Strawalde

Deutschland 2020/2021 Dokumentarfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Ein Mann, die Zigarre im Mund, hält von ihm übermalte Postkarten in die Kamera. Es ist nicht die von David Schittek, sondern Thomas Plenerts, da es sich um einen Ausschnitt der animierten Doku „Potters Stier“ von 1981 handelt. Aus dem Off lässt sich die rauchige Stimme Katharina Thalbachs vernehmen: Jürgen Böttcher gilt mit über vierzig Filmen als einer der wichtigsten Dokumentaristen des 20. Jahrhunderts, dessen einziger Spielfilm, „Jahrgang 45“, Mitte der 1960er Jahre verboten wurde.

Als 14-jähriges Kind von der Roten Armee gezwungen, Opfer der Nazi-Diktatur zu beerdigen, ist er als Jugendlicher aus Überzeugung der Kommunistischen Partei beigetreten. Die SED hat Böttcher später wieder verlassen: Als Maler unter dem Pseudonym Strawalde konnte er seine Arbeiten erst nach der Wiedervereinigung öffentlich präsentieren. Johannes Blumes filmisches Porträt billigt der Bildenden Kunst Strawaldes freilich nur ein Randdasein zu.

Zu Ausschnitten seiner bekanntesten Dokumentationen wie „Rangierer“ (1984), „Martha“ (1979), „Wäscherinnen“ (1972), „Ofenbauer“ (1962) und seinem letzten Defa-Film „Die Mauer“ (1990), aber auch zu einem breiten Publikum weithin unbekannter Arbeiten wie „Stars“ (1963), „Im Pergamon-Museum“ (1962), „Tierparkfilm“ (1968), „Im Lohmgrund“ (1977) und „Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner“ (1984) äußert sich Böttcher in der besonderen Atmosphäre der eigenen Atelier-Wohnung.

Geboren 1931 im sächsischen Frankenberg und, daher sein Pseudonym als Maler, aufgewachsen in Strawalde in der Oberlausitz, studierte Böttcher zunächst Malerei an der Akademie für Bildende Künste in Dresden, bevor er zur Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg wechselte. Schon als junger Student war er sich seiner privilegierten Stellung gegenüber seinen auf dem Bau oder gar unter Tage schuftenden Altersgenossen bewusst, schämte sich als Deutscher für die unfassbaren Menschheits- und Kriegsverbrechen in der Nazi-Zeit und war so erstaunt wie dankbar gegenüber Russen und Franzosen, die ihm etwa beim Leipziger Festival ohne Argwohn begegneten.

Die Form einer Dokumentation sei prägender als beim Spielfilm, Schwarz-Weiß aussagekräftiger als Farbe. Es waren zumeist Auftragsarbeiten des Defa-Studios für Dokumentarfilme, denen Böttcher seinen eigenen Stempel aufdrücken konnte zusammen mit ihm eng verbundenen Kameraleuten wie Christian Lehmann, Thomas Plenert und Werner Kohlert: Authentische O-Töne auf der Basis des Vertrauens der Porträtierten, keinem ideologischen Propagandastreifen zu dienen, Verzicht auf einen eigenen Kommentar. So entstanden ungeschönte Einblicke in die Arbeitswelt des real existierenden Sozialismus ohne Halbwahrheiten oder gar Lügen zur Umgehung von Tabuthemen.

Die Arbeiter, so Böttcher, hatten es satt, sich vom DDR-Fernsehen an der Nase herumführen zu lassen, misstrauten Propagandasendungen à la „Schwarzer Kanal“. Es war Karl Eduard von Schnitzler, der die „Rangierer“-Aufführung auf dem Dokfest Leipzig verhindern wollte. Die Böttcher wie schon zwanzig Jahre zuvor mit „Stars“ internationale Anerkennung einbrachte samt Einladungen ins kapitalistische Ausland, welche der erklärte Freund von A. R. Penck und Wolf Biermann freilich erst 1986 für eine Retrospektive im Pariser Centre Pompidou annehmen durfte.

Böttcher, dessen Arbeiten dank des Engagements der „Berlinale“-Macher Erika und Ulrich Gregor auch den Weg nach Westdeutschland fanden, bekennt sich Johannes Blume gegenüber als nach wie vor überzeugter Anti-Kapitalist, der die DDR nie verlassen und trotz aller Repressalien nie mit ihr brechen wollte. Nach dem aus seiner Sicht tragischen Scheitern der Utopie eines demokratischen Sozialismus und dem allerdings unvermeidbaren Untergang des bürokratischen Arbeiter- und Bauernstaates hat er das Filmemachen an den Nagel gehängt, um sich – als Strawalde – ganz der Malerei zuzuwenden.

„Strawalde. Ein Leben in Bildern“ porträtiert zum 90. Geburtstag des Filmemachers und Malers anekdotenreich (Biermann schickte aus dem Westen ein knallrotes Cordhemd für einen Empfang bei Erich Honecker) dessen künstlerisches Leben in eigenen Worten und charakteristischen, vielfach ikonischen Filmausschnitten: Ohne Blatt vor dem Mund gewährt Böttcher sehr persönliche Einblicke in sein Leben, in sein Kunstverständnis und nicht zuletzt in sein Arbeitsethos.

Pitt Herrmann

Credits

All Credits

Duration:
60 min
Video/Audio:
Farbe + s/w, Ton
Screening:

TV-Erstsendung (DE): 04.07.2021, MDR;
Aufführung (DE): 20.07.2021, Berlin, Hofkino

Titles

  • Originaltitel (DE) Strawalde
  • Weiterer Titel (DE) Strawalde - Ein Leben in Bildern

Versions

Original

Duration:
60 min
Video/Audio:
Farbe + s/w, Ton
Screening:

TV-Erstsendung (DE): 04.07.2021, MDR;
Aufführung (DE): 20.07.2021, Berlin, Hofkino