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Veröffentlicht auf filmportal.de (https://www.filmportal.de)

Jean-Marie Straub

Weitere Namen
Jubarite Semaran (Pseudonym)
Date of Birth
01/08/1933 - 12:00
Geburtsort
Metz, Frankreich
Sterbedatum
11/20/2022 - 12:00
Sterbeort
Rolle, Schweiz
Biografie

Am 8. Januar 1933 in Metz geboren, wuchs Jean-Marie Straub zunächst französischsprachig auf, wurde aber im Zuge der deutschen Besetzung gezwungen, in der Schule deutsch zu lernen. Während seines Studiums in Straßburg und Nancy, das er 1951 aufnahm, war er bereits Leiter eines Filmclubs in Metz. Als er 1954 nach Paris zog, lernte er seine spätere Frau Danièle Huillet kennen – die beiden arbeiteten fortan eng zusammen. Ebenfalls in Paris bekam Straub die Möglichkeit, als Assistent von Jean Renoir, Robert Bresson, Alexandre Astruc und Abel Gance tätig zu sein.

1956 assistierte er Jacques Rivette bei dessen Kurzfilm "Le coup de Berger". 1958 gingen Jean-Marie Straub und Danièle Huillet nach Deutschland und traten 1962 mit ihrem ersten gemeinsamen Kurzfilm "Machorka-Muff" in Erscheinung, einer Absage an die Remilitarisierung der Bundesrepublik. Bereits dieser Film traf auf Unverständnis bei Publikum und Kritik und wurde darüber hinaus von der Auswahlkommission der IV. Oberhausener Kurzfilmtage abgelehnt. Der gemeinsame Spielfilm "Nicht versöhnt...", 1964/65 entstanden und auf dem Roman "Billard um halbzehn" von Heinrich Böll basierend, führte zu einem Skandal, als er 1965 auf der Berlinale aufgeführt wurde. Das breite Publikum lehnte auch in den folgenden Jahren die politisch-kargen Werke des Paares ab. Auseinandersetzungen mit Auftrag- und Geldgebern, Fördergremien und Filmbewertungsstellen waren ebenfalls häufig.

So wurde Straub und Huillet etwa die Förderung ihres nächsten Werkes "Chronik der Anna Magdalena Bach" versagt, das dennoch 1967 fertiggestellt wurde. Erstmals zeigte sich in diesem Film die komplexe Musikdramaturgie, die auch spätere Werke auszeichnen sollte. Nichtsdestotrotz fand der Film abermals wenig Anklang bei den Zuschauern, wurde aber auf dem Internationalen Filmfest in London als bester Film des Jahres ausgezeichnet. Ende der 1960er Jahre zog das Paar nach Italien, wo auch der erste Farbfilm der beiden "Othon" (1969) nach dem Drama von Corneille entstand.

Auch in den folgenden Jahren befassten sich Straub/Huillet immer wieder mit der Verfilmung und Bearbeitung literarischer Vorlagen, so etwa 1972 "Geschichtsunterricht" nach einem Romanfragment Brechts oder im Zuge eines Stipendiums in Hamburg "Klassenverhältnisse" (1983) nach Kafkas "Amerika-Fragment". Der Film lief im Wettbewerb der Berlinale 1984, wo er eine Lobende Erwähnung der Jury erhielt.

Auch "La mort d'Empédocle" ("Der Tod des Empedokles oder: Wenn dann der Erde Grün von neuem Euch erglänzt", DE/FR 1987) wurde 1987 in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Parallel dazu drehten Straub und Huillet unter anderem die Hölderlin-Adaption "Schwarze Sünde" (DE/FR 1986-89), den Dokumentarfilm "Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet" (FR/DE 1990) und fürs Fernsehen den Theaterfilm "Antigone" (DE/FR 1992).

1996 widmete sich das Paar in "Von heute auf morgen" (FR/DE) einer Schönberg-Oper. Dieser Film wurde 1997 mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet. Ihr nächster Spielfilm "Sicilia!" (FR/IT 1999), über einen Sizilianer, der nach langer Zeit in New York in seine Heimat zurückkommt, lief in Cannes in der Sektion Un Certain Regard und erhielt beim São Paulo International Film Festival den Kritikerpreis. Der ebenfalls in Italien gedrehte "Arbeiter, Bauern" (FR/IT/DE 2001) war der vorerst letzte lange Spielfilm des Paares: Abgesehen von dem Dokumentarfilm "Une visite au Louvre" (FR/DE 2004) drehten Straub und Huillet in den nächsten Jahren ausschließlich Kurzfilme.

Beim Venedig Film Festival im September 2006, wo ihr Film "Quei loro incontri" ("Jene ihre Begegnungen", IT/FR) im Wettbewerb zu sehen war, wurden Straub und Huillet mit einem Spezialpreis für ihr Lebenswerk geehrt. Allerdings kam es bei der Preisverleihung zu einem Eklat: Die beiden Filmemacher waren nicht anwesend, sondern ließen von einem ihrer Schauspieler eine von Straub verfasste Stellungnahme vorlesen. Darin hieß es unter anderem: "So lange der imperialistische amerikanische Kapitalismus existiert, kann es gar nicht genug Terroristen auf der Welt geben". Diese Aussage sorgte für massive Proteste, und die Jury überlegte, Straub und Huillet den Preis wieder abzuerkennen (tat es aber doch nicht). Kurz darauf, am 9. Oktober 2006, starb Danièle Huillet im Alter von 70 Jahren in Cholet, Frankreich.

