Das war's, Brüder und Schwestern - Die East-Side-Story
BR Deutschland
1990
Dokumentarfilm
Credits
Regie
Drehbuch
Kamera
Schnitt
Musik
Produktionsfirma
Alle Credits
Regie
Drehbuch
Kamera
Schnitt
Musik
Produktionsfirma
Länge:
43 min
Bild/Ton:
Farbe
Aufführung:
Aufführung (DE): 26.04.1991, Oberhausen, IFF - Deutscher Wettbewerb
Titel
- Originaltitel (DE) Das war's, Brüder und Schwestern - Die East-Side-Story
Fassungen
Original
Länge:
43 min
Bild/Ton:
Farbe
Aufführung:
Aufführung (DE): 26.04.1991, Oberhausen, IFF - Deutscher Wettbewerb
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Während die Massen „Wir sind das Volk“ skandieren, wird Egon Krenz der Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und wenig später auch als Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. Stefan Heym hofft ebenso auf eine eigenständige DDR wie Eberhard Aurich, der Nachfolger von Erich Krenz an der FDJ-Spitze.
„Ein Volk hört die Signale“: Das zweite, „Aufbruch“ betitelte Kapitel, zeigt, wie Stefan Heyms Schriftsteller-Kollegin Christa Wolf vor 500.000 Menschen in Ost-Berlin spricht, die explizit gegen die Partei- und Staatsspitze um Egon Krenz demonstrieren. „Jetzt oder nie“ singt Herbert Grönemeyer, als Krenz am 9. November den „Antifaschistischen Schutzwall“ öffnen ließ.
Elf 99-Moderator Jan Carpentier gelingt es samt Kamerateam im zweiten Anlauf am 23. November, an einer offiziellen Führung durch die Waldsiedlung Wandlitz, dem streng abgeschirmten Wohnort der Pankower Nomenklatura, teilzunehmen. Er wundert sich über manche „schlichte Hütte“, aber auch über die mit Westwaren gut bestückte Kaufhalle. Zufällig kommt Kurt Hager, der gerade erst abgesetzte „Chefideologe“ und oberste Kulturverantwortliche der DDR, vorbei. In Gegenwart seiner Frau gibt er offen zu, in der Hochzeit des Kalten Krieges unfreiwillig hier einquartiert worden zu sein. Man habe sich halt „den Beschlüssen der Partei gebeugt“.
„Ich liebe doch alle Menschen“: Von der Volkskammer-Rede des Stasi-Chefs Erich Mielke über den Dresdener Pfarrer Roland Adolph, gegen den ermittelt wird und Ingrid Köppe vom Neuen Forum Berlin, die von einer ökologisch-demokratischen, konsumbefreiten DDR träumt, geht’s zum „Runden Tisch“ unter dem Hammer & Sichel-Emblem: „Der Zug der Einheit setzt sich in Bewegung“, kommentiert Jan Carpentier, „nur wenige ahnten, dass er nicht mehr aufzuhalten war.“
„Deutschland einig Vaterland“: Das Kapitel „Umbruch“ beginnt mit Helmut Kohls Überraschungsvisite im Dezember in Dresden. Mit der Währungsunion kommt die D-Mark, und die Wahlen am 18. März 1990 läuten das letzte Kapitel des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden ein. „Arrivederci Hans“ singt Rita Pavone: Hans Modrow muss am 12. April 1990 das Amt des letzten Vorsitzenden des DDR-Ministerrats abgeben.
„Monopoli, Monopoli / Wir sind nur die Randfigur'n / In einem schlechten Spiel“ singt Klaus Lage. Im Kapitel „Einbruch“ kommt Petra Cravaach vom Arbeitsamt Berlin-Pankow zu Wort: Es herrscht große Unsicherheit im Land vor der erwarteten Wirtschafts- und Verwaltungsreform. Lange Schlangen bilden sich vor den Arbeitsämtern, so auch in Treptow. Arbeitslosigkeit ist für DDR-Bürger erstmals mehr nur als ein Wort, das sie bisher nur mit dem ausbeuterischen Kapitalismus in Verbindung gebracht hatten. „Sind Sie Journalist oder Politiker, sind Sie Agitator oder sind Sie Journalist?“ faucht ein dünnhäutiger Finanzminister Theo Waigel den Elf 99-Reporter Jan Carpentier an, der mit seinen Fragen offenbar ins Schwarze getroffen hat. Lothar de Maizière, der erste demokratisch gewählte DDR-Ministerpräsident, schafft sein Amt selbst ab: Am 3. Oktober 1990 gibt’s ein kostenloses „Einheitsfrühstück“ in einem nicht näher situierten Imbiss.
„Nach der Wut kommt die Resignation“: Das letzte Kapitel „Abbruch“ ist nur ein kurzer Abgesang. Die E-Lok fährt weiter – und die beiden Pompfüneberer sind nun nackt unter ihren schwarz-rot-goldenen Bauchbinden.
„Das wars, Brüder und Schwestern“ ist eine 43-minütige Highlight-Kompilation aus mehreren Elf 99-Reportagen. Zwar für den Deutschen Fernsehfunk zusammengestellt, aber wohl nicht mehr ausgestrahlt, sodass die Aufführung am 24. April 1991 im Deutschen Wettbewerb der Kurzfilmtage Oberhausen als Uraufführung gilt. Die Eisenbahnmetapher war in der Endphase der DDR sehr beliebt, erinnert sei an Andreas Dresens Hochschulfilm „Zug in die Ferne“ vom Oktober 1989.
Hervorgegangen war Elf 99 aus dem DT 64 Jugendradio, das 1964 zum Deutschlandtreffen in Ost-Berlin als Festivalradio gegründet wurde und Anfang der 1980er Jahre als selbständiger Sender reüssierte, sodass sein TV-Ableger Elf 99 (nach der Adlershofer Postleitzahl 1199) unter dem Dach des Deutschen Fernsehfunks am 1. September 1989 auf Sendung ging. „Sozialistisches Infotainment“ war die Programmvorgabe – orientiert an westlichen Privatsendern, flott gestaltet mit Musikvideos und jungen Moderatoren. Elf 99 ist nicht wie noch im Mai 1990 bei der Vorlage eines Redaktionskonzeptes für eine bundesweite Reichweite erhofft von der ARD übernommen, sondern wie die Adlershofer Studios insgesamt abgewickelt worden.
Pitt Herrmann