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Als dokumentarischer "Rockreport" über die Underground-Musikszene der DDR gibt "flüstern & SCHREIEN" Einblicke in den Lebensalltag junger Bands der 1980er Jahre wie "Silly", "Sandow" oder "Feeling B". Angereichert mit Aussagen von Fans und Jugendlichen in verschiedensten Lebensumständen spiegelt der Musikfilm so Protest, Wünsche und Hoffnungen einer Subkultur, die sich des Mediums Musik bedient, um ihre Kritik am System zu äußern.
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Es fehlen jegliche Untertitel oder erklärende Texte aus dem Off, nur DDR-Fans etwa erkennen den Musiker in der kurzen Making-of-Rahmengeschichte oder können ungenannte Bandmitglieder Gruppen wie „Sandow“ aus Cottbus oder „Feeling B“ aus dem Berliner Prenzlberg zuordnen. Letztere mit dem Bassisten Paul Landes macht den Anfang mit einem Zeltplatz-Rockkonzert.
„Erfolg ist wenns krabbelt“: Die Ausnahme ist die auch im Westen bekannte und sehr erfolgreiche Gruppe „Silly“ mit Frontfrau Tamara Danz, die gleich danach mit „Die wilde Mathilde“ loslegt und erklärt, dass vor allem die „Beatles“ und die „Rolling Stones“ seinerzeit den Anstoß zur Gründung einer DDR-Rockszene mit Underground-Touch gegeben haben, die sich inzwischen sehr diversifiziert hat in Rock, Blues, Punk, Disco und kommerziell erfolgreichem Pop.
Jana heißt die Schülerin, die mit Silly-T-Shirt und wilder Tamara-Frisur ihrer Lieblingsband den Feriensommer über groupiehaft nachreist. Ihre Großmutter führt sogar ein Tagebuch darüber. Am Ende wird Jana, die die Wände ihres Zimmers mit Silly-Postern („Bataillon d’Amour“) zugepflastert hat, traurig verkünden, dass sie nach Abschluss der Schule eine Ausbildung im Chemiekombinat Leuna absolvieren wird und dann kaum noch Konzerte besuchen kann.
Während „Silly“ mit westlichem Profi-Equipment und Lightshow in großen Hallen auftritt, begeistern andere Gruppen wie die einstige Garagenband „Chicorée“ bei Open-Air-Auftritten ihre Fans mit politischen Texten wie Dirk Zöllners Eingangssong „Guten Tag, ich heiße Fritze Frust“ oder „Käfer auf’m Blatt“. „Feeling B“ um Aljoscha Rompe setzt dagegen auf fetzigen Punk. Für eine Ostsee-Mucke wird im Berliner Altbau-Hinterhof ein Surfbrett auf den schrottreifen Robur-Tourbus gehievt: Spaß gehört immer dazu einschließlich der Lagerfeuer-Romantik am Strand.
„Feeling B“ gehört zu den bekanntesten Underground-Bands in der DDR, nachdem sie als Vorgruppe zu „Freygang“ auftraten. „Steil und geil“ der Bluesrock-Gruppe, die wie ihr Gründer André Greiner-Pol erzählt, immer wieder mit Auftrittsverboten belegt worden ist, so auch während der Dreharbeiten dieses Films, gehört seitdem zum Repertoire von „Feeling B.“. „Es tut mir leid“: Die Punk-Band tritt vorzugsweise auf Dorfwiesen auf: Hier können sich, unter den wohlwollenden Augen der Bewohner wie des Abschnitts-Bevollmächtigter genannten Volkspolizisten die jungen Fans so richtig austoben. Und die Lautstärke stört auch niemanden.
Deutsche Texte sind wichtig für politische Aussagen und gleichermaßen gefährlich, weil sie die Zensur passieren müssen. Bei Livekonzerten wie in Hohen Viecheln südlich von Wismar am Schweriner See aber gelten andere Bedingungen – auch für die Fans, die sich nach Lust und Laune kleiden und frisieren können, pogomäßig allen Frust abbauen oder sich wie zwei junge FKK-Anhängerinnen auch ganz freizügig geben können. Zwar entschuldigt sich die Campingplatzleitung über Lautsprecher für die Lärmbelästigung während des Konzertes, es gibt aber nur verständnisvolle Äußerungen Erwachsener und begeisterte Zustimmung Jugendlicher vor Michael Lösches Kamera.
„Ist schon ein Wunder, dass das heute erlaubt wird“ sagt ein Mädchen. Die jungen Leute sprechen offen über neofaschistische Skinheads und sich von ihnen abgrenzende Red Skins. Dann macht der Film einen Abstecher vom (Rail-) Roadmovie, das die Bands auf ihren sommerlichen Tourneen begleitet, in den Untergrund eines Berliner Bahnhofs, wo sich junge Leute im Punker-Outfit aus der ganzen Republik treffen, um einmal nicht wie in ihren Heimatorten als Außenseiter zu gelten, sondern um sich unter Ihresgleichen von den verbürgerlichten (FDJ-) Jasagern abzugrenzen.
„Man muss brüllen, wenns zum Brüllen ist, und flüstern, wenns zum Flüstern ist“: Dirk Zöllner hat sich von „Chicorée“ getrennt, um weiterhin ambitionierte textbezogene Musik machen zu können – jetzt im Duo mit André Gensicke als „Die Zöllner“. Auch „Popgeneration“, eine Berliner Band um Steve Binetti und Martin Leeder, ist kurz zu sehen: Ein Zeitdokument, denn sie existierte nur von 1987 bis zur Wende. Was die Filmemacher nicht wissen konnten: Ausgerechnet Frank „Trötsch“ Tröger, Frontmann der Band mit dem Spitznamen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit „Die Firma“, war seit 1979 Informeller Mitarbeiter (IM) der Stasi.
Uraufgeführt am 20. Oktober 1988 im Colosseum Berlin-Pankow und am Tag darauf in allen DDR-Bezirken gestartet, war „flüstern & SCHREIEN“ mit rund 500.000 Besuchern ein sensationeller Publikumserfolg. Der westdeutschen Erstaufführung im Februar 1989 im Forum der 39. Berlinale folgten der westdeutscher Kinostart am 20. Juli 1989 und die TV-Erstausstrahlung am 12. März 1990 in der ARD.
Pitt Herrmann