Jean-Marie Straub blieb aber auch alleine als Filmemacher aktiv. Zu seinen wichtigsten Arbeiten in den folgenden Jahren gehörten der Langfilm "Corneille – Brecht" (FR 2009), nach Pierre Corneille und Bertolt Brecht sowie vier Kurz-Spielfilme nach Werken des italienischen Lyrikers Cesare Pavese: "Il ginocchio di Artemide" (IT 2008), "Le streghe - Femmes entre elles" (FR/IT 2009), "L'inconsolable" (FR/CH 2011) und "La madre" (CH 2012). Straubs letzter Langfilm war "Kommunisten" (FR/CH), der 2014 in Locarno Uraufführung feierte. Einer seiner letzten Kurzfilme, der neunminütige "Où en êtes-vous, Jean-Marie Straub?" (FR 2016), lief im Mai 2017 in Rahmen einer Retrospektive im Kino des DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt. 2020 erschien mit der Bernanos-Adaption "La France contre les robots" seine letzte filmische Arbeit.

Am 20. November 2022 starb Jean-Marie Straub in Rolle, Schweiz, am Genfersee.

Filmography
2016
Où en êtes-vous, Jean-Marie Straub?
  • Regie
2015
L'Aquarium et la Nation
  • Regie
2015
Pour Renato
  • Regie
2014
Kommunisten
  • Regie
2014
À propos de Venise
  • Regie
2014
La Guerre d'Algérie!
  • Regie
2013
La Mort de Venise
  • Regie
2013
Un Conte de Michel de Montaigne
  • Regie
2013
Dialogue d'Ombres
  • Regie
  • Idee
2012
La madre
  • Regie
  • Schnitt
2011
Schakale und Araber
  • Sprecher
  • Regie
2011
Un héritier
  • Darsteller
  • Regie
2011
L'inconsolable
  • Regie
2010
O somma luce
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
2009
Joachim Gatti
  • Sprecher
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
2009
Corneille - Brecht
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
2008/2009
Le streghe - Femmes entre elles
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
2008
Itinéraire de Jean Bricard
  • Regie
  • Drehbuch
2007/2008
Il ginocchio di Artemide
  • Regie
  • Drehbuch
  • 2. Kamera
2007
Verteidigung der Zeit
  • Mitwirkung
2006/2007
Fritz Lang
  • Mitwirkung
2006
Europa 2005 - 27 Octobre
  • Regie
  • Drehbuch
  • Produzent
2005/2006
Quei loro incontri
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
2003/2004
Une visite au Louvre
  • Sprecher
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
2002/2003
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes - Gedemütigt
  • Regie
  • Adaption
  • Schnitt
  • Produzent
2000/2001
Arbeiter, Bauern
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1998/1999
Sicilia!
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1996/1997
Von heute auf morgen. Oper in einem Akt von Arnold Schönberg
  • Regie
  • Drehbuch
  • Ausstattung
  • Schnitt
  • Produzent
1994
Lothringen!
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1990-1992
Lyrische Suite / Das untergehende Vaterland
  • Mitwirkung
1991/1992
Antigone
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1989/1990
Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet
  • Regie
  • Drehbuch
  • Produzent
1986-1989
Schwarze Sünde
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1986/1987
Der Tod des Empedokles oder Wenn dann der Erde Grün von Neuem euch erglänzt
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1984
Wie will ich lustig lachen
  • Mitwirkung
1984
Tausend Augen
  • Darsteller
1983/1984
Klassenverhältnisse
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1983
Jean-Marie Straub und Danièle Huillet bei der Arbeit an einem Film nach Franz Kafkas Romanfragment "Amerika"
  • Mitwirkung
1980-1982
Zwischen den Bildern. 3. Über die Trägheit der Wahrnehmung
  • Mitwirkung
1980/1981
Zu früh/Zu spät
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1978/1979
Von der Wolke zum Widerstand
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1974/1975
Moses und Aron
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1972
Einleitung zu Arnold Schoenbergs Begleitmusik zu einer Lichtspielscene
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
1972
Geschichtsunterricht
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1971
Obrigkeitsfilm
  • Darsteller
1970
Zum Begriff des 'kritischen Kommunismus' bei Antonio Labriola (1843-1904)
  • Produzent
1970
Straub in Rom
  • Mitwirkung
1969
Othon. Die Augen wollen sich nicht zu jeder Zeit schließen oder Vielleicht wird Rom sich eines Tages erlauben seinerseits zu wählen
  • Darsteller
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1968
Der Bräutigam, die Komödiantin und der Zuhälter
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Produzent
1967/1968
Chronik der Anna Magdalena Bach
  • Regie
  • Drehbuch
  • Ausstattung
  • Schnitt
  • Produzent
1964/1965
Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht
  • Regie
  • Drehbuch
  • Kameraführung
  • Kamera-Assistenz
  • Schnitt
  • Produzent
1962/1963
Machorka-Muff
  • Regie
  • Drehbuch
  • Schnitt
  • Ton
  • Produzent
URL: https://www.filmportal.de/person/jean-marie-straub_97dcd0f5ed7b4c41ac3285d7a9f3b1c2