland", in gewisser Hinsicht der wichtigste Film der Berlinale, von der Jury nur mit einer lobenden Erwähnung bedacht. Mitsamt seinen Schwächen (die Spannungen und Eifersüchteleien zwischen den beteiligten Regisseuren waren in Berlin noch deutlich zu spüren) könnte dieser Film ein Modell für eine unabhängige Kino-Arbeit werden: die spontane Reaktion einiger Regisseure auf jene Ereignisse, die Deutschland im letzten Oktober erschütterten, nicht gefiltert durch die Kompromisse des Gremien-Kinos, schnell und billig hergestellt, eine gerade in ihrer Unausgewogenheit wichtige Mischung aus Zorn und Satire, Selbstmitleid und Reflektion, dokumentarischer Direktheit und Spielfilm-Versuch.

"Deutschland im Herbst" ist kein Episoden-Film wie vor elf Jahren sein französisches Gegenstück "Fern von Vietnam" (mit Beiträgen von Godard, Resnais und anderen). Der Film, der mit der von Alexander Kluge und Volker Schlöndorff aufgenommenen Trauerfeier für Hans-Martin Schleyer beginnt und mit dem tumultuarischen Begräbnis der drei toten Terroristen von Stammheim endet (mit eindringlichen Bildern voller Chaos und Hilflosigkeit, um die uns das Fernsehen betrogen hat), besitzt eine von Kluge und seiner Cutterin Beate Mainka-Jellinghaus ersonnene Struktur. Verbale und optische Assoziationen, historische Zitate (die Beerdigung des von Hitler zum Selbstmord gezwungenen Feldmarschalls Erwin Rommel, dessen Sohn den Terroristen eine menschenwürdige Bestattung zubilligt). Bilder vom Bundeswehr-Manöver "Standhafte Chatten", von Herbert Wehner auf dem SPD-Parteitag, drängen sich zwischen die einzelnen Beiträge, brechen sie auf, setzen sie in Beziehung zueinander.

Was sonst noch zu sehen ist in diesem Film: ein Gespräch zwischen dem Häftling Horst Mahler und dem Schauspieler Helmut Griem, Wolf Biermann, der sein Gedicht "Mädchen in Stuttgart" vorträgt (gefilmt von Alf Brustellin und Bernhard Sinkel), eine von Heinrich Böll geschriebene und von Volker Schlöndorff inszenierte Zensur-Satire (über die Absetzung einer Antigone-Inszenierung, denn auch Sophokles mit seinen "terroristischen Weibern" passt nicht in die politische Landschaft), Hannolore Hoger als hessische Geschichtslehrerin, "seit Herbst 1977 im Zweifel, was sie nun denn unterrichten soll, auf der Suche nach den Grundlagen der deutschen Geschichte" (natürlich eine Kluge-Figur). Und zwei kurze Polit-Krimis mit "Tatort"-Touch (von Edgar Reitz und den Münchner "Roten Rüben" Hans Peter Cloos und Katja Rupe), überflüssig bis ärgerlich, deren glatte Dramaturgie (am schlimmsten bei den "Roten Rüben") unangemessen -und effekthascherisch erscheint: hier spiegelt sich nicht Betroffenheit, sondern Sensations-Sucht.
Und Fassbinder, der von Fassbinder handelt. In seiner dunklen Wohnung, im miesen Streit mit seinem Freund, Kokain schnupfend, erschöpft, kaputt, paranoid, ängstlich. Dazwischen ein hysterisches Streitgespräch mit seiner Mutter, radikales Demokratentum gegen verunsichertes Volksempfinden, und doch nicht nur das. Noch nie hat ein so bedeutender Regisseur wie Fassbinder seine eigene psychische Disposition so ganz ohne den Schutz einer Fiktion preisgegeben: ein radikales Selbstporträt, das Dokument einer Verstörung. Einer, der sich fürchtete im deutschen Herbst, der sich schämte und der zornig war, hat einen radikalen Film gemacht: nicht nur über sich selber.

© Hans C. Blumenberg