Nach uns der Rest der Welt

Deutschland 2022/2023 TV-Spielfilm

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Hervorragende Schauspieler, überzeugendes Ambiente

Vorausschicken möchte ich, dass ich meine Kritik dieses Films nicht für objektiv halte, weil ich mich in Emily verliebt habe. Ich schreibe diese Kritik trotzdem, weil sie die Schauspielerin in den Augen der Leser in ein neues Licht rücken kann. Und wenn Lina Hüesker sie liest, kann sie sich daran erfreuen, welche Wirkung ihre Schauspielkunst inzwischen auslösen kann. Julius Gause ist natürlich mit seinem intensiven, ausdrucksstarken Spiel auch maßgeblich am überzeugenden Gesamteindruck des Streifens beteiligt.

Mit dieser Rolle hat Lina Hüesker nach meiner unmaßgeblichen, von keiner Fachkenntnis getrübten Meinung, den Sprung von der Kinderschauspielerin zur erwachsenen Schauspielerin geschafft. Ich hoffe, dass bald mehr solche Filme mit ihr erscheinen.

Verliebte möchten natürlich soviel Zeit wie möglich mit der Person ihrer Träume verbringen, und so ist es auch bei mir. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht zumindest Teile des Films ansehe. Und so sind mir Dinge aufgefallen, die man bei ein- oder zweimaligem Anschauen des Films vielleicht gar nicht bemerkt.

Besonders eingehen möchte ich auf die psychologische Schlüssigkeit mancher Handlungsstränge und Personencharakterisierungen.

Da ist zunächst die totale Verunsicherung bei Emily zu erwähnen, die von Lina Hüesker so überzeugend dargestellt wird. Dem steht die große Gelassenheit und Selbstsicherheit einer wunderbaren Frau in der Liebesszene gegenüber. Das passt nicht so ganz zusammen, aber ich bin trotzdem glücklich, dass die Macher des Films die Szene so gewollt haben. Denn das Ergebnis ist wirklich ein Meisterstück. Während Liebesszenen, die oft an Pornografie grenzen, zum Schema vieler Filmgattungen gehören wie das Ballett zur Oper - ob es passt oder nicht -, ist diese Szene in "Nach uns der Rest der Welt" vom Handlungsverlauf her zwingend geboten. Und das, was hier weggelassen, nur angedeutet wird, erzeugt einen Zauber, der seinesgleichen sucht.(Beispiel: Jonas' glückliches Gesicht "Es könnte nicht schöner sein", ohne dass man sieht, was ihn so überwältigt. Alles Weitere bleibt der Vorstellungswelt des Zuschauers überlassen.) Gesteigert wird dieses Hineingezogenwerden noch durch die hervorragend ausgesuchte, unaufdringlich suggestive Musik. Diese läuft während einer zwischengeschobenen Tankstellen-Szene weiter, bis sie zu den Liebenden im Bett zurückkehrt. Ich habe mich zunächst gefragt, warum der Einschub nötig war. Jetzt ist mir klar, dass dadurch der Eindruck erfolgreich vermieden wurde, dass es sich nur um einen kurzen Geschlechtsverkehr handelte. Vielmehr wurde hier ein ausgedehntes inniges Beisammensein der Liebenden überzeugend in Szene gesetzt, was noch dadurch unterstrichen wird, dass man am Ende des Geschehens Emily schlafend neben dem sie immer noch streichelnden Jonas sieht (übrigens eine weitere kleine Ungereimtheit, weil Emily in einer anderen Szene die Unternehmenlustigere war, während Jonas über Müdigkeit klagte).

