Das Knalleidoskop
"Das Knalleidoskop" (1959) von Herbert Hunger – Geschichten aus der Scherbenwelt
Ein Kaleidoskop reflektiert kleine farbige Glasstücke, wobei durch Drehen und Schütteln ständig neue, symmetrische Muster entstehen, die ein wechselndes, farbenfrohes Ensemble bilden. Aus einer Ansammlung von Einzelteilen entsteht eine zufällige Ordnung, deren Kombinationen an abstrakte Kunst erinnern. Was passiert aber, wenn ein Knall das Kaleidoskop zerstört, die Einzelteile sich selbständig machen und sich aus der starren Symmetrie ihrer Spiegelwelt befreien?
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot aus "Das Knalleidoskop" |
In dem kurzen Animationsfilm "Das Knalleidoskop" (1959) von Herbert Hunger passiert genau das: Mit kleinen Schrauben, Drähten, Winkeln, Schraubhaken und weiteren Gegenständen aus einem Bau- und Werkzeugkasten garnierte Glasscherben erwachen zum Leben und erzählen in immer neuen Formationen kurze Geschichten. Ihrer ursprünglichen Bedeutung entfremdet, erinnert ihre Prozession an ein absurdes Theater, das sich wie ein Traum nur schwer deuten lässt.
Mit einer Länge von 252 Metern und einer Vorführdauer von 9 Minuten und 13 Sekunden hat der Schwarz-weiß-Film "Das Knalleidoskop" die typische Länge eines Beiprogrammfilms. Die Constantin-Film nahm ihn in ihren Verleih auf; es ist aber nicht bekannt, zu welchem Hauptfilm er eingesetzt wurde.
Der Vorspann. Eine Streichholzschachtel öffnet sich, und mit einem Knall springen die Hölzer wie ein Feuerwerk daraus hervor – eine Referenz an Guido Seebers Animationsfilm "Die geheimnisvolle Streichholzdose" von 1910, in dem sich Streichhölzer zu Motiven wie "Napoleon nach Jena und Waterloo" oder "Brennende Mühle" zusammensetzen. Anschließend ordnen sie sich zu eckigen, im Duktus ironisch gehaltenen Credits. Der erste Titel lautet: "Das Risiko dieses Filmes hatte Hans-Jürgen Priebe". Die Priebe-Film-Produktion aus Detmold war auf die Herstellung von Kulturfilmen fürs Kinobeiprogramm spezialisiert, vor allem Städtebilder und populärwissenschaftliche Sujets. Da in den westdeutschen Kinos nur selten künstlerische Animationsfilme liefen, stellte die kommerzielle Auswertung des "Knalleidoskops" ein echtes Wagnis dar.
Der Film wurde seinerzeit häufig Herbert Hunger und Hans-Jürgen Priebe zugeschrieben; tatsächlich fungierte Priebe lediglich als Produzent. "Das Knalleidoskop" war – laut Mitteilung seiner Schwiegertochter – bereits 1955 fertiggestellt, lag aber erst 1959 der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft vor. Der Kontakt zu Priebe entstand vermutlich über den Komponisten Dieter Schönbach, mit dem Hunger befreundet war und der im zweiten Titel erwähnt wird: "Das Hörbare stammt von Dieter Schönbach". Zu vernehmen ist eine collageartige Ansammlung von Geräuschen und Musikfragmenten, verfremdeter Blasmusik und ironischen Musikzitaten, die den Trickfiguren recht genau folgen und sie parodistisch ausdeuten. In "Das Knalleidoskop" verbindet sich Neue Musik kongenial mit einem einmaligen visuellen Erlebnis.
Der dritte Eingangstitel lautet: "Was sie sehen, erfand Herbert Hunger". Zu Recht betrachtete Hunger seinen Film als Erfindung, hatte doch bis dahin niemand eine vergleichbare Filmcollage vorgelegt. Das surreal anmutende Leuchten und die differenzierten Abstufungen in den Glasscherben sowie die grafische Anmutung von "Das Knalleidoskop" erreicht Hunger durch die Verwendung des Negativs als Positiv. Dadurch erscheint der helle Hintergrund der Positivaufnahme als dunkle Kulisse, während Drähte, Federn und Schräubchen zu hellen Artefakten mutieren. Die milchige Halbtransparenz der Scherben verleiht den Figuren Raum und Tiefe sowie eine geisterhaft-surreale Erscheinung. Es sind bizarre Zwitterwesen von der Müllhalde oder einer Trümmerlandschaft entsprungen, wie sie Mitte der 1950er Jahre noch vielerorts das Bild der deutschen Städte prägte, gespensterhaft-verfremdete Erscheinungen aus den Tiefen der Geschichte. Koboldhaft und zerbrechlich, stets aber verschmitzt und lebensfroh improvisieren sie einen Alltag, der ohne eine Portion Frohsinn und Heiterkeit nicht zu ertragen wäre.
