Der Gehülfe

Schweiz 1975 TV-Spielfilm

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Heinz17herne
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Der 24jährige Joseph Marti (Paul Burian) wird nach längerer Stellenlosigkeit als kaufmännischer Angestellter in das technische Büro des Ingenieurs und Erfinders Carl Tobler (cholerischer Phantast: Ingold Wildenauer) nach Bärenswil vermittelt. Tobler hat sein gesamtes Vermögen in Erfindungen investiert, für die sich niemand interessiert. Neben den zu führenden Korrespondenzen, in der Regel diktierte hochtrabende Bittschreiben, erstrecken sich Martis Pflichten auch auf häusliche und familiäre Dienste. Dafür bewohnt er das Turmzimmer, wo er seine Freizeit mit Selbstanklagen und geistigen Übungen in Trotz und Rebellion totschlägt und an die scheuen, gefühlsverwirrten Momente mit der jungen Frau Tobler (Verena Buss) denkt. Sie ist die einzige, die ihn und seine lyrischen Ergüsse versteht.

In Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ von 1907 und der sehr an der Vorlage orientierten Verfilmung von Thomas Koerfer wird man hineingezogen in den langsamen Zerfall des Hauses Tobler. In die prächtigen Feste, die trotz allem gefeiert werden. Und man leidet mit bei den brutalen Abreaktionsspielchen, die sich Tobler mit seinem psychisch ihm über den Kopf wachsenden Untergebenen leistet. Und bei jenem Anflug einer erotischen Beziehung, die Joseph dazu benutzt, um der angeblichen Rabenmutter (Annemarie Dermon) Vorhaltungen zu machen. Je unaufhaltsamer aber Toblers Bankrott wird, weil die Zeit schneller voranschreitet als seine technischen Entwicklungen, umso mehr wird aus dem kaufmännischen Angestellten Marti ein Diener des Hauses, der von seinem zahlungsunfähigen, hochstaplerischen Prinzipal statt Lohn nur ein sonntägliches Taschengeld erhält. Was seine Freundin, die Fotografin Klara (Hannelore Hoger), die er zweimal in der Stadt besucht, nicht nachvollziehen kann.

Ein halbes Jahr nach Dienstantritt verlässt Marti, von Toblers stets still leidender Gattin mit sorgsam unterdrückten Empfindungen verabschiedet, am Neujahrsmorgen die ruinierte „Villa zum Abendstern“. Damit sieht sich der nach Zugehörigkeit und familiärer Bindung sehnende Gehülfe erneut auf eine unsichere Existenz zurückgeworfen, die von Ungewissheit und Ortslosigkeit geprägt ist. Aber er geht selbst und er geht in dem nicht unbefriedigenden Bewusstsein, dass Carl Tobler künftig in weitaus ärmlicheren Verhältnissen in einem billigen Stadtviertel wird leben müssen mit Frau und beiden Kindern (Tobi Mettler als Sohn Walter) – und wohl ohne Dienstmagd Pauline (Nikola Weisse)...

Robert Walser hat 1903 eine Stelle bei dem Ingenieur Dubler in Wädenswil angenommen, um ein halbes Jahr lang Material für seinen Roman zu sammeln. „Der Gehülfe“ ist nach „Der Tod des Flohzirkusdirektors oder: Ottocaro Weiss reformiert seine Firma“ erst der zweite Film Thomas Koerfers, der die Titelfigur als Alter Ego des Autors Robert Walser offenbart, Um diese Wirkung zu verstärken, hat er die im Untertitel „Ein Auszug aus dem schweizerischen täglichen Leben in sechzig farbigen Bildern“ genannte Romanadaption um Details aus „Geschwister Tanner“ und kleineren Erzählungen seines eidgenössischen Landsmannes ergänzt.

Dabei hatte ich keineswegs den Eindrück führender Kritiker, Paul Burian verkörpere einen unsicheren, demütigen Gehülfen Joseph Marti analog zur Kritik seiner sozialistischen Freundin, die bei Hannelore Hoger ganz unwalserische Kracauer-Sätze spricht. Im Gegenteil: bei Koerfer ist sich Joseph Marti schon bald nach Dienstantritt seiner Lage und der seines Chefs Tobler bewusst. Seine Annäherungsversuche an Frau Tobler und seine durchaus im pädagogischen Sinne gemeinten Bemühungen um ihre vernachlässigte Tochter Silvie (Nicole Heri) zeugen nicht von einem unterwürfigen Verhalten, sondern von einem selbständigen, gefestigten Charakter. Durch fast ausschließliche Verwendung von Halbtotale und Totale erreicht Koerfers Kameramann Renato Berta eine Distanz zur nostalgisch wirkenden Langsamkeit bis hin zum vermeintlichen Stillstand in langen Einstellungen von Zigarrenqualm im Kontor oder Kaffeetrinken auf der Terrasse.

Pitt Herrmann

Credits

Kamera

Schnitt

Darsteller

Produzent

Alle Credits

Kamera

Kamera-Assistenz

Szenenbild

Requisite

Kostüme

Schnitt

Ton-Assistenz

Darsteller

Produzent

Produktionsleitung

Länge:
122 min
Bild/Ton:
Farbe, mono
Aufführung:

Uraufführung (DE): 31.01.1976, Berlin/West, IFF;
Uraufführung (DE): 27.06.1976

Titel

  • Originaltitel (CH) Der Gehülfe

Fassungen

Original

Länge:
122 min
Bild/Ton:
Farbe, mono
Aufführung:

Uraufführung (DE): 31.01.1976, Berlin/West, IFF;
Uraufführung (DE): 27.06.1976