Der Liebesakt ist neben dem Gleitflug am Filmende der Höhepunkt der Handlung, den man meines Erachtens nur richtig verstehen kann durch Emilys Satz, den sie, auf der Startwiese liegend und seinen Flug verfolgend sprach: "Sei einfach glücklich." Dieser Satz zeigt, dass es für sie nichts Erfüllenderes gab als Jonas glücklich zu machen, ob aus großer, selbstloser Liebe oder einer Art Helfer-Syndrom oder einer Mischung aus beidem heraus sei dahingestellt. Während Jonas auf Emilys Frage: "Geht das" überwältigt antwortete: "Es könnte nicht schöner sein", musste Emily alles unter Kontrolle halten, durfte keine Leidenschaft zulassen, um ihn nicht zu verletzen. Trotzdem war es für sie sichtlich ein erfüllendes Erlebnis.

Die Handlung hat märchenhafte Züge, aber ich möchte mich auf das Märchen einlassen. Ich möchte, dass das Gute siegt und Bestand hat. Deshalb akzeptiere ich die Erzählung.

Im Gegensatz zum Märchen, wo ich mich mit einem unbekannt bleibenden Rumpelstilzchen zufrieden gebe, gelingt mir das mit Sven im Film nicht. Hier wird eine Hauptperson eingeführt, bei der viele Fragen offen bleiben. Deren Klärung hätte den Film nicht über Gebühr verlängert. Mit ein paar Nebensätzen hätte man seine Lebensumstände und seine Geschichte mit Emily und ihrer Mutter klären können:

Wie und wo hat Emily Sven kennengelernt, mit dem sie wahrscheinlich ihre ersten sexuellen Erfahrungen gemacht hat? Er ist ja offenbar nicht in ihrer Schulklasse.

Wie sind die Pläne für den gemeinsamen England-Aufenthalt entstanden?

Wie lässt sich erklären, dass die verunsicherte Emily es zulässt, dass Sven in aller Öffentlichkeit herumposaunt, er habe ständig Sex mit Emily? Und beim Arm-um-den-Partner-Legen zeigt sie keinerlei Anzeichen dafür, dass ihr das unangenehm ist, und dies nach der Fahrstuhl-Szene mit Jonas und dem anschließenden Tanz auf der Mauer mit Kuß.

Da ist die Szene in der Kantine, wo Jonas an einem Tisch sitzt und Emily ein paar Meter entfernt an der Essen-Ausgabe steht. Sie tauschen ein Lächeln voller Zuneigung in Erinnerung an die vorangegangenen glücklichen Momente aus. Plötzlich tritt Sven zu Emily, legt den Arm um sie und sie erwidert diese Geste wie selbstverständlich. Es macht ihr offenbar gar nichts aus, dass Jonas das beobachten kann. Sie geht sogar direkt danach unbefangen an seinen Tisch und fragt, ob sie sich zu ihm setzen darf.

Emilys Mutter hat seltsamerweise von Svens öffentlichem Herumposaunen nichts mitbekommen, sonst wäre sie sicher energisch dagegen vorgegangen. Im Foyer des Konzertsaals, als sie ihrer Tochter das Angebot eines Studiums in Paris schmackhaft machte und Emily den mit Sven geplanten England-Aufenthalt erwähnte, meinte sie dazu: "Natürlich - England wäre auch vorstellbar. Ich dachte nur, das mit Sven und dir sei eher eine vorübergehende Sache." Ist also das öffentliche Herumposaunen, von dem der Zuschauer nur durch eine Äußerung Lenas erfährt, eine Erfindung der Rollstuhl-Fahrerin?

Nun möchte ich noch 3 Beispiele erwähnen, wo für mich die Frage der psychologischen Schlüssigkeit der Personencharakterisierungen entsteht:

Wenn Emily auf Svens Frage, ob sie einen Anderen habe, ängstlich und hastig mit "Nein" antwortet, ist die Erklärung naheliegend. Hätte sie, die ja mit Notlügen kein Problem hatte, mit "Ja" geantwortet, dann musste sie befürchten, dass der jähzornige Sven Jonas verletzen könnte.

