Zwei Deutsche

DDR 1988 Dokumentarfilm

Inhalt

Zwei Fotos waren um die Welt gegangen, zwei Jungen in Uniform als letztes Aufgebot in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges. Der eine wird vom "Führer" für seine Tapferkeit ausgezeichnet und blickt stolz in die Kamera, der andere ängstlich heulend.

 

Gitta Nickel hat die beiden Männer nach Jahrzehnten aufgespürt, den "Tapferen" in Deutschland West, den "Heulenden" in Deutschland Ost und hat sie gefragt nach ihren Lebenswegen, die recht unterschiedlich verliefen, und ihren Ansichten. Beiden gemeinsam ist der Wunsch und die Hoffnung, es möge nie wieder Krieg sein.

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Heinz17herne
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Ihre Fotos gingen, zunächst unabhängig voneinander, um die Welt: Hans-Georg Henke und Wilhelm Hübner, geboren 1928, gehörten als 17-Jährige zum letzten Aufgebot der Wehrmacht kurz vor dem Untergang des Tausendjährigen Reichs. Gitta Nickel hat sie 43 Jahre später besucht, Ersteren in Finsterwalde, Letzteren jenseits des Eisernen Vorhangs in Landshut. Um sich ihre ganz persönlichen Geschichten der ikonischen Aufnahmen erzählen zu lassen, aber vor allem, um zu zeigen, wie die beiden inzwischen 60-Jährigen in den unterschiedlichen deutschen Staaten leben und wie sie heute die damalige Situation reflektieren.

Hans-Georg Henke wurde nach einem offenbar verlustreich verlaufenen Rückzugsgefecht am 30. April 1945 bei Groß Lüsewitz in Mecklenburg weinend am Straßenrand fotografiert: Die Aufnahme des fassungs-, weil offenbar hoffnungslosen Flakhelfers in einem viel zu großen Uniformmantel ging als Anti-Kriegs-Menetekel in die Erinnerungskultur nicht nur der Deutschen ein.

Wilhelm Hübner leistete als Ortskundiger Kurierdienste während der heftigen Straßenkämpfe in seiner schlesischen Heimatstadt Lauban, die heute zu Polen gehört. Als diese kurzzeitig von der Wehrmacht zurückerobert wurde, verlieh ihm Joseph Goebbels beim Frontbesuch persönlich das Eiserne Kreuz: Das Wochenschau-Foto des zwar abgekämpften, aber stolzen jungen Mannes passte genau zur NS-Propaganda für einen Kampf bis zum letzten Blutstropfen. Der Auszeichnung folgte am 19. März 1945 auf Einladung des Reichsjugendführers Artur Axmann ein Treffen mit Adolf Hitler in der Berliner Reichskanzlei, natürlich ebenfalls vor den Wochenschau-Kameras.

Heute gelten die Aufnahmen, die Andrew und Annelie Thorndike bereits 1956 in ihrer Defa-Dokumentation „Du und mancher Kamerad“ verwandten, als Symbol für die Verführung (nicht nur) junger Menschen durch totalitäre Ideologien. Gitta Nickel und ihr langjähriger dramaturgischer Mitarbeiter Wolfgang Schwarze stellten ihren „gesamtdeutschen“ Film unter das Motto „Nie wieder Krieg“, dem sich beide Protagonisten am Schluss ausdrücklich anschlossen.

Gedreht wurde unter dem Arbeitstitel „Zwei Fotos gehen um die Welt“ in Finsterwalde und Landshut, aber auch an den Orten der historischen Ereignisse, wo auch weitere Zeitzeugen befragt wurden. So Bauern in Sanitz, die vom unorganisierten Rückzug der Wehrmacht als „Hasenjagd über die Felder“ berichteten.

