Neger, Neger, Schornsteinfeger

Deutschland 2005/2006 TV-Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Hamburg 1945: Die stolze Hansestadt ist ein einziger Trümmerhaufen. Alle Hakenkreuz-Flaggen und Adolf Hitler-Porträts sind wie vom verbrannten Erdboden verschluckt. Kettenfahrzeug-Geräusche sind zu hören, die Amerikaner nehmen die Stadt ein, in der nach Dauerbombardements aus der Luft kein Stein mehr auf dem anderen geblieben ist. Die wenigen Menschen, die in den rauchenden Trümmern hausen, zumeist Frauen, kleine Kinder und Alte, ducken sich angstvoll, wenn sie GIs zu Gesicht bekommen, zumal wenn es sich nicht um weiße Soldaten handelt.

Nicht so der neunzehnjährige Hans-Jürgen, den es geradezu nach draußen drängt, auch wenn von frischer Luft keine Rede sein kann. Aber für diesen Barmbeker Jungen ist auch noch das diffuseste Licht eine Erlösung, hat doch sein jahrelanges Martyrium „unter Tage“ ein Ende. Und was für eines: Als die schwarzen GIs den jungen Mann zu Gesicht bekommen, begrüßen sie ihn erst ganz cool wie ihresgleichen, um dann nach einem Moment des ungläubigen Erstaunens rasch alles an Lebens- und Genussmitteln zusammenzuklauben, was ihr Fahrzeug hergibt. Denn Hans-Jürgen ist ein junger schwarzer Deutscher...

Rückblende, Hamburg 1935. Der neunjährige Hans-Jürgen Massaquoi (Steve-Marvin Dwumah) ist das einzige nicht-weiße Schulkind im Arbeiterbezirk Barmbek. Was ihm erst jetzt, wo ihm allerorten der Spottvers „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ entgegenschallt, bewusst wird. Denn bis dato hatte der Sohn der Krankenschwester Bertha Baetz und Enkel des liberianischen Konsuls, der seinen Vater nie gesehen hat, eine wohlbehütete Kindheit (Luka Kumi) im großbürgerlichen Haushalt des wohlhabenden Großvaters verlebt – und war der erklärte Liebling des Konsuls wie seiner ganzen Dienerschaft.

Doch nun ist der Konsul nach Afrika zurückgekehrt und Hans-Jürgens Mutter, die es abgelehnt hat, ihn samt Sohn nach Liberia zu begleiten, muss in eine kleine Wohnung im besagten Arbeiterbezirk ziehen. An der Stückenstraße geht es anders zu als in der Villa des Konsuls, wobei der fehlende Komfort noch das geringste Übel ist: Hans-Jürgen ist nun viel auf sich allein gestellt und der „kleine Schokoladenkeks“ muss lernen, sich gegenüber einer neugierigen, aber keineswegs immer wohlwollenden Umgebung zu behaupten. Zwei Männer, denen man es nicht unbedingt zutrauen würde, halten immer wieder die schützende Hand über den Jungen, auch als die Nationalsozialisten immer mehr Einfluss gewinnen: Der Polizist Reesen und Wilhelm Mahnke, der Vater seines besten Freundes und glühender Hitler-Anhänger.

Hans-Jürgen wird spätestens bei einem Hagenbeck-Besuch, wo Afrikaner als Exoten ausgestellt werden wie wilde Tiere, klar, dass das Leben für ihn nicht so einfach verlaufen wird, wie seine naive Mutter glaubt: Die Hitlerjugend duldet keine Nicht-Arier in ihren Reihen. Zwar gehen daraufhin auch seine beiden Freunde Klaus Mahnke (Max Felder) und Fiete Petersen aus Solidarität nicht zur HJ, aber in der Schule weht bald ein scharfer Wind, nachdem Parteigenosse Hinrich Wriede (Helmut Zhuber) zum Direktor ernannt worden ist: Hans-Jürgen wird der Zugang zum Gymnasium verwehrt.

