Ich habe bezahlt

Im Gespräch mit Manfred Krug

Henry Goldberg, Filmspiegel, Nr. 25, 1989

Sonnabend, 11. November.
Ich bin, wo, so scheint es, alle sind, auf dem Kurfürstendamm. Nichts geht mehr, wir treiben fröhlich durch das Chaos. Ich bin schon seit Donnerstag hier, mit dem antiquierten Dienstvisum. Selten sah ich Papier so gern, so schnell altern. Durch die Landsleute kämpfe ich mir eine Gasse zur komfortablen Eigentumswohnung eines ehemaligen Landsmanns.

Manfred Krug, ich freue mich, daß sie bereit sind, mit mir zu reden…


Ich freue mich, daß sie fähig sind, mit mir zu reden.

Vor einigen Wochen noch hätte mir dieses Gespräch niemand verbieten müssen: Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen… Diese Situation hat etwas merkwürdig Erstaunliches…

Das ist für mich nicht weniger erstaunlich. Deswegen möchte ich etwas sagen, was Sie sicher nicht drucken können. Ich danke den vielen Leuten in der DDR, die durch ihren eisernen Aufenthalt auf Straßen und Plätzen nicht nur sich selbst ein Stückchen Bewegungsfreiheit geschaffen haben, sondern vielleicht auch mir. Übrigens gehören dazu auch die, die abgehauen sind.

Viel zu viele…

Ja. Ich würde jetzt übrigens nicht gehen.

Wirklich?

Ja. Denkt doch mal an sowas: Wenn der Egon Krenz sagt, er ist für freie, geheime und permanent kontrollierbare Wahlen, dann ist das ein wunderbarer Satz für einen Mann, von dem man sagt, er habe es unlängst noch nicht so genau genommen, wirklich. Aber wenn er dann gleich nachschiebt, so undemokratisch sei es doch bisher auch nicht gewesen, dann übersetzt sich das in meinem Kopf gleich in Flüchtlingszahlen. Dann hör ich doch den DDR-Mann zu seiner DDR-Frau sagen: "Erna, mach den Koffer wieder zu, sie lernen's doch nicht."

Vielleicht lernen wir es jetzt.

Aber was für ein Rinnsal an Abhauern wäre es gewesen, verglichen mit dem Strom jetzt, hätte man vor 10 Jahren angefangen, Luft zu machen. Nicht in einer Notsituation, sondern Schritt für Schritt, wohlüberlegt. Und wie berühmt hätte man werden können, wie weltberühmt, wo man so gern berühmt sein wollte. Der jetzt einsame alte Mann wäre in die Geschichte eingegangen, als der weise, wahre Führer seines Volkes. Das ist der Nachteil von uns Menschen: Daß wir nie aus Vernunft vernünftig werden, nur aus der Verzweiflung.

Sie wirken nicht verzweifelt…

Mir geht's gut, in jeder Hinsicht. Ich verdiene genug Geld, um mich in dieser Hinsicht wohl zu fühlen, gut zu leben, sozusagen menschenwürdig. Ich weiß, daß glückt nicht jedem hier, mir ist es geglückt. In dieser Frage ging es mir in der DDR gut, und hier auch wieder. Da bin ich wohl ein Glückspilz.

Also, das Konto stimmt.

Und sonst? Sonst stimmts auch. Meine Kinder haben das Abitur gemacht, ich bin immer noch mit der gleichen Frau verheiratet, was nicht ganz leicht ist, aber das weiß jeder, der es dreißig Jahre lang geschafft hat. Wir wohnen passabel, wir essen viel zu gut wie man sieht, ich hab die Welt gesehen, ich hab nichts zu jammern. Was mich stört, ich hab nie eine Einreise in die DDR bekommen, mit einer Ausnahme, dem 75. Geburtstag meines Vaters.

Das wird sich jetzt wohl ändern…

Gestern jedenfalls wurde mir die Einreise noch verweigert.
Vielleicht hat in der Aufregung nur keiner daran gedacht, den Computer neu zu programmieren. Ich halte es übrigens für undenkbar, daß die bevorstehende Aufführung des vor 23 Jahren verbotenen Filmes "Spur der Steine" ohne den Hauptdarsteller Manfred Krug stattfindet.
Daß wir dieses Interview hier in meiner Westberliner Wohnung machen und nicht in Ostberlin, hat übrigens dort mit diesem Film zu tun. Interessiert Sie das?

Die Idee zu diesem Gespräch hatte ich, als ich den Film vor zwei Wochen erstmals sehen konnte…

Nun gut. Ich war ein loyaler, freiwilliger DDR-Mensch, was man schon daran sieht, daß ich den Bau der Mauer am Fernsehgerät in Duisburg erlebt habe, unverheiratet, kinderlos. Und zurückgekommen bin. Ich habe die Mauer nicht gerade bejubelt damals, aber ich fand sie aus der ökonomischen Not heraus erklärlich. Wir waren der Hoffnung, der berechtigten Hoffnung, daß sich im Schutz der Steine etwas ändern würde, ökonomisch und geistig. Es ist ja auch passiert. Daß wir sozusagen im geschützten Nest das auch mal ein bißchen beschmutzen, also kritisieren dürfen. Und "Spur der Steine" war damals tatsächlich eines dieser erhofften Ergebnisse. Ohne die Mauer, auch wenn das hier im Westen nicht sehr populär ist, wäre er vielleicht gar nicht möglich gewesen.

Aber er war doch auch so nicht möglich?

Vor dem hätten wir ihn gar nicht erst produzieren können. Aber dann kam der Film in die Kinos, und da hat mich das erste Mal in meinem Land eine Sache tief empört und genervt. Es kam nämlich ein Telegramm vom damaligen DEFA-Generaldirektor, ich möge der Premiere auf der Karl-Marx-Allee freundlichst fernbleiben. Da kündigte sich also eine verabredete Riesen-Sauerei an. Es ging dann so weiter, daß Publikum ins Kino kam, mit dem der Protest, der spontane Protest gegen den Film eingeübt worden war. Parteischule oder Kampfgruppe in Zivil, solche Leute. So wurde der Film aufwendig bebuht und aus den Kinos geholt. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, ich könnte im falschen Team spielen. Ich will das nur sagen, weil ich auch ein bißchen wegen "Spur der Steine" hier bin.

Als Sie vorhin von ihren Kindern sprachen, klang es ein wenig so, als hätten sie in der DDR Schwierigkeiten gehabt, das Abitur zu machen. Nun wurden zwar noch im vorigen Jahr Schüler wegen unerlaubten Meinungsbesitzes relegiert, aber Sie waren doch ein Star, ein Priveligierter: "Bitte schön, Herr Krug, welche Oberschule darf's denn sein? Und was darf"s denn sonst noch sein?" Oder nicht?

Nein. Eines kann ich, in aller Selbstkritik, sagen: Ich bin nie bei "Persönlichkeiten" vorstellig geworden, um eine "Sonderbehandlung" zu erlabern. Bis auf eine Ausnahme, als in meiner Heimatstadt Duisburg jemand starb, und ich das Auto haben sollte, das konnte ich dann einführen mit Sondergenehmigung. Nach meinen DDR-Privilegien werde ich auch immer von West-Journalisten gefragt. Und der erste DDR-Journalist nach 12 Jahren fragt mich das gleiche. Mein einziges DDR-Privileg war, sehr gut zu verdienen und mir die Arbeit aussuchen zu können. Mein Wohlleben in der DDR habe ich von meinem Einkommen bezahlt und mein Haus hatte ich nicht durch politische Beziehungen. Ich hatte keine Freunde da oben.

Sie sagten "Spur der Steine" sei der Anfang vom Ende gewesen. Was kam hinzu?

Gleich. Bei "Spur der Steine" hat mich eigentlich weniger das Verbot als solches verschreckt, obwohl das auch schlimm war. Aber viel schlimmer, viel substantieller waren die Methoden, die Art, wie hier mit Leuten umgegangen wurde, die Brutalität, mit der angemaßte "Interessen der Arbeiterklasse" durchgesetzt, durchgedrückt wurden. Es war diese Art von Infamie, es war empörend, für wie blöd, für wie unmündig diese Leute damals das Volk gehalten haben. Das ist beleidigend. Da kam der wahre Ekel auf.

Die Vorgänge um den Film aktivierten Erfahrungen mit dem 11. Plenum, wo gute Leute, engagierte Leute sich demütigen mußten, der arme Kurt Maetzig zum Beispiel, der sich jetzt ja sehr engagiert, sehr couragiert verhalten hat. Alle Menschen entwickeln sich, keiner bleibt wie er war, jeder muß die Chance haben, sich zu wandeln, einen Teil seines Mistes, den er hinterlassen hat, aktiv abzutragen. Frank Beyer hat sich dann übrigens gegen das Ansinnen verwahrt seinen Film an 13 oder 14 Stellen zu kastrieren. Hut ab. Dafür ging er dann zwei Jahre in die "Verbannung", ans Dresdner Theater. Für mich spielte dann der Einmarsch in die CSSR 1986 eine Rolle, da sind wir schon wieder reingetrampelt. Deswegen hab ich jetzt Probleme, wenn ich mit den einsamen alten Männern, die einst so erhaben waren, Mitleid haben soll. So fürstengleich und so mittelmäßig. Als junger Mann war ich ein entflammter Sozialist. Ich kam ja mit 14 aus Duisburg in die DDR. Ich lebte als armes Schwein in Duisburg in der Umgebung von reichen Leuten, und das ließ man mich spüren. In Leipzig war das weg, das war eine Art von Befreiung. Bis ich merkte, die klammern sich ja auch an ihre ganz persönliche Macht, ihren ganz persönlichen Sessel. Is nix mit Volksvertreter, is nix mit Gerechtigkeit.

Aber als Sie in der BRD waren, haben Sie sich kaum gegen die DDR exponiert. Warum?

Ach wissen Sie, wenn es so sehr gefahrlos ist, draufzuhauen, und wenn es danach riecht, daß man durch draufhauen auf den einen Kopf sich Vorteile beschafften will beim anderen, dann mag ich das nicht. Ich hab keinen Flüchtlings-Staub aufwirbeln wollen, ich wollte es als Schauspieler schaffen.

Sie haben es, Sie sind ein Star und verdienen. Ist Ihnen Geld wichtig?

Ich glaube an richtiges Geld, an dessen Ende Ware steht und Leistung. Ja, das ist mir wichtig und ich schäme mich nicht dafür. Andere lieben es übrigens auch, auch die großen moralischen Köpfe, die Fäusteschüttler. Als der Biermann hierherkam, hatte er nach drei Monaten eine wunderfeine Backsteinvilla in Hamburg. Ich hatte Schulden und der hatte 'ne Villa. Und die in Wandlitz hatten auch ihre Villen, die anderen Bosse auch, und da soll ich mich schämen? Ich habe mich nie dafür geschämt, daß es mir gut ging. Ich habe nämlich bezahlt.