Was beide eint und mit der aus Ostpreußen stammenden Regisseurin verbindet ist die Fluchterfahrung: Der 2010 verstorbene Wilhelm Hübner, als Katholik in der schlesischen Diaspora aufgewachsen, wurde nach dem Krieg zunächst in Leipzig als Dreher ausgebildet, bevor er 1949 nach Bayern zog, wo er keineswegs freundliche Aufnahme fand. Der Motorenschlosser hat sich durchbeißen müssen zusammen mit seiner als Pflegerin im Krankenhaus tätigen Gattin. Was sich freilich aus Sicht sicherlich staunender DDR-Kinogänger gelohnt hat: Eigenheim, Auto, Camping-Ausrüstung und Motorboot. Hübner bezeichnet sich als einen unpolitischen Menschen, der keiner Partei angehört, aber daheim ein reichlich mit NS-Devotionalien bestücktes Privatmuseum unterhält.

Der 1997 verstorbene Hans-Georg Henke, der einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie entstammt, führt die Filmemacherin an den Ort eines Kriegsgefangenenlagers der Roten Armee, von wo das KPD-Mitglied zunächst ins brandenburgische Luckau kam. Freie Deutsche Jugend (FDJ), Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), Volkspolizei lauteten seine weiteren biographischen Stationen, bis er im Parteiauftrag Verwaltungsleiter des Finsterwalder Krankenhauses wurde und sich mit Akademikern auseinandersetzen musste, die vielfach auf gepackten Koffern saßen, weil sie im kapitalistischen Westen erheblich mehr Geld verdienen konnten. Heute kritisiert er die fehlende Arbeitsmoral und das mangelhafte Engagement der DDR-Jugend.

Ergänzt um historische Aufnahmen aus der NS-Zeit, von kriegszerstörten Städten und dem Wiederaufbau von Industrie und Gewerbe am Beispiel Finsterwaldes lässt die 94-minütige Doku mit Aufnahmen von den Weltjugendfestspielen 1951 in (Ost-) Berlin keinen Zweifel an der Auffassung der sich eigenen Kommentaren enthaltenden Gitta Nickel, dass die westdeutsche „Konsum-Diktatur“ keine Alternative zum ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden darstellt.

Horst Knietzsch im SED-Organ „Neues Deutschland“ vom 2. September 1988: „Wilhelm Hübner und Hans-Georg Henke leben heute in zwei deutschen Staaten. Die Unterschiede im Denken, im Fühlen und in den Interessen sind nicht zu übersehen. Aber beide haben sie zur Maxime gefunden: Es darf nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen. Dass dies keine rhetorische Floskel ist, markiert dieser Film in beeindruckenden Bildfolgen, durch sorgfältige Recherche und die subtile Reflexion zweier Lebensläufe.“

Die Uraufführung fand am 1. September 1988 anlässlich des Weltfriedenstages im Kino International in Berlin statt einen Tag vor dem Anlaufdatum in den DDR-Kinos. Auf der Leipziger Kurz- und Dokumentarfilmwoche 1988 gabs die „Goldene Taube“ für den am 26. Februar 1989 in der ARD erstausgestrahlten Film, der seine bundesdeutsche Kino-Premiere am 24. April 1989 bei den 35. Int. Westdeutschen Kurzfilmtagen „Weg zum Nachbarn“ in Oberhausen erlebte.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
2564 m, 94 min
Format:
35mm
Bild/Ton:
Orwocolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 02.09.1988;
Aufführung (DE): 24.04.1989, Oberhausen, IFF

Titel

  • Originaltitel (DD) Zwei Deutsche
  • Arbeitstitel (DD) Zwei Fotos

Fassungen

Original

Länge:
2564 m, 94 min
Format:
35mm
Bild/Ton:
Orwocolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 02.09.1988;
Aufführung (DE): 24.04.1989, Oberhausen, IFF

Auszeichnungen

Leipziger Kurz- und Dokumentarfilmwoche 1988
  • Goldene Taube, Filme über 45 Minuten