Das Experiment

Deutschland 2000/2001 Spielfilm

Boyscamp ohne Damenbesuch


Peter Körte, Frankfurter Rundschau, 06.03.2001

Lustig ist das Containerleben, wie wir seit Big Brother wissen, nur selten, und wer nicht eine gewisse soziologische Neugierde mitbringt, ist auch für Formate wie Girlscamp und andere Aufbewahrungsvarianten verloren. Doch wo sich Menschen rund um die Uhr gerne überwachen lassen, da fehlt auch das grundsätzliche Bedürfnis nicht, ihnen zuzuschauen. Überwachen und ein bisschen Strafen durch Abwahl ist lange nach Michel Foucaults historischen Studien zum Entertainment-Faktor geworden, weil es zugleich eine alltägliche Realität ist. Man muss nur einen Blick auf die Monitorwände in Bahnhöfen oder Verkehrsleitzentralen werden, um zu begreifen, dass man nicht überall ein Bildnis von uns macht – zu ungewissen Zwecken.

Früher trieb es zu solchen Studien vor allem die Wissenschaft, die nicht nur von Ratten und Mäusen auf Menschen schließen, sondern auch menschliches Verhalten beobachten möchte, um auf es einzuwirken. Als Stanford-Experiment ist eine besondere Versuchsanordnung aus den 70-er Jahren in die Geschichte eingegangen. Und wie die 70-er Jahre als schwankende Gestalten wiederkommen, so kehrt auch der Menschenversuch als Entertainment zurück. Von ferne erinnert das an die behavioristische Psychologie, die den Menschen als Black Box versteht, aus der man bei entsprechendem Input auch einen gewünschten Output erhält.

Was nun im Palo Alto der 70-er Jahre nicht funktionierte, das klappt auch im Köln des Jahres 2000 nicht. Ein Film, der diesen Versuch adaptiert, muss deshalb aber nicht notwendig schief gehen. Oliver Hirschbiegels "Das Experiment" ist ein Boyscamp ohne Besucherinnen, es etabliert ganz nebenbei den Container als die Zeit-Metapher auch im Kino, obwohl ein Sieger hier nicht zu küren ist, sondern alle Probanden nach 14 Tagen mit 4000 Mark nach Hause gehen sollen, wenn"s denn geklappt hat.

Es beginnt mit einer dieser Anzeigen, über die man zufällig stolpert, und wenn man Geld braucht, sind 4000 Mark in 14 Tagen schon ein Anreiz. Junge Männer melden sich, sie werden getestet und darauf hingewiesen, sie könnten in psychische Extremsituationen geraten. Man steckt sie ins Kellergeschoss irgendeines multifunktionalen Baus, dem man keine Funktion ansieht – gefliester Flur, Zellen mit Gittern und jeweils drei karge Pritschen übereinander. Der Computer hat die Probanden in acht Wärter und zwölf Gefangene eingeteilt. Gewalt ist verboten, doch als ständige Drohung durch Handschellen und Schlagstock am Gürtel der Wärter präsent. Ein Forscherteam erhofft sich derweil Erkenntnisse über menschliche Verhalten. Wozu es sie benötigt, bleibt offen. Die Bundeswehr hat auch ein Interesse, und so schleust sie heimlich einen Marineflieger (Christian Berkel) ein. Und natürlich die Medien. Moritz Bleibtreu agiert als Taxifahrer und gescheiterter Journalist, der sich von seinem ehemaligen Chef 10 000 Mark für die Story versprechen lässt und sich zur Dokumentation mit einer Minikamera im Brillengestell ausrüstet. Auf diese Weise sehen wir das durch seine Augen, verschnitten mit den dunklen, fast monochromen Bildern von Rainer Klausmanns Kamera.

Diejenigen, die als Insassen zugleich Beobachter sein wollen, sind die dominierenden Figuren. Doch es gibt dabei keine finstere Verschwörung, die aufzudecken wäre und automatisch den rettenden Supermann auf den Plan riefe. Die große ideologische Schlacht findet nicht statt. Hirschbiegel löst ein paar Figuren aus dem Ensemble heraus und lässt sie Kontur gewinnen – die anderen laufen mit, und so reproduziert das Drehbuch das Gruppenverhalten, wo die Schweigenden sich denen fügen, die den Ton angeben, und nicht aufzuhalten versuchen, was ihnen gegen den Strich geht.

In diesem Kammerspiel hinter Gittern wird die Verbindung zur Außenwelt allein durch die Freundin von No.77 (Bleibtreu) hergestellt. Diese Liebesgeschichte, die erst in der Nacht vor dem Experiment beginnt, ist vielleicht die schwächste Stelle in der Konstruktion, auch wenn der Film sie braucht, um die Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen zu gewährleisten. Wirklich zwingend ist sie deshalb nicht, auch wenn Maren Eggert nett anzusehen ist und ihre Filmfigur ein schönes Haus am niederländischen Nordseestrand hat, wo die Sonne so untergeht, wie man es sich für Schlussbilder wünscht.

Doch ansonsten macht sich der Mut zur Klaustrophobie bezahlt. Die sozialen Mechanismen innerhalb der Gruppe lässt der Film eher beiläufig hervortreten, weil sie der Geschichte dienen und nicht etwas beweisen sollen. Dass sich Sadismus, Lust an der Macht und Wunsch zur Erniedrigung bei denen, die sich auch erniedrigt fühlen, rasch zeigen, dass die anderen sich aus Angst nicht wehren, dass der Gruppendruck neue Verhaltensweisen erzwingt, all das wird ohne didaktischen Eifer sichtbar.

Man könnte natürlich eine Reihe gewichtiger anthropologischer oder sozialpsychologischer Fragen erörtern – beispielsweise ob der Mensch nun dem Menschen ein Wolf ist, oder ob er sich heute durch Aufgaben der Firma Emdemol zähmen lässt. Oder man könnte zu dem Schluss gelangen, dass an so manchem Normalbürger ein prima Aufseher, Sklaventreiber oder Schreibtischtäter verloren gegangen wäre. Doch weil das Kino nicht als Trägermedium für eine soziologische Botschaft herhalten muss, sondern sich die Einsichten zwangsläufig aus der Form der Geschichte ergeben, wirken sie nie aufdringlich. "Action is character", und die dramatische Einheit von Ort, Zeit und Handlung erweist sich dabei als hochexplosive Mischung.

Den interessantesten Punkt erreicht der Film dort, wo ein Wahn einsetzt, dem sich die ganze Welt zum Ort des Experiments weitet, wo nicht mehr trennscharf ist, ob die Anweisungen des wissenschaftlichen Personals selbst Teil des Versuchs sind oder dessen externe Bedingung. Weil es für die Wärter kein Außen mehr gibt, wird auch für die Gefangenen alles zur vergitterten Innenwelt, aus der nur ein Gewaltakt hinausführt. Und so darf man hier auch mal die alte humanistische Bildungsphrase bemühen, dass Kritik von einem griechischen Verb namens "krinein" kommt, das "unterscheiden" bedeutet. Wissen muss man das nicht, doch wenn man sich Oliver Hirschbiegels Film anschaut, tut man es ganz von selbst, indem man feststellt, was einen ziemlich bemerkenswerten von einem schlechten Film unterscheidet.