Paterson

USA Deutschland Frankreich 2015/2016 Spielfilm

Inhalt

Der Busfahrer Paterson lebt mit seiner Frau Laura in Paterson, New Jersey, einer Stadt mit 145.000 Einwohnern. Sein Alltag ist von der immer gleichen Routine geprägt: frühmorgens aufstehen, frühstücken, die gewohnte Bus-Route fahren, ein Feierabendbier in der Stammkneipe trinken und wieder nach Hause gehen. Trotzdem führen Paterson und seine Frau ein harmonisches und glückliches Leben. Während Laura ihrer Kreativität freien Lauf lässt, indem sie Kleider näht, Muffins backt oder das Haus umgestaltet, gilt Patersons Leidenschaft der Poesie. Jeden Morgen schreibt er vor seinem Arbeitsbeginn kurze Gedichte in sein Notizbuch – auch dies gehört zu seiner täglichen Routine. Inspiration findet er unter anderem in den Gesprächsfetzen, die er von seinen Fahrgästen aufschnappt.

 

Kommentare

Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!

Heinz17herne
Heinz17herne
Montag. Ein junges Paar gönnt sich noch einen kleinen Moment im Bett. Sie erzählt ihm ihren nächtlichen Traum, in dem sie Zwillinge zur Welt gebracht hat. Doch dann beginnt der Alltag für die beiden: Paterson ist Busfahrer und lebt mit seiner schwangeren Frau Laura in einer Stadt mit 145.000 Einwohnern in New Jersey, die seinen Namen trägt: Paterson. Schnell noch eine Schale mit Milch und Corn Flakes geleert und dann zu Fuß durch eine unwirkliche Kulisse zum Busdepot: Paterson durchmisst eiligen Schrittes ein ganzes Areal aufgelassener Industriehallen, die vom einst blühenden wirtschaftlichen Leben der Stadt zeugen. Ein kurzes Begrüßungsritual mit einem Kollegen, dann geht’s auf den Bock des altertümlich wirkenden Fahrzeugs: Paterson kennt seine Strecke. Und sieht sich plötzlich nur noch mit Zwillingen konfrontiert.

Er befährt seit Jahr und Tag immer dieselbe Buslinie – und macht so stets Rast auf einer Bank vor dem pittoresken Wasserfall des Passaic River, der einzigen Sehenswürdigkeit der Kleinstadt. Wo er seine Gedanken, etwa über Streichholzschachteln, die er unterwegs seinem Notizbuch anvertraut hat, in lyrische Verse zu kanalisieren trachtet. In diesem Fall zieht er eine Verbindung zu der Frau, die seine erste Liebe entzündet hat. Laura liebt seine Verse und ist schon lange der Meinung, Paterson solle sie einem Verlag anvertrauen. Aber er ist mit sich und der Welt im Reinen, will keine Öffentlichkeit. Sondern genießt es, nach Feierabend mit Marvin, der eigenwilligen englischen Bulldogge seiner Frau, Gassi zu gehen und ein Absackerbier in der Bar von Doc (Barry Shabaka Henley) zu trinken.

Dienstag. Wieder muss Paterson früh 'raus. Aber so viel Zeit gönnt er sich: Es ist seine schöne Gattin Laura, die ihn einst so entflammte wie der Streichholz eine Zigarette. Und die er immer noch abgöttisch liebt, obwohl er nicht immer damit einverstanden ist, wie sie ihrer offenbar unbändigen Kreativität freien Lauf lässt. Muffins backen oder leckere Cupcakes für einen wohltätigen Zweck – nichts dagegen. Aber aus dem ganzen Haus ein schwarz-weißes Gesamtkunstwerk zu machen von der Kleidung über das Mobiliar bis hin zu Tapeten und Gardinen, geht ihm doch zu weit. Paterson würde sich freilich eher die Zunge abbeißen, als auch nur ein kritisches Wort darüber zu verlieren. Ihr neuester Tick: Sie will Country-Sängerin werden und dazu Gitarren-Unterricht nehmen.

Mittwoch. Wieder rappelt der Wecker um exakt 6.10 Uhr. Paterson hat am Abend zuvor bei Doc mit der attraktiven Marie (Chasten Harmon) eine aufregende Thekenbekanntschaft gemacht, die nun noch in seinem Kopf herumspukt. Aber rasch findet er wieder neue Inspirationsquellen für seine dichterische Ader in den Gesprächsfetzen, die er von seinen Fahrgästen aufschnappt. Donnerstag. Die Kleinstadt birgt noch mehr literarische Talente. In einem Waschsalon unterhält ein sich „Method Man“ nennender Poet und Rapper (Clift Smith) sein zufälliges Publikum, vor allem aber wohl sich selbst, mit neuesten Kreationen. Und auf dem Weg zurück nach Hause trifft Paterson auf ein junges Mädchen (Sophia Muller), das auch Gedichte schreibt. Beide unterhalten sich auf Augenhöhe – Kollegen unter sich.

Freitag. Laura backt Cupcakes für den Bauernmarkt. Und Paterson schiebt Überstunden: die Elektronik seines altersschwachen Busses hat schlapp gemacht und er muss seine Fahrgäste bei Laune halten, bis ein Ersatzfahrzeug eintrifft. Daheim wartet eine weitere Überraschung auf ihn: die neue, aus seiner Sicht sündhaft teure Gitarre für den künftigen Country-Star Laura ist eingetroffen. Der Abendgang mit Marvin bringt keine Erholung: Doc und seiner Gattin (Johnnie Mae) gelingt es nicht, den liebeskranken Everett (William Jackson Harper) zu besänftigen, dem Marie vergeblich zu entkommen sucht.

Samstag. Der Cupcake-Verkauf war ein voller Erfolg und muss gefeiert werden. Die beiden gehen chic aus. Leider vergisst Paterson, sein Notizbuch in seinem Kellerloch von Schreibstube zu verschließen. Sonntag. Horribles Aufwachen am arbeitsfreien Tag: Marvin hat das Notizbuch zerfetzt, es gibt keine Kopien. Laura ist am Boden zerstört – und Paterson macht sich mit einem Spaziergang Luft. Bei dem er als erstes ausgerechnet auf den deprimierten Everett trifft. Auf „seiner“ Bank am Wasserfall aber hat er eine Begegnung, die sein weiteres Leben bestimmen dürfte...

„No ideas but in things“: „Paterson“ ist der Titel eines großen epischen Gedichtes, dem bekanntesten Werk des amerikanische Lyrikers und Prosa-Schriftstellers William Carlos Williams, das der gleichnamigen Industriestadt in New Jersey ein literarisches Denkmal setzt – wie Jim Jarmuschs filmisches Meisterwerk. In dem sich der Kultregisseur mit viel Liebe zum Detail und gewohnt lakonischem Humor seinen skurrilen Figuren widmet und diesmal nicht ein Hohelied auf die zeitgenössische Rockmusik singt, sondern auf die heute so altmodisch erscheinende lyrische Dichtkunst. Die im Film zitierten Verse Patersons stammen übrigens von Ron Padgott, einem am 17. Juni 1992 in Tulsa/Oklahoma geborenen Dichter, der zur „New Yorker Schule“ gezählt wird.

Masatoshi Nagase, der 1989 in Jarmuschs „Mystery Train“ die Hauptrolle des Jun gespielt hat, verkörpert einen japanischen Dichter auf den Spuren von William Carlos Williams. Er spricht den Busfahrer auf „seiner“ Parkbank vor dem Wasserfall an – und macht ihm Mut. Indem er Paterson von einem weiteren weltberühmten Dichter-Sohn der Stadt erzählt, der nach New York gegangen ist: Allen Ginsberg. Und ihm zum Abschied ein nur auf den ersten Blick unscheinbares Geschenk macht, das ihn trotz aller Widrigkeiten sein bisheriges Leben zwischen immer gleichem Berufsalltag und lyrischer Berufung weiterführen lässt. Die Deutsche Erstaufführung war Ende Oktober 2016 auf den 50. Int. Filmtagen Hof, die Free-TV-Premiere am 25. Mai 2020 auf Arte.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
123 min
Format:
DCP
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 18.10.2016, 163243, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (FR): Mai 2016, Cannes, IFF;
Kinostart (DE): 17.11.2016

Titel

  • Originaltitel (DE) Paterson

Fassungen

Original

Länge:
123 min
Format:
DCP
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 18.10.2016, 163243, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (FR): Mai 2016, Cannes, IFF;
Kinostart (DE): 17.11.2016