Den Wind auf der Haut spüren

DDR 1989 Dokumentarfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Stürmische Brandung an der Ostsee. Ein Wartburg Tourist hält in Strandnähe, aus dem ein Rollstuhl herausgenommen wird. In ihm nimmt Thomas Kahlau Platz, der als 15-Jähriger einen tragischen Badeunfall im Kreis seiner Freunde erlitt: Nach einem Kopfsprung in eine Kiesgrube ist er querschnittsgelähmt, genauer: vom Kopf abwärts vollständig gelähmt. Sein Vater erzählt den Hergang, mit entsprechender Geräuschkulisse unterlegt. Gitta Nickel hat glücklicherweise auf ein spektakuläres Reenactment verzichtet.

Thomas, 1,83m groß, 70 Kilo schwer, war bisher ein talentierter Handballer im Verein. Nun ist er gern an der frischen Luft, und hier „an der Ostsee der Natur am nächsten.“ Nach einer zehnmonatigen Rehabilitation in einer Klinik in Sülzhayn bei Nordhausen kommt er am liebsten hierher, wo er die Sonne und den Wind unmittelbar auf der Haut spürt. Aber: „Der Wunsch nach Freiheit, der Möwe hinterherblickend, da ist dann auch schon etwas Schwermut dabei.“

Schnitt. Wohnung der Kahlaus. Idyll mit Federvieh im großen Garten, Aquarium und Hund Blacky. Im Zimmer von Thomas hängt das Plakat einer Joseph Beuys-Ausstellung von 1988. Und im Regal stehen asiatische Bücher: Kalligraphie hat ihn schon immer interessiert. Der Unfall hat das Leben der Familie komplett umgekrempelt. Alles ist ganz auf die Bedürfnisse des Schwerstkranken eingestellt, die meisten technischen Hilfsmittel sind Marke Eigenbau. Thomas‘ Vater arbeitet tagsüber beim Rat des Bezirks, seine Mutter nachts im Bezirkskrankenhaus Potsdam: Beide lösen sich bei der Rundum-Betreuung ab.

Zudem konnten sie berufliche Verbindungen nutzen, um ihrem Sohn den Alltag soweit wie möglich zu erleichtern, nein: überhaupt zu ermöglichen. Das beginnt bei der Hebevorrichtung im Bad und bei der technischen Ausstattung des Krankenbettes und reicht bis zur Möglichkeit, den Rollstuhl mit dem Mund zu steuern. Wozu der empathische Zahnarzt ein spezielles Mundstück entwickelt hat, das die Zugkräfte gleichmäßig auf das ganze Gebiss verteilt.

Die Ärzte in der Unfallklinik waren dagegen weniger mitfühlend: Da keine Chance auf eine medizinische Besserung seines Zustandes bestand, sollte Thomas mit reichlich Morphium verwahrt statt therapiert werden. Ohne Perspektive auf einen Schulabschluss oder gar eine Berufsausübung. Die Eltern hielten dagegen. Doch bevor Thomas die Reha beginnen konnte, war eine schlimme Entziehungskur notwendig: Offene Kritik am als so vorbildlich dargestellten Gesundheitssystem der DDR kurz vor dem Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates.

„Man muss sich an Sachen erfreuen, die noch möglich sind – und nicht mit der Vergangenheit abrechnen“: Darin sind sich Vater und Sohn einig. Inzwischen hat Thomas ein Stück Selbständigkeit zurückerlangt: Er geht regelmäßig in einen Potsdamer Behindertentreff und nimmt auch an Ausflügen teil. Und er ist, soweit es seine Kraft erlaubt, berufstätig, indem er Fachtexte aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Schließlich geht er einem Hobby nach, das seiner künstlerischen Ader entspricht: Er malt mit dem Mund.

Nicht zuletzt seine Schwester Andrea, die mit Erfolg eine medizinische Fachschule absolviert, hat Thomas‘ Ehrgeiz herausgefordert: Er wollte, dass seine Eltern auch stolz auf ihn sind. Inzwischen ist Thomas auch Onkel und daddelt mit Andreas Sohn an seinem Computer, den ihm sein erfindungsreicher Vater eingerichtet hat. Trotz allen Schattens, resümiert Thomas, ist doch Licht vorhanden. Das strahlt plötzlich ganz hell: Bei einer jurierten Ausstellung der Vereinigung der Mund- und Fußmaler im Rahmen der nordrhein-westfälischen Landesgartenschau in Rheda-Wiedenbrück ist Thomas mit drei Bildern unter 75 Exponaten vertreten. Ein Triumph, der ihm ein Stipendium einbringt.

„Den Wind auf der Haut spüren“ ist eine der letzten Dokumentationen des Defa-Studios vor der Abwicklung im Zug der deutschen Wiedervereinigung. Zwar in Farbe gedreht, sorgen dazwischen geschnittene Rückblenden in Schwarz-Weiß jedoch immer wieder für kurze Momente des Innehaltens und des Nachdenkens. Unterlegt mit Musik des Gitarristen Axel Elter lief der am 5. Oktober 1989 uraufgeführte Film der Gruppe effect am 13. Oktober 1989 in den DDR-Kinos an.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
2114 m, 77 min
Format:
35mm, 1:1.33
Bild/Ton:
Farbe
Aufführung:

Uraufführung (DD): 13.10.1989

Titel

  • Originaltitel (DD) Den Wind auf der Haut spüren
  • Arbeitstitel (DD) Thomas

Fassungen

Original

Länge:
2114 m, 77 min
Format:
35mm, 1:1.33
Bild/Ton:
Farbe
Aufführung:

Uraufführung (DD): 13.10.1989