Der Golem, wie er in die Welt kam

Deutschland 1920 Spielfilm

Der Golem, wie er in die Welt kam


Hans Wollenberg, Lichtbild-Bühne, Nr. 44, 30.10.1920


Nun haben wir Wegeners "Golem" erlebt. Zwei Stunden lang war die Welt um uns her versunken; zwei Stunden war unser Ich aufgelöst in einer Sphäre, die aus brausenden Bächen uns überströmte. Wir haben in tiefster Seele gezittert, wir haben gejauchzt, geknirscht, Wunder bestaunt und vor Gott gebetet – nicht um unsertwillen, sondern weil wir – wie in einem Traum – einer anderen Welt zu eigen gehörten, die uns packte, die uns schüttelte, die uns zwang.

Unmittelbar nach der Wucht eines solchen Erlebnisses gibt es keine Analyse, keine klug ausgedachten Worte. Nur eine Frage drängt sich auf unsere Lippen: Ist so etwas möglich? Ist es dann denkbar, dem Filmband eine solche Gewalt – eine Zaubermacht, die allein höchsten Kunstschöpfungen innewohnt, einzuhauchen?

Paul Wegener hat es vollbracht. In seinen kurzen Worten vor Beginn des Spiels erzählt er uns, wie er immer wieder auf den Golem-Stoff zurückgekommen sei, weil er die Gestalt des Golem lieb habe. Nur seine Liebe, das Herzblut, das ein großer Mensch und Künstler in diesen Film hat strömen lassen, konnte ein solches Werk zustande bringen.

In der Tat: Dieser Film ist Wegeners leibliches Kind, Er spiegelt alle Eigenheiten seiner Gestalt, seines Wesens, seiner darstellerischen Individualität getreu wieder. Die Schöpfung kann ihren Vater nicht verleugnen; sie hat die Wegnerschen Charakterzüge: gedrängteste Wucht, monumentale Knappheit, äußerste, zwingende Expression im Bau der Handlung, der Bilder, im Spiel der Künstler Wegener, Lyda Salmonova, Steinrück, Deutsch und jedes einzelnen. Nirgends ein Jota zu viel oder zu wenig; jede Einzelheit so, daß sie anders, besser nicht denkbar wäre.

Und als wir aus den jagenden Visionen wieder zum irdischen Dasein erwachten, als wir rund um uns hundert Gesichter sahen – ein jedes wohl bekannt in Kunst-Berlin und im Film-Berlin, da jauchzte in unseren Herzen das sieghafte Wissen: im Wettstreit der Völker um die flimmernde Kunst ist das blue ribbon für diesmal unser...

Auf die prachtvolle Golem-Musik Dr. Landsbergers, die ein hoher Genuß für sich war, wird unser Musikkritiker im nächsten Heft ausführlich eingehen.

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