Ostfriesisch für Anfänger

Deutschland 2015/2016 Spielfilm

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Heinz17herne
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Mit dem 1935 im anhaltinischen Dessau geborenen Dieter „Didi“ Hallervorden, Berliner seit seinem 22. Lebensjahr, einen „authentischen“ ostfriesischen Film machen zu wollen, wäre auch der schrägste Witz der jüngeren deutschen Komödiengeschichte gewesen. Der 1992 in Hamburg zur Welt gekommene Regisseur Gregory Kirchhoff hat es seinem nach „Dusky Paradise“ (2015) zweiten Spielfilm dennoch versucht. Einmal ganz davon abgesehen, dass bis auf ein paar Drohnen-Aufnahmen aus der Vogelperspektive und einigen schönen Sonnenuntergängen über dem Wattenmeer, die wir vermeintlich schon aus der „Jever“-Bierwerbung her kennen, an mehreren niedersächsischen Orten und vor allem im Hamburger Umland gedreht worden ist, nicht aber in Ossi-Land.

Weshalb der 80-Jährige mit einem Dialekt-Coach in Klausur gehen musste, um sich das „Sprachbild“ seiner Rolle zu erarbeiten. Offenbar mühsam, denn ohne dem Leinwand-Jungstar („Sein letztes Rennen“, „Honig im Kopf“) nahetreten zu wollen: Didi hat sein Bestes gegeben, das freilich im Vergleich zu den Plattdütsch schnackenden Stammgästen in Fietes (Wilfried Dziallas) Kneipe des fiktiven Ortes Niederhörn deutlich abfällt. Andererseits war der Film ursprünglich als reine TV-Produktion vom NDR in Auftrag gegeben worden.

Uwe Hinrichs schlägt sich mehr schlecht als recht durch den Vor-Ruhestand. Der gelernte Schiffsbauer hat mit der Werftenkrise nicht nur seine Arbeit, sondern mit Elfriede auch seine über alles geliebte Gattin verloren. Und danach so viel Schulden aufgehäuft, dass sein Haus zwangsversteigert worden ist und nun der Gemeinde gehört. Uwe ist jetzt selbständiger Franchisenehmer des globalen Mineralölkonzerns Texxo, jobbt also als Tankwart, zeitweise unterstützt von Dörte (Dagmar Leersch), die sich um den Shop kümmert.

„Hier hört die Welt auf, hier kommt nichts mehr“: Vroni Lautenschläger blickt entgeistert aus dem Fenster des Transporters, der von ihrem jüngeren Kollegen Bernd Meyer-Fröhlich gesteuert wird, bis dieser laut Navi an der eingetippten Adresse Friesenweg 6 angekommen ist. Samt Nutzlast von fünf Ausländern, die hier auf Kosten des Steuerzahlers einen zweimonatigen Integrationskurs absolvieren sollen. Und aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen: die dringend renovierungsbedürftige Bruchbude ist bis auf wenige Einzelstücke museumsreifen Mobiliars leergeräumt. Nur die Dusche ist noch in Funktion – Uwe steht gerade drunter, ist ja schließlich sein Haus und das seiner Vorfahren.

Das sieht Bürgermeister Dietmar Holthagen ganz anders: Da in diesem Kaff mit mehr Schafen auf dem Deich und Windrädern auf den Wiesen als Einwohnern in den verstreuten Höfen seine Baufirma pleite gegangen ist, hat er sich bei der Bundesregierung für die Ausrichtung des Integrationskurses beworben. Mit 20.000 Euro Staatsknete lässt sich schon einiges überbrücken, wenn auch vom Hochglanzprospekt-Objekt „Zentrum für ausländische Fachkräfte“ noch nicht 'mal ein Bauschild existiert. Holthagen und die ganzen „Utländer“ werden samt der beiden Gruppenleiter und der Pastorin Petersen, die ganz menschenfreundlich die jungen Leute aus allen Herren Ländern im Zeichen des Herrn willkommen geheißen hat, mit frischer Gülle, die sich Uwe vom Jungbauern Helge besorgt hat, vom Hof gejagt. Aber der Politiker kennt seine Pappenheimer und weiß, den Sturkopp Hinrichs zu nehmen: Solange Uwe die Ausländer unterrichtet, darf er wieder „zuhause“ wohnen.

