Der ganz große Coup

Die "Lindenstraße" hatte die erste Ausländerquote in der deutschen TV-Unterhaltung. Inzwischen geht es auch anders

Heike Runge, Jungle World, 20.09.2001

Der erste türkische Kommissar heißt nicht wie alle Welt Muhammed Yilmaz oder Yussuf Öger, sondern trägt den klangvollen Namen Sinan Toprak. Da ist "Topkapi" drin, der ganz große Coup, gediegenes Agentenmilieu, kriminalistische Hyperintelligenz und Verbrechen mit Stil. Und Sinan Toprak hält tatsächlich, was sein Name verspricht. Der Mann ist ein Ausbund an konservativer Eleganz und Understatement und damit ganz klar die Ausnahme unter den derzeit tätigen TV-Kommissaren. Statt in der seit "Schimanski" obligatorischen Wind- oder Lederjacke läuft Toprak alias Erol Sander im schwarzen, gerade geschnittenen Kurzmantel herum, und die Art, wie er ihn trägt, lässt an Alain Delons glamouröse Auftritte im kurzen Mantel denken.

Rambo-Kommissar und Prolltürke, Toprak erledigt beide Images. Eher schlägt bei ihm das Model durch, Sander hat sechs Jahre Laufsteg in Paris hinter sich. Über sich und seine Rolle sagt der 1968 in Istanbul geborene, in Deutschland und Frankreich aufgewachsene Sander: "Ich bin deutscher als die Deutschen." Das türkische Fernsehen störte das nicht weiter, Kanal D kaufte die acht bisher abgedrehten Folgen ein.

Sinan Toprak ist zwar der "erste türkische Kommissar" (RTL) im deutschen Fernsehen, aber keineswegs der erste nicht-deutsche TV-Kommissar, der in München ermittelt. Schon seit einigen Jahren arbeitet Ivo Batic, gespielt von Mirco Nemec, im Morddezernat München und ist hier ganz nebenbei zuständig für den richtigen Umgang mit Randgruppen. Ivo Batic als "ersten jugoslawischen TV-Kommissar" zu bewerben, ist dem Bayrischen Rundfunk allerdings doch nicht eingefallen.

Die Figur des Ausländers kommt in deutschen Serien entweder gar nicht oder nur am Rande vor. Und wenn es sich ausnahmsweise wie bei Batic um eine Hauptfigur handelt, muss sie für gewisse Anpassungsleistungen bürgen. Insbesondere der Krimi entdeckte die Figur des Ausländers, natürlich für die Verbrechensdarstellung. Damit steht das Drehbuch aber auch unter dem Druck, den vielen negativen Ausländerfiguren eine positive entgegenzusetzen. Es ist also kein Zufall, dass gerade das Krimigenre für Hauptfiguren mit nicht-deutschen Biografien besonders aufnahmefähig ist. "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal hat einen deutsch-italienischen Assistenten, in der ZDF-Reihe "Der Alte" assistierte ein schwarzer Deutscher.

US-Serien arbeiten nach demselben Prinzip, mindestens ein schwarzer Staatsanwalt oder ein Latino-Ermittler muss dem Heer nicht-weißer Krimineller entgegengestellt werden. Auch »Sinan Toprak« funktioniert so. Also nichts Neues? Doch. Ausländer erzählen die Ausländerwitze jetzt selbst, mit »Was guckst Du« auf Sat.1 hat das deutsche Fernsehen seine erste Ethno-Comedy. Die Personality-Show mit Kaya Yanar ist Stefan Raab auf kanakisch. Kaya Yanar, den man schon aus der »Wochenschau« kennt, präsentiert Stand-ups, Fakes, Einspielungen von TV-Beiträgen aus dem Ausland (ein japanischer Reklamespot für Bleichcreme oder Wurstwerbung aus China), Parodien auf hiesige Werbung (z.B. für das Parfüm »Deutschduft«), TV-Formate (Türken-Jeopardy) und macht sich über Deutsche lustig.

Zu den Beiträgen mit Witzgarantie zählen die Einspielungen von merkwürdigen Sendungen aus diversen Fernsehnationen. Das Problem dabei ist dasselbe wie bei den Missgeschicken und -Bizarrerien, die Stefan Raab einem vorsetzt. Natürlich ist es komisch, wenn Paola in einer verschwiemelten MDR-Schlagersendung beim Singen vom Stuhl kippt, eine Perle ist das aber nur, wenn man als Langzeitzuschauer nach hundert Stunden kalkulierter Fernsehroutine mit dem einen Moment des Versagens konfrontiert wird.

In der Variante »Was guckst Du?!« steht dann ein trotteliger Ingenieur mit weißem Kittel und tütenförmiger Mütze vor einer aus dem technischen Steinzeitalter stammenden Schaltwand in einem arabischen Atomkraftwerk und erklärt etwas, man versteht aber nicht, was. Deshalb ist es natürlich komisch. Wirklich komisch ist es aber nur, wenn man diese Dinge, das Irritierende zwischen all dem Gewohnten, im Auslandsfernsehen selbst entdeckt.

Eigentlich ist bei »Was guckst Du?!« erst mal alles erlaubt, nur die Unterschlagung von kultureller Differenz ist verboten. Die je eigenen Gestik-, Sprach- und Kleidercodes der verschiedenen migrantischen Milieus sind hier das Knetmaterial des Witzes. Kaya Yanar, studierter Amerikanist mit dem Spezialgebiet Phonetik, hat eine Vorliebe für die Komik der Sprachverwirrung. Im Prinzip funktioniert das auch alles, allerdings ist der Pointenverschleiß ziemlich hoch. Im Ausländer-Jeopardy z.B. lacht man über die drei herumhampelnden Kandidaten, einen Italiener, einen Russen und einen Türken, bis sie nach dem aktuellen deutschen Literaturnobelpreisträger gefragt werden. Der verblüffte Türke findet die Fragestellung »krass!« und gewinnt.

Es sei endlich an der Zeit, dass Deutsche nicht mehr über Ausländer lachen, sondern mit ihnen, äußerte sich Kaya Yanar über das Show-Konzept. Ganz ähnlich formulierte Spike Lee, der in Deutschland gerade seinen neuen Film über die rassistische Darstellung der schwarzen Amerikaner im US-TV vorstellt, den Unterschied zwischen rassistischem Witz und universellem Humor. Hierzulande wurde bisher wenig über die migrantische Repräsentation in der Fernsehunterhaltung gestritten, es gab sie einfach kaum. Insbesondere das Zielgruppenfernsehen hat jetzt die Migranten entdeckt, Real Life-Formate wie »Big Brother«, »Girlscamp« und »Popstars« arbeiten an der Schaffung migrantischer Stars.

Fernsehgeschichtlich betrachtet sind Ebru (»Big Brother«), Sinan Toprak und Kaya Yanar allesamt Nachkommen der Familie Sarikakis. Denn am Anfang dieser Entwicklung steht ausgerechnet die hochverschnarchte »Lindenstraße«, nicht nur die erste Soap im deutschen Fernsehen, sondern auch das erste Format, das eine Ausländerquote hatte.

Dem Produzenten Hans W. Geißendörfer ging es um das repräsentative Bild der bundesdeutschen Gesellschaft und um die Idee, auf dem Bildschirm für Integration zu werben. Dass im Mietshaus in der Lindenstraße bisweilen mehr Nicht-Deutsche wohnten als in wirklichen Münchner Bürgerhäusern, lag auch daran, dass die Figur des Ausländers hervorragend in das Konzept passte. Man war vor allem an »sozialem Konfliktstoff« interessiert und benötigte problemträchtige Figuren, weshalb vernachlässigte Kinder, geschlagene Frauen und diskriminierte Ausländer die Serie bevölkerten. Im Sinne der sozialdemokratischen »Lindenstraßen«-Idee bedeutete dies so etwas wie die Gleichstellung aller Zu-Kurz-Gekommenen.

Die melancholische Familie Sarikakis, die immer wieder über eine Rückkehr in die Heimat nachdachte, schien geradewegs dem Udo Jürgens-Schlager »Griechischer Wein« entsprungen. Der gehört sicherlich zum Besten, was die deutsche Kultur zum Thema »Gastarbeiter« zustande brachte, aber Mitte der Achtziger, als die »Lindenstraße« begann, war das auch nicht mehr der letzte Stand der Dinge.

Heute tobt zwar ein wild pubertierendes deutsch-italienisches Schwesternpaar durch das Haus, andere Themen, neue Probleme und ein paar Ostler sind dazugekommen. Aber der Blick, immer ein bisschen bekümmert und verdammt ernsthaft um das große gesellschaftliche Ganze bemüht, hat sich nicht gewandelt.

In den ARD-Dailysoaps »Marienhof« und »Verbotene Liebe« konnten sich die Migranten der dritten Generation dann eine halbwegs melancholiefreie Existenz als Jungunternehmer aufbauen und sich den praktischen Fragen des Alltags widmen. Anders geht es bei der RTL-Produktion »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« zu. Ausgerechnet die populärste deutsche Teenie-Soap, die noch dazu in Berlin spielt, ist eine Enklave des Blondinenterrors geblieben.