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"Oyoyo" ist der erste Film, den Chetna Vora, eine Filmstudentin aus Indien, an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg gemacht hat. Sie filmt ihr eigenes Umfeld. In dem einzigartigen Querschnitt sprechen Studierende aus Chile, Guinea-Bissau, der Mongolei, Kuba und Bulgarien über ihre Entscheidung, in der DDR zu studieren, und über ihre mit dem dortigen Leben verbundenen Herausforderungen.
Der Film wurde komplett im studentischen Wohnheim gedreht. Die präzise Kameraführung der Regisseurin und ihre Fähigkeit, eine natürliche Atmosphäre zu schaffen, in der sich intime und offene Gespräche über Liebe, Sehnsüchte und Zukunftsträume ihrer Protagonist*innen organisch entfalten konnten, verleihen dem Film seine besondere Qualität. Es ist ein Blick, der von innen kommt. Die Interviewszenen alternieren mit Musik von Silvio Rodríguez (Kuba) und Nara Leão (Brasilien) sowie mit Liedern in kapverdischem Kreol.
Quelle: 73. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Auf diese optische Tristesse setzt die Regisseurin Chetna Vora exotische Musik, Heimatklänge der hier lebenden Studenten aus Drittweltstaaten wie Äthiopien, Chile und Guinea-Bissau, die mit der DDR ideologisch-politisch verbunden sind. Die indische Filmstudentin Chetna Vora kam 1976 zum Regiestudium an die Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Potsdam-Babelsberg und hat, so Tobias Hering, Kurator der Retrospektive „In deutscher Gesellschaft. Passagen-Werke ausländischer Filmemacher 1962 bis 1992“, die 2018 im Berliner Zeughauskino lief, „deutliche Spuren hinterlassen. Im kollektiven Arbeitsmilieu der Hochschule war sie vor und hinter der Kamera an mehreren Filmen ihres Jahrgangs beteiligt.“
In ihrem Hauptprüfungs- (Vordiplom-) Film „Oyoyo“, benannt nach einem populären Lied aus Bissau, das ein gutes halbes Dutzend Studenten aus diesem gerade aus der Kolonialherrschaft in die noch sehr fragile Selbständigkeit entlassenen Staates singen und dabei ihre Kommilitonen aus aller Welt zum Tanzen einladen, befragt die Studentin Chetna Vora in akzentfreiem Deutsch gleichaltrige Mitstudenten nach ihrer Herkunft, ihren Zielen, ihrem Alltag im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat. Und zeigt immer wieder unkommentiert, wie gemeinsam gekocht, gegessen, gesungen und – sehr viel – geraucht wird.
Sprachlich ist die Verständigung nicht einfach: Neben Deutsch spricht Chetna Vora Englisch, aber die meisten Kommilitonen kommen aus dem spanischen oder portugiesischen, einige auch aus dem französischen Sprachraum – und ihr Deutsch ist noch sehr lückenhaft. So wird nonverbal kommuniziert, sehr viel geht über Musik und Tanz: Lebensfreude pur in einer eher lebensfeindlichen Umgebung, die Lars Barthel, der spätere Ehemann Chetna Voras, in kühlen Bildern immer wiederkehrender Einstellungen zeigt, etwa der schmucklos-düstere Flur des Wohnheims.
Es geht um Familien, die auseinandergerissen werden, etwa wenn der Bruder in der Sowjetunion studiert oder wenn aus politischen Gründen auf absehbare Zeit keine Rückkehr in die Heimat möglich ist. Es geht um Träume und Alpträume einer Entfremdung, ja Entwurzelung, die uns heute, Jahrzehnte später, immer noch sehr aktuell vorkommen: Ein Student fühlt sich bei seiner Rückkehr in die Heimat wie ein Fremder, wie ein Ausländer, obwohl er doch seine Familie, seine Heimat besucht. Es geht, und zwar in befreiend-lockerer Art, um Unterschiede in der Lebensauffassung: die Disziplin der Deutschen wird einerseits positiv bewertet, der Ehrgeiz und der damit verbundene Termin- und Planerfüllungsstress aber eher kritisch gesehen. Die Pünktlichkeit müsse in allen Lebensbereichen höchste Priorität haben.
Was heute Clash der Kulturen genannt wird, artikulieren arabische wie asiatische und lateinamerikanische Studenten: der große Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Tradition und Moderne. Es ist erstaunlich, wie nachdenklich sich die jungen Leute geben, wie sie ihr bisheriges Leben reflektieren und ihr künftiges kritisch betrachten. Lars Barthels wilde Mischung aus Ganz-Nah-Einstellungen und distanziert-dokumentarischen Blicken vom Flur durch den Türrahmen ins Einzelzimmer oder die Gemeinschaftsräume lässt keine Langeweile aufkommen. Und die trotz der Sprachbarriere auskunftsfreudigen Studenten legen eine für DDR-Verhältnisse ungewohnte Offenheit an den Tag, und das im Bewusstsein, dass dieser Vordiplomfilm in einer höchstens fünfzigminütigen Schnittfassung im Fernsehen der DDR ausgestrahlt wird.
Im Berliner Zeughauskino ist am 17. März 2019 der gerade frisch digitalisierte 16mm-Film „Oyoyo“ in der 66-minütigen Langfassung erstmals öffentlich gezeigt worden. Diese war im Keller des Kameramannes Lars Barthel gefunden worden und ergänzt die offizielle 47-minütige Fassung des DDR-Fernsehens. Ob Letztere überhaupt ausgestrahlt wurde, kann zur Zeit nicht beantwortet werden.
Pitt Herrmann