Der Fall Lucona

USA Italien Österreich Deutschland 1992/1993 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Wir wollten aus diesem Film keine Dokumentation machen. Wir haben beim Schreiben des Drehbuchs, beim Drehen, bei den Darstellern und bei der Musik eine bestimmte Stilisierung im Auge gehabt, von Anfang an. Der Fall Lucona hat mich fasziniert, aber nicht nur als Story, sondern auch als Gelegenheit, eine korrupte Gesellschaft zu zeigen und weil es ein Thriller-Element gibt: Was passiert als Nächstes?“ So Jack Gold im ZDF-Presseheft, der mit dem Budget von 10 Millionen D-Mark einen großen, international besetzten TV-Film gedreht hat, der auch den Weg in die Kinos gefunden hat.

Entstanden nach dem gleichnamigen, 672-seitigen Sachbuch von Hans Pretterebner, das im Dezember 1987 jede Menge Staub aufwirbelte, widersteht „Der Fall Lucona“ der Versuchung eines europäischen Hollywood-Verschnitts. Sicherlich führt die eine oder andere künstlerische Freiheit des britischen Erfolgs-Gespanns („Der rote Monarch“) aus dem Drehbuchautor Jim Hawkins und dem Regiestar Jack Gold über einen rein dokumentarischen Charakter dieser, wie man heute sagt, True-Crime-Story vor dem Hintergrund des Untergangs des Frachters „Lucona“ (Günther Maria Halmer als dessen Kapitän Leuwen), der 1977 im Indischen Ozean sechs Menschenleben forderte, hinaus.

David Suchet von der Royal Shakespeare Company London als Udo Proksch alias Rudi Waltz, Franco Nero als Waffenhändler Enzo Lombardi, Dominique Sanda als Waltz‘ rechte Hand Lilly Wolff alias Hans-Peter Daimler oder Friedrich von Thun als Verteidigungsminister Klaus Weidenfeld, um nur einige der klangvollen Namen im Cast zu nennen, bewegen sich vor der Kamera Gernot Rolls so „natürlich“ oder eben exaltiert, wie man sich die realen Figuren vorstellt.

Der „Fall Lucona“, aufgedeckt von einem hier Hans Strasser (Jürgen Prochnow) genannten Journalisten, war in erster Linie eine österreichische Staatskrise, vielleicht mitentscheidend für den Niedergang der „Altparteien“ SPÖ und ÖVP, die in Wien seit Jahrzehnten miteinander regiert haben. In zweiter Linie ist dieser auf dem europäischen Kontinent seinesgleichen suchende Kriminalfall auch ein Produkt des österreichischen Staatssozialismus wie die „Konsum“-Pleite Mitte der 1990er Jahre in der Alpenrepublik: die Verflechtung von Gewerkschafts-, Partei- und Regierungsinteressen ist Legion – und undurchschaubar zugleich.

Sie kann im Grunde genommen nur entwirrt werden, wenn ein Rädchen im Getriebe aus Übermut, Hochmut oder einfach Dummheit aus dem Takt gerät. Wie der Aufsteiger Udo Proksch, der Name wurde in Rudi Waltz geändert, ein ambitionierter Waffenschieber, der in seiner noblen Wiener Kaffeehaus-Konditorei Demel einen Club der politischen und ökonomischen Elite wie eine Mafiosi-Hinterstube installiert. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, kann sich Proksch für seinen großangelegten Versicherungscoup der Unterstützung prominenter Helfer sicher sein, die er mit kompromittierenden Filmen und Fotos in der Hand hat.

Der „Fall“ liest sich wie ein Thriller und hat tatsächlich zu einem Erdbeben geführt in der sich nicht nur beim Wiener Opernball wie ein Operettenstaat gerierenden „Zweiten Republik“. Mehrere Minister mussten zurücktreten, sämtlich SPÖ-Sozialisten und hoch dekorierte Vertreter der Arbeiterklasse. Was die Wähler anschließend, besonders die Arbeiter, in die Fänge der „Freiheitlichen“ Jörg Haiders getrieben hat. Wobei die lukrative Postenschacherei auch der konservativen Volkspartei nicht fremd ist.

Jack Gold ist eine Gradwanderung zwischen Dokumentar- und Spielfilm gelungen, der den Offenbarungseid eines zutiefst korrupten, angeblich demokratischen Staatswesens in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer transportiert. Der Regisseur im ZDF-Presseheft: „‘Der Fall Lucona‘ ist wie eine komische Oper, aus der eine schwarze Oper wird. Rudi hat etwas von einem Opernbuffo, einer Fledermaus. Das Opernhafte haben wir schon beim Schreiben des Drehbuchs angelegt, und so wurde es eine Oper, die sich von Strauß zu Wagner bewegt.“

Gedreht in Wien, darunter nicht nur im Café Central und im Palais Ferstl, sondern auch im Parlament am Ring und in der Hofburg, in Venedig sowie in der mexikanischen Hafenstadt Veracruz, folgten auf die Uraufführung am 6. Mai 1993 in Wien der deutsche Kinostart am 10. Juni 1993 und die Erstausstrahlung am 28. Januar 1995 im ZDF. Vor allem die österreichische Kritik ließ kein gutes Haar an der Produktion. So ätzte Veronika Franz im Wiener „Kurier“ (vom 30. Januar 1995): „Proksch war bloß der gute Böse einer netten Folge wie von ‚Tatort‘. Schon im Kino floppte der Film zum Fall. Was der zuständige Buchautor mit einer ‚Verschwörung von Udo-Freunden‘ erklärte. Jetzt, im Fernsehen, sahen den Untergang ebenfalls nur zehn Prozent. (…) Glücklicherweise sieht man im Fernsehen nicht alles so genau wie im Kino.“

Pitt Herrmann

Credits

All Credits

Director

Assistant director

Script supervisor

German dialogue

Director of photography

Set design

Costume design

Editing

Music

Conductor

Cast

Co-Producer

Producer (TV)

Line producer

Unit production manager

Production manager

Original video distributor

Shoot

    • November 1992 - Januar 1993: Wien, Venedig, Vera Cruz
Duration:
115 min
Format:
35mm, 1:1,66
Video/Audio:
Eastmancolor (?), Ton
Screening:

TV-Erstsendung (DE): 28.01.1995, ZDF

Titles

  • Originaltitel (IT AT DE) Der Fall Lucona
  • Originaltitel (US) The Lucona Affair

Versions

Original

Duration:
115 min
Format:
35mm, 1:1,66
Video/Audio:
Eastmancolor (?), Ton
Screening:

TV-Erstsendung (DE): 28.01.1995, ZDF

Prüffassung

Duration:
3269 m, 119 min
Censorship/Age rating:

FSK-Prüfung (DE): 24.05.1993, 69656, ab 12 Jahre / feiertagsfrei