Rublak

DDR 1983 Kurz-Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Ein Mann durchmisst mit seiner Violine eine vom Braunkohle-Tagebau ausgepowerte Landschaft: Rublak, eine mythische Figur aus der sorbischen Literatur, schreitet auf den einsam gelegenen Hof des Bauern zu, der dort mit seinem Sohn und der betagten Großmutter unter archaischen Bedingungen lebt: Das Wasser muss noch vom Brunnen geholt, Kleidung auf einem Webstuhl mühsam mit dem Schiffchen per Hand hergestellt und der Acker mit dem Pferdegespann gepflügt werden. „Zum ersten Mal sind die Störche nicht gekommen“ stellt der wortkarge Bauer fest, als ahnten sie die bevorstehenden Umwälzungen. Noch am späten Abend fragen drei Landvermesser, die beiden Männer Korla und Türenmann sowie Maria, nach einem Quartier für die Nacht.

Sie werden vom Bauern ganz selbstverständlich beherbergt und verköstigt, besonders die beiden Männer zeigen sich beim Abendessen jedoch nicht nur überheblich, sondern regelrecht frech. Sodass der Hausherr ihrer Behauptung: „Wir bringen euch die neue Zeit“, selbstbewusst entgegnet, dass Wald und Wiese ihm gehören samt der Freiheit, das zu tun, was ihm gefällt: „Wir sind Fürsten!“ Freilich nicht mehr lange, denn die achtzig Meter breite Trasse für die Erweiterung des Braunkohle-Tagebaus führt mitten durch den Schuppen des Hofes. Weshalb alle Bewohner einschließlich der „wendischen Hexe“ von Großmutter, in ein Neubauviertel der Stadt umziehen müssen. „Vermessenes Land – vergessenes Land“ raunt Rublak und fragt: „Was wird bleiben?“ Die Vögel im Wald schreien geradezu als ahnten sie, dass auch sie nach der geplanten Rodung ihre Heimat verlieren.

Die nicht zuletzt von ihrer Arbeit desillusionierte Landvermesserin Maria sagt zum Bauernsohn, mit dem sie ein Verhältnis beginnt: „Der Mensch vergisst alles. Wir würden ersticken unter den schrecklichen Bildern, die wir selbst gemacht haben.“ Nach einer traditionellen sorbischen Bestattungszeremonie beteuert der Bauer gegenüber Rublak seine Standhaftigkeit: „Einer muss den Mut haben, zu bleiben.“ Doch im nächsten Moment feiert die nun um Maria vergrößerte Familie bereits den Abschied vom bis auf den großen Küchentisch leergeräumten Hof. Hat die Stadt auch eine Seele?

Dem mittellangen Film nach dem 1977 am Landestheater Halle/Saale uraufgeführten Theaterstück „Landvermesser“ des sorbischen Schriftstellers Jurij Koch, gedreht in der obersorbischen Muskauer Heide unweit des Ortes Haide sowie in einem kleinen Köpenicker Studio, ist ein Wort des kirgisischen Schriftstellers und Politikers Tschingis Aitmatow („Djamilia“) vorangestellt: Der Mensch lebt in der Geschichte seines Volkes. Heruntergebrochen auf die Lausitz fragt Konrad Herrmann, ob der Mensch die Seele eines Ortes mitnehmen kann, wenn dieser der Erweiterung eines Braunkohle-Tagebaus weichen muss, d.h. ausgelöscht wird. Rublak, der mit seiner Geige durch ein bereits verlassenes Dorf wandelt, verkörpert die Seele der Landschaft, die so zerstört werden wird wie die apokalyptische Hinterlassenschaft der gewaltigen Schaufelradbagger. Er gibt am Ende dem jungen Hochzeitspaar aus dem Sohn des Bauern, der in der Vorlage Kotjatko heißt, und der Landvermesserin Maria, das in die Stadt zieht, sein Instrument mit.

Die dreiminütige Sequenz, in der die Titelfigur an den Trümmern der leeren, zum Abriss bestimmten Gebäude vorbeiläuft, war der Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur zu viel. Sie musste 1983 herausgeschnitten werden, sodass nur ein verstümmelter Film in der Berliner Uraufführung und anschließend im Rahmen des Werkstatt-Programms der Defa in ausgewählten Studiokinos gezeigt werden konnte – und auch im Panorama-Wettbewerb der 42. Berlinale lief. Der Ko-Autor, Kameramann und Cutter Lutz Körner hatte das Original-Material freilich in seinem Privatarchiv versteckt und konnte den ursprünglichen Film 2014 in mühsamer Kleinarbeit wieder herstellen. Mittels technischer Unterstützung seitens der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ wurde eine digitale Rekonstruktion ermöglicht.

Uraufführung der unzensierten Fassung war am 8. Mai 2014 im Rahmen des 11. Neiße Filmfestivals in der Kulturfabrik Mittelheringsdorf. Zwei Tage später fand eine weitere „Premiere“ mit Konrad Herrmann und seinem Team auf dem sorbischen Njepila-Hof in Rohne statt und damit in einem Dorf in der Oberlausitz, das zu diesem Zeitpunkt selbst vor der Abbaggerung stand. Laut Vattenfall-Plan sollte die Erweiterung des Braunkohlen-Tagebaus Nochten um 2025 den Ortsrand von Rohne erreichen. Der Verkauf der Deutschland-Tochter des schwedischen Konzerns stoppte 2017 das Vorhaben.

Dreißig Jahre nach seiner Kurzdoku „Struga – Bilder einer Landschaft“ hat sich Konrad Herrmann erneut der Landschaftszerstörung und des Heimatverlustes durch den Braunkohle-Tagebau in der Lausitz gewidmet – und das erneut auf höchst unkonventionelle, stilistisch eigenwillige Weise. Diesmal mit einem Spielfilm in, dem Babelsberger Hochschuldirektor Konrad Schwalbe sei Dank, hochkarätiger Besetzung mit den Berliner Theaterstars Kurt Böwe und Christian Grashof, mit Bertolt Brechts Enkelin Johanna Schall, die kurz vor ihrem Studienabschluss an der „Ernst Busch“ stand, sowie mit einem Star der Weimarer Republik, Doris Thalmer. Sie spielte unter Erwin Piscator in Berlin und genoss u.a. durch Filme wie „Mädchen in Uniform“ enorme Popularität, an die sie nach dem Krieg in der DDR auf Bühne und Leinwand anknüpfen konnte.

Pitt Herrmann

Credits

All Credits

Duration:
60 min
Video/Audio:
Farbe
Screening:

Uraufführung (DD): 14.09.1984, Berlin/DDR, Progreß Film-Verleih im DEFA-Werkstatt-Programm

Titles

  • Weiterer Titel (DD) Rublak. Die Legende vom vermessenen Land
  • Originaltitel (DD) Rublak

Versions

Original

Duration:
60 min
Video/Audio:
Farbe
Screening:

Uraufführung (DD): 14.09.1984, Berlin/DDR, Progreß Film-Verleih im DEFA-Werkstatt-Programm