Der lässt von seiner neuen Wohngemeinschaft aus dem Libanesen Abdullelah, der Russin Svetlana, dem afrikanischen Musikfreak Feelgood, der Vietnamesin Liantang und dem Südamerikaner Carlos erst einmal seine Hütte auf Vordermann bringen, bevor er sie im Stall mit der Sprache und den Gepflogenheiten (Teezeremonie mit Kluntjes und Sahnewölkchen) vertraut macht. Sein Musterschüler ist mit dem stets gut gelaunten Schiffbau-Ingenieur Abdullelah ausgerechnet der einzige Moslem, der sich nicht nur als geschickter Krabbenpuler entpuppt, sondern auch als kreativer Buddelschiffbauer.

Als sein Viermaster „Elfriede“ einen Wettbewerb gewinnt, kommt sogar die Ostfriesen-Zeitung vorbei. Und das in eine Massenschlägerei ausgeartete „Integrationsfest“ der Pastorin im Dorfgemeinschaftshaus ist ebenso längst vergessen wie die Pleite bei der Abschlussprüfung: „Die Utländer schnakt all Platt! Die können gar nix anderes!“ konstatiert die Prüferin (Anna Böttcher) und lässt alle durchrasseln. Doch Uwe Hinrichs weiß Rat – ausgerechnet im Gesetzestext der Europäischen Charta...

Gregory Kirchhoffs vom TV-Nachwuchsprogramm „Nordlichter“ gepowerte Komödie hat, bezüglich der deutschen Leitkultur, die den Flüchtlingen nahe gebracht werden doll, ironische Momente und trotz des ernsten Hintergrundes der Verödung ganzer Landstriche und des drohenden Aussterbens unserer regionalen Sprachenvielfalt viele spaßige Szenen, für die erwartungsgemäß in erster Linie „Didi“ zuständig ist. „Ostfriesisch für Anfänger“, am 15. November 2018 vom NDR in „Nord 3“ erstausgestrahlt, kommt aber über das gewohnte Niveau solcher Vorabendserien wie „Neues aus Büttenwarder“ oder „Großstadtrevier“ nicht hinaus und hat, erfolgreiches „Pitching“ bei der Berlinale 2016 hin oder her, auf der Kinoleinwand nichts zu suchen. Immerhin erspart uns der erst 23-jährige Regisseur klamottige Peinlichkeiten, wie sie ansonsten inzwischen leider Standard sind – vor allem, aber nicht nur bei Prekariats-TV-Koproduktionen.

Pitt Herrmann

Credits

Screenplay

Director of photography

Editing

Cast

All Credits

Shoot

    • 06.10.2015 - 04.11.2015: Landkreis Harburg, Harburger Hafen, Nordseeküste
Duration:
91 min
Format:
DCP
Video/Audio:
Farbe, Dolby
Censorship/Age rating:

FSK-Prüfung (DE): 11.07.2016, 160888, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Screening:

Uraufführung (DE): 08.10.2016, Hamburg, Filmfest;
Kinostart (DE): 27.10.2016

Titles

  • Originaltitel (DE) Ostfriesisch für Anfänger

Versions

Original

Duration:
91 min
Format:
DCP
Video/Audio:
Farbe, Dolby
Censorship/Age rating:

FSK-Prüfung (DE): 11.07.2016, 160888, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Screening:

Uraufführung (DE): 08.10.2016, Hamburg, Filmfest;
Kinostart (DE): 27.10.2016