Das zweite Beispiel ist da schon schwieriger zu erklären. Als Jonas' Mutter Emily am See mit dem Marmorpavillon im griechischen Tempeldesign fragte, ob sie Jonas liebe, antwortete sie: "Ich glaube schon". Hier hätte ich ein eindeutiges, überzeugtes "Ja" erwartet. Allerdings antwortet sie dann auf Almas Feststellung, dass es für Jonas etwas Ernstes sei, "Für mich auch". Hier wie an anderen Stellen auch ist ihre erste Reaktion gegenüber Autoritätspersonen eine der Verunsicherung.

Das dritte Beispiel betrifft Emilys Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie erwähnte einmal, dass sie ihre Mutter oft weinen höre und hat deshalb schon einmal ihrem Vater die Durchführung eines gemeinsamen, von ihr geliebten Rafting-Ausflugs abgeschlagen, als sie bemerkte, wie sehr ihre Mutter das Auftauchen der neuen Lebensgefährtin des Vaters aufwühlte. Deshalb kann ich es kaum mit ihrem Wesen vereinbaren, dass sie durch den später erwähnten Umzug zum Vater die Trennung von der Mutter und sogar die Einschaltung des Familiengerichts riskiert hätte.

Am Filmende gibt es einige Anhaltspunkte dafür, dass Emily durch all die überstandenen Prüfungen selbstsicherer, zielorientierter und gefestigter in ihren Entscheidungen geworden ist. Zum Beispiel sagte sie auf Jonas' Bemerkung: "Ich dachte, die lassen dich nicht mehr zu mir." - "Das sollen sie mal versuchen." Der in ihr herangereifte Entschluss, die Lizenz als Fluglehrerin für Rollstuhlfahrer-Gleitflüge zu erwerben, scheint diese Persönlichkeitsentwicklung zu bestätigen.

Das kleine, leicht zu überhörende Wörtchen "wir" in der Szene auf der Krankenhaus-Toilette mit Emilys Mutter und Alma lässt daran Zweifel aufkommen. Da sagt sagt die Ärztin zu Alma: "Wir haben uns nun doch für ein englisches Internat entschieden." Dieses "Wir" kann sich eigentlich nur auf Emily und ihre Mutter beziehen.

Ich möchte glauben, dass Emily sich da von einer spontan geäußerten Idee ihrer Mutter hat überrumpeln lassen (siehe die an früherer Stelle erwähnte Verunsicherung gegenüber Autoritätspersonen), dass sie bei näherem Nachdenken aber zum Entschluss gekommen ist, die Englandreise abzulehnen und die Fluglehrer-Lizenz zu erwerben und dass sie sich von diesem Entschluss nicht mehr abbringen lassen wird.

Die genannten Probleme können meinen Gesamteindruck von dem Film nicht schmälern. Hier ist ein wunderbarer Film mit Alleinstellungsmerkmal-Thematik gelungen, auf dessen märchenhafte Züge ich mich gerne einlasse. Ich kann mir den Märchen-Schlusssatz hier nicht verkneifen: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." Deshalb habe ich diesen Film noch lange nicht zum letzten Mal gesehen. (Und wenn ich nicht gestorben bin, dann guck ich ihn noch immer 😄).






P.S.

Der angedeutete Beginn einer Liebesgeschichte zwischen Jonas' Mutter und seinem Klassenlehrer könnte einen eigenen Film vertragen, vielleicht mit einer Fortsetzung der Liebesgeschichte mit Emily und Jonas.




Credits

All Credits

Shoot

    • 01.10.2022 - 06.11.2022: München
Duration:
90 min
Format:
DCP
Video/Audio:
Farbe, Ton
Screening:

Uraufführung (DE): 27.06.2023, München, Filmfest

Titles

  • Originaltitel (DE) Nach uns der Rest der Welt

Versions

Original

Duration:
90 min
Format:
DCP
Video/Audio:
Farbe, Ton
Screening:

Uraufführung (DE): 27.06.2023, München, Filmfest