Schließlich muss auch seine Mutter Bertha erfahren, dass inzwischen ein anderer Wind weht an der Waterkant: Ihr Freund, der Klinik-Personalchef Franz Wahl, der sich bisher rührend um Hans-Jürgen gekümmert hat und von diesem als Vater angenommen worden ist, wendet sich aus Karrieregründen von ihr ab und der Partei zu. Schließlich verliert auch Bertha ihre Stelle im Krankenhaus und muss sich nun mit Heimarbeit und einem heimlichen, da offiziell verbotenen Putzjob bei einem jüdischen Arzt über Wasser halten.

Nach diesen Niederschlägen sieht Hans-Jürgen ein Licht am Ende des Tunnels: Er bekommt nicht nur eine Lehrstelle, sondern kann auch in einem bekannten Boxstall auf den Spuren seines Idols Joe Louis wandeln. Sein Trainingsfleiß wird durch sportliche Erfolge und die Anerkennung nicht nur seines Trainers belohnt. Doch als Hans-Jürgen im Titelkampf um die Hamburger Meisterschaft einen grandiosen Sieg erringt, der aus rassistischen Gründen durch Nazi-Funktionäre in eine Niederlage umgemünzt wird, wirft er die Brocken hin. Inzwischen hat der Zweite Weltkrieg die Heimatfront erreicht, das Tausendjährige Reich geht seinem vorzeitigen Ende entgegen. Doch für den schwarzen Barmbeker Jungen, der sich mit seiner blonden Freundin Evchen, die er im Luftschutzkeller kennengelernt hat, nicht öffentlich zeigen darf, um nicht als „Rassenschänder“ an die Wand gestellt zu werden, beginnt die echte Leidenszeit nun erst...

„Neger, Neger, Schornsteinfeger“ basiert auf der außergewöhnlichen Autobiographie des Hamburgers Hans-Jürgen Massaquoi, der selbst am Drehbuch mitgewirkt hat. Sie kann sicherlich mit der Lebensgeschichte des jüdischen Schauspielers Michael Degen verglichen werden, die beiden im gleichen Jahr 2006 entstandenen Verfilmungen aber trennen Welten. Auf der einen Seite Jo Baiers Biopic „Nicht alle waren Mörder“, ein spannender, geradezu unter die Haut gehender und dabei so gar nicht melodramatischer Fernsehfilm. Auf der anderen Seite Jörg Grünlers viel zu biedere, bisweilen geradezu seichte Adaption einer weitaus spannenderen Vorlage als TV-Zweiteiler, der die biographischen Stationen brav abhakt und nicht wirklich zu bannen vermag. Was nicht an der retrospektiven Dramaturgie liegt: In beiden Fällen – und Filmen – ist zumindest das nackte Überleben der Protagonisten vorab klar. Was sicherlich auch zur Nervenberuhigung der Zuschauer beiträgt.

Pitt Herrmann

Credits

Director

Screenplay

Director of photography

Editing

Music

Cast

All Credits

Director

Assistant director

Screenplay

Director of photography

Property master

Stand-by props

Costume design

Editing

Sound editor

Sound design

Sound

Foley artist

Special effects

Casting

Music

Cast

Executive producer

Unit production manager

Shoot

    • 27.04.2005 - 25.07.2005: Hamburg, Wittenberge, Nordrhein Westfalen
Duration:
2 x 89 min
Video/Audio:
Farbe, Stereo
Screening:

TV-Erstsendung (DE): 01.10.2006, ZDF [1. Teil];
TV-Erstsendung (DE): 02.10.2006, ZDF [2. Teil]

Titles

  • Originaltitel (DE) Neger, Neger, Schornsteinfeger

Versions

Original

Duration:
2 x 89 min
Video/Audio:
Farbe, Stereo
Screening:

TV-Erstsendung (DE): 01.10.2006, ZDF [1. Teil];
TV-Erstsendung (DE): 02.10.2006, ZDF [2. Teil]