Der Film. Ein kleiner Vogel, eine Schnapsdrossel, hat einen über den Durst getrunken; seine Wahrnehmung zerspringt. Sie ärgert einen Equilibristen und montiert aus seinen Einzelteilen einen Don Quichotte, der sich aufs Glatteis begibt, durch die Luft wirbelt und als wilhelminische Reiterstatue auf einem Podest erstarrt. Der treue Staatsbürger schreitet respektvoll vorbei und grüßt ehrerbietend, während sein Hund despektierlich das Bein hebt. Er bellt und der Untertan zerfällt in seine Einzelteile. Auch ein Radfahrer löst sich dergestalt auf und bekommt einen Strafzettel ausgehändigt. Nun flattert der Vogel einem Pferdewagen voran, auf dem vor städtischer Kulisse eine Dixie-Band musiziert. Als Solisten treten auf: Ein Trompeter, ein Schlagzeuger und ein Pianist, der auf einem Kamm musiziert, sowie ein Bassist. Der Rhythmus regt ein Pärchen zu einem akrobatischen Tanz an, bis sie und alle anderen Figuren des Spiels wie Scherben zerbrechen, um von einem gleichmütigen Straßenfeger zusammengekehrt zu werden. Ein Fingerzeig von ganz oben rät ihm, beim Fegen einen Anlauf zu nehmen: Zusammen mit dem gesamten Unrat fliegt er aus dem Bild und die Geschichte ist zu Ende.
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot aus "Das Knalleidoskop" |
Der Scherbenhaufen kann als Symbol der Vergänglichkeit gelesen werden, dürfte hier aber vor allem eine Metapher für die Trümmer sein, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat, ruft er doch den Refrain "Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt" des nationalsozialistischen Kampfliedes "Es zittern die morschen Knochen" in Erinnerung.
"Das Knalleidoskop" verzichtet auf eine lineare Handlungsführung und präsentiert stattdessen locker gereihte, assoziativ verspielte Sequenzen, die wie improvisierte Jazzetüden anmuten. Der dunkle Hintergrund erinnert an eine Marionettenbühne, vor der die skurrilen Wesen humorvoll-ironisch ein Eigenleben führen und absurde Kurzgeschichten vorstellen. Geringfügige Bewegungen reichen aus, um den Objekten Charakter und Lebensfreude zu verleihen; komplizierte gleichzeitige Animationen verleihen insbesondere der Dixie-Band eine verblüffende Lebendigkeit. Der kleine Vogel, der die diversen Fundstücke arrangiert, kann durchaus als Alter Ego des Künstlers angesehen werden.
Geduldsarbeit. Wie sich Herbert Hungers Sohn Mic Hunger erinnerte, hatte dieser im häuslichen Badezimmer "mittels sinnreich improvisiertem Rollo vor dem Fenster, einem Brett quer über die Badewanne für die Entwickler- und Fixierwanne und einem senilen Vergrößerungsgerät" eine improvisierte Dunkelkammer eingerichtet. Glasscherben von Flaschen legte er auf Fotopapier und kombinierte sie mit Draht, Zahnrädern und weiteren kleinteiligen objets trouvés. Da die Flaschenscherben nicht plan waren, brach sich in ihnen das Licht unregelmäßig und verlieh ihnen nicht nur unterschiedliche Transparenzen, sondern auch Relief und Tiefe. "Dort kam jetzt die Scherbensammlung dergestalt zum Einsatz, dass Vater sie unter dem Vergrößerungsgerät auf Fotopapier legte und kurz belichtete. Die nach der Entwicklung daraus entstandenen Fotogramme sahen verblüffend echt wie Scherben aus. Nur, dass sie jetzt, sorgfältig ausgeschnitten, flach liegen konnten!" So entstanden kameralose Fotografien, die an die Fotogramme von Man Ray, László Moholy-Nagy, Christan Schad und Heinz Hajek-Halke erinnern. Beispiele erschienen 1956 in der internationalen Edition der Zeitschrift Photo Magazin.
Es ging Hunger bei seiner Photographik (Croy 1956) allerdings nicht um abstrakte Formexperimente; seine Kompositionen erzählen vielmehr ironische, karikaturhaft ausgeführte Geschichten: Ein Hahn schimpft über ein Küken, das schuldbewusst den Kopf senkt, ein Urlauber wird beim Essen von einer Mücke belästigt. Eine in drei Episoden vorgestellte Szene mit einem Reiter – Anlauf, Übersprung der Hürde sowie stolzgeschwelltes Tragen des Siegerkranzes – verweist bereits auf die filmische Narration.
In seinen Erinnerungen an "Das Knalleidoskop" schreibt Mic Hunger weiter: "Die Kamera war eine Vorkriegs-Ernemann, ein heller Holzkasten (vorhanden), der ursprünglich für 35mm Kinofilm gebaut worden war. Der zünftige Handkurbelantrieb wurde findig durch einen über eine Holznockenscheibe, Mikroschalter und Relais gesteuerten Elektromotor aus dem Gruschtlkasten eines Freundes ersetzt. Die mechanische Untersetzung bildeten ein Schneckengetriebe dunkler Herkunft und gefledderte Teile aus dem Märklinkasten seines Sohnes. Opfer müssen gebracht werden. Sagte schon Otto Lilienthal. Es gab keine direkte Möglichkeit, die Schärfenebene unter der Kamera zu ermitteln, denn ein Sucher fehlte. So verfiel Vater auf die Idee, ein Dia mit Fadenkreuz in die Filmebene zu legen und das Bild mit einem Lämpchen von hinten durch das Objektiv auf die Arbeitsebene zu projizieren. Jetzt konnte er mit dem Abstand der Kamera zum Tisch die Schärfe einstellen. Gleichzeitig wusste er damit auch, wie groß seine Arbeitsfläche war."
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| Quelle: Jeanpaul Goergen |
| Screenshot (Detail) aus "Das Knalleidoskop" |
Zusammen mit "Strich-Punkt-Ballett" (1950, R: Herbert Seggelke), "Ein Traum in Tusche" (1952, R: Rolf Engler) und "X Y" (1955, R: Haro Senft) bildet "Das Knalleidoskop" von Herbert Hunger die schmale Gruppe von künstlerisch gestalteten Animationsfilmen, die in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik entstanden. Ihr gemeinsamer Nenner ist, dass sie alle aus Eigeninitiative, auf eigene Rechnung und mit selbstgebauter Aufnahmetechnik entstanden. Strukturen, die die Entwicklung künstlerischer Trickfilme ermöglicht und gefördert hätten, gab es in der frühen Bundesrepublik noch nicht. Zu dieser Gruppe künstlerischer Animationsfilme gehören aber auch die kurzen Silhouettentrickfilme, die Lotte Reiniger in den 1950er Jahren für die Primrose Film Production in London herstellte und die auch in der BRD vertrieben wurden.
Reaktionen. Bei der Vorlage zur Jugendfreigabe bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft im Mai 1959 wurde "Das Knalleidoskop" schlicht als "komischer Zeichentrickfilm mit Glasscherben" beschrieben. Der Katalog der IX. Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilm-Woche 1960 charakterisierte ihn als "listigen Experimentalfilm" und deutete ihn als "skurriles Spiel mit Glasscherben der heiteren Seite des Lebens abgelauscht und gewidmet". (S. 94f)
Im Jahr 1959 verlieh die Filmbewertungsstelle dem Film das Prädikat "besonders wertvoll". Der akustische Teil und die "Originalität des Bildes" würden den Film gleichermaßen tragen. Die "spielerisch gelöste, witzige und pointenreiche Durchführung" ergebe ein Ganzes, "das sowohl graphisch wie musikalisch wie in der Variation der Bewegungsabläufe (im Hin und Zurück des Aufbaues von Figuren und der Zerstörung von Figuren)" überzeuge. Im selben Jahr erhielt der Film bei den Berliner Filmfestspielen einen Silbernen Bären als besonders wertvoller Kurzfilm. Ein Jahr später wurde ihm eine erhöhte Kulturfilmprämie als "Leistung von internationalem Rang" zugesprochen.
Reinold E. Thiel bewertete ihn 1962 zusammen mit dem gesellschaftskritischen Trickfilm "Die Gartenzwerge" (1961) von Wolfgang Urchs als die besten Animationsfilme, die in Deutschland nach dem Kriege entstanden seien, wobei er "Das Knalleidoskop" allerdings als "gutmütige(n) Ulkfilm" abtat (und nebenbei die Trickfilmproduktion der DDR ignorierte).
1962 nahmen John Halas und Roger Manvell in ihrem Buch "Design in Motion" auch ein Foto aus "Das Knalleidoskop" auf – neben Motiven aus "Prinzessin Springwasser" (DDR 1956) von Bruno J. Böttge und "Die Purpurlinie" (BRD 1959) von Karl Ludwig Ruppel und Flo Nordhoff – um auf hervorragende künstlerische Animationsfilme aus Deutschland hinzuweisen.
Für Ulrich Wegenast (2011, S. 6) besticht "Das Knalleidoskop" "gleichermaßen durch seine groteske und absurde Art sowie durch seine eigenartig zauberhafte Atmosphäre", die ihn an die Glasmalerei von Kirchenfenstern erinnerte. André Eckardt (2016, S. 147) erkannte in Herbert Hunger "unleugbar ein Kind der Moderne"; der Film stehe "exemplarisch für den Umbruch in der deutschen Nachkriegsanimation."
Herbert Hunger (17.1.1923, Wurzen) war ausgebildeter Maler und Kartograf. Bis 1945 war er als Zeichner in Leipzig tätig. Zwischen 1947 und 1952 absolvierte er ein Grafikstudium an der Kunstakademie Kassel. 1949 heiratete er die Trickfilmerin Rita Vera Hunger (geb. Pattermann). Beim Göttinger Verlag Muster-Schmidt KG angestellt, arbeitete er außerdem mit dem Trickfilmer Georg Zauner zusammen. Dieser holte ihn zu der auf Werbefilme spezialisierten Insel-Film in München, für die er zunächst freiberuflich tätig war und ab 1968 die Trickabteilung leitete. Darüber hinaus zeichnete er für die Gesellschaft für bildende Filme (GBF) in München. Herbert Hunger starb am 17. Juni 2005 in Halfing.
Mit herzlichem Dank an Dr. Adelheid Maria Hunger.
Archiv:
Mic Hunger: Hautnahe Erinnerungen an die Dreharbeiten "Das Knalleidoskop" in meinem Kinderzimmer (1955) (Privatarchiv Dr. Adelheid Maria Hunger)
Literatur:
[Herbert Hunger]. Fragments of Glass and Fantasy. In: Photo Magazin. International Edition Nr. 1, 1956, S. 84-85
Otto Croy: Reine Photographik. In: Photo Magazin, Nr. 11, 1956, S. 36-43
IX. Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilm-Woche 1960. [Katalog]. Heidelberg 1960
Reinold E. Thiel: Puppen- und Zeichenfilm oder Walt Disneys aufsässige Erben. Berlin 1960
Reinold E. Thiel: "Die Gartenzwerge". In: VIII. Westdeutsche Kurzfilmtage Oberhausen "Weg zum Nachbarn". Bericht 1962. Oberhausen 1962, S. 32-34
John Halas, Roger Manvell: Design in Motion. London 1962
Filmbewertungsstelle Wiesbaden (Hg.): Besonders wertvoll. Kulturfilme, Dokumentarfilme, Jugendfilme, Kurzfilme. [1.2.1959-31.12.1961]. Wiesbaden 1963
Jeanpaul Goergen: Traumspiele. Künstlerische Animationsfilme der BRD: Die 50er Jahre. In: Filmblatt, Nr. 22, 2003 S. 4-9.
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/20947
Ulrich Wegenast: Kritik und Experiment. Der westdeutsche Animationsfilm. Booklet zur DVD-Edition "Geschichte des deutschen Animationsfilms. Kritik und Experiment. Der westdeutsche Animationsfilm". Berlin: absolut Medien 2011
André Eckardt: Herbert Hunger. In: 23. Internationales Trickfilm Festival Stuttgart '16. Katalog. Stuttgart 2016
(Jeanpaul Goergen, Juni 2026)


