Holunderblüte

Deutschland 2006/2007 Dokumentarfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Im Bild eine lange, winterlich verschneite Allee, dazu eine Stimme aus dem Off mit einem Auszug aus Hans Christian Andersens Märchen „Mutter Holunder“, der den Duft von Holunderbäumen beschreibt. Später kommen noch Verