Eine Liebe, die bleibt. Dean Reed

Christiane AI-Janabi, Filmspiegel, Nr. 7, 1985

Vierzehn Jahre sind es nun her, als ich Dean Reed zum ersten Mal begegnete. Es war 1971; die Dokumentaristen der Welt trafen sich – wie in jedem November – in Leipzig. Das große Solidaritäts-Meeting der Dokumentarfilmwoche war angesagt. Gast des Abends: Dean Reed. Dann trat er auf die Bühne des überfüllten Festivalkinos "Capitol" und sang. Gemeinsam riß es Lateinamerikaner, Vietnamesen, Russen, Palästinenser, Polen, Afrikaner, Tschechen, Amerikaner, und die Zuschauer aus der DDR von den Plätzen, gemeinsam stimmten alle das berühmte "We Shall Overcome" an. Wer ist dieser gutaussehende Mann mit der Gitarre, fragte man sich, der mit Herz und Verstand, aber auch perfekt wie ein klassischer amerikanischer Entertainer, seine mitreißenden Kampflieder vortrug? Das Festival-Bulletin gab Auskunft: Dean Reed, Weltfriedensrats-Delegierter, Leninpreisträger des Komsomols, Ehrengast der Leipziger Dokumentarfilmwoche, Schauspieler und Volks-Sänger.

Seit dieser Begegnung sind viele Jahre ins Land gegangen; inzwischen lebt und arbeitet Dean Reed zumeist in unserer Republik; wir sind Freunde geworden. Er erzählte mir aus seinem Leben; von seiner Heimatstadt Denver im Bundesstaate Colorado – wo er am 22. September 1938 geboren wurde – von einer sorglosen Kindheit mit seinen Brüdern Dale und Vernon; von seinem ersten Reitpferd, das Blondy hieß; von der heißgeliebten Gitarre, die er mit zwölf bekam; von seinen unbeschwerten Jugendjahren; von der Studienzeit (er wollte Meteorologe werden) an der Colorado-Universität; von Auftritten als Gelegenheitssänger bis zum Sieben-Jahresvertrag bei der renommierten Plattenfirma "Capitol". Er erinnerte sich an seine Zeit als Rock-Star und Nummer eins amerikanischer Hit-Paraden; an Tourneen durch die USA und Lateinamerika; an seine Filmarbeit in Hollywood, Italien und Spanien; und er schwärmte von seiner ersten Konzertreise durch die Sowjetunion im Jahre 1966. Von den anschließenden Repressalien in seinem Heimatland sprach er, von Gefängnis-Aufenthalten, von Berufs-Boykott.

Die sozialistischen Länder haben Dean Reed als Freund aufgenommen, ihm eine neue Heimat geboten. Millionen Menschen bewundern ihn hier, haben ihn ins Herz geschlossen. Wir kennen Dean nicht nur von seinen unzähligen Solidaritäts-Konzerten, aus zahlreichen DEFA-Filmen – in denen er Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Regisseur war, wie in "Aus dem Leben eines Taugenichts", "Blutsbrüder", "El Cantor" oder "Sing, Cowboy, sing" – sondern auch vielen Schallplatten und Fernsehauftritten. Insgesamt hat Dean Reed Hauptrollen in 18 Filmen gespielt, 13 Langspielplatten besungen und Konzerte in 31 Ländern gegeben.

Sein engagiertes Auftreten gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung; sein Kampf für Frieden und Menschenrechte haben Dean Reed die Achtung und Sympathien der fortschrittlichen Menschen in der Welt gebracht. Siebenmal wurde er verhaftet und eingekerkert; bei seinem letzten Aufenthalt in Uruguay von der Polizei brutal zusammengeschlagen. In Minnesota/USA trat er mit existenzbedrohten Farmern solidarisch in den Hungerstreik; an der Seite palästinensischer Feddajin kämpfte er im Libanon für die Freiheit und Selbstbestimmung Palästinas. Er verurteilte den Vietnamkrieg, verlangte den Stopp der Atomtests und die Einstellung des nuklearen Wettrüstens. Für sein mutiges politisches Engagement wurde Dean Reed dieser Tage mit dem "Stern der Völkerfreundschaft" in Silber geehrt.

Im Privatleben ist Dean noch immer der große sympathische Junge, freundlich und hilfsbereit zu jedermann, der für sein Leben gern reitet und auf seiner MZ dahinbraust. In seiner kargen Freizeit hört er Musik, besondern schätzt er die Lieder Harry Belafontes. Ernest Hemmingway, Mark Twain und Romain Rolland gehören zu seinen bevorzugten Schriftstellern; er liebt gutes Essen, vor allem die italienische Küche. Und natürlich liebt er – last not least – die Schauspielerin Renate Blume-Reed, mit der er den Bund fürs Leben geschlossen hat.