Beruf und Berufung

Erwin Geschonneck, Film und Fernsehen, Nr. 9, 1989

Für einen Schauspieler ist es ein großes Glück, in fremde Leben zu schlüpfen, Menschen zu gestalten, immer ein anderer zu sein. Wenn ich eine andere Figur spiele, bin ich ein anderer, obwohl ich als Künstler unverwechselbar bin. In anderen Berufen ist es nicht so. Auch nicht bei Schriftstellern. Sicher leben auch sie eine gewisse Zeit mit ihren Figuren, aber es fehlt ihnen doch die Maske, das Kostüm, die Verwandlung. Und ein Schauspieler erreicht ein noch größeres Publikum als ein Buch, im Theater und erst recht im Film. Vom Fernsehen ganz zu schweigen. Dieses neue Medium ist ja nun noch viel umfangreicher und wirkungsvoller als Film und Theater zusammen.

Dreharbeiten sind anstrengend, aber bei mir kommt erleichternd hinzu erst einmal die Lust auf eine gute Rolle, einen guten Stoff und natürlich auch Erfahrung und Routine. Und es kommt weiter hinzu: Ist es ein guter Regisseur? Kann man mit ihm arbeiten? Geht der Regisseur auf einen ein? Hat er Reserven? Die Arbeit muß angenehm sein. Das ist ja das Schönste am Beruf des Schauspielers, daß er Spaß an der Arbeit hat. Man muß Spaß an der Arbeit haben. Es gibt wenige Berufe, in denen man Spaß haben kann. Leider. Wenn ich mir vorstelle, daß ein Arbeiter am Fließband keinen Spaß an der Arbeit hat, ist es sehr schwer, ihm einzureden, du mußt Spaß an der Arbeit haben.

Manchmal werde ich gefragt: Wie gefallen Sie sich denn besser, jünger oder jetzt? Das ist schwer zu sagen. Ich finde, jedes Jahr und jede Zeit, in der ich mich betrachte, und jeder Film, in dem ich mich sehe, hat seine Reize. Die Jugend an sich interessiert mich dabei erst in zweiter Linie. Die Leistung ist es vor allem. Ich habe mit den Jahren viel dazugelernt und interessantere Figuren gespielt, die mich mehr gefordert haben und nicht mehr so vordergründig waren. Natürlich möchte ich in den Filmen, die ich vielleicht noch spielen werde, nicht nur immer als Großvater mit Kindern auftreten!

Die Schauspieler sind … ein sehr wichtiger Teil, sie werden zuerst bemerkt und bleiben in der Erinnerung des Zuschauers. Wenn der Kritiker nicht in der Lage ist, über schauspielerische Leistung zu urteilen, ist das sehr schade. Dann sollte er lieber nicht kritisieren. Es gab gute Kritiker bei uns, wie Rilla oder Schroeder, Ihering natürlich und ganz früher Jacobs und Kerr, die ihr Metier verstanden und die Schauspieler kritisieren konnten. Heutzutage wird oft zuerst das Thema honoriert. Ist es ein gutes politisches Thema, wird es gut honoriert, und das strahlt auf den ganzen Film aus, strahlt auf die Machart aus, auf die Qualität. Und das ist schade. Was nützt das beste Thema, wenn es schlecht inszeniert ist und schlecht gespielt wird? Ich lobe mir deshalb immer Menschen, die den Mund aufmachen und sagen: "Das ist zwar ein gutes Thema, aber es ist schlecht umgesetzt!" Und man muß nicht seine Meinung für eine allgemeine Meinung hinstellen. Das ist unverschämt von Kritikern, finde ich. Wenn sie rein subjektiv urteilen, ist das in Ordnung. Aber wenn sie den eigenen Standpunkt als die Volksmeinung ausgeben, halte ich das für falsch. Der Kritiker ist doch immer nur einer! Wie dem auch sei: Kritik ist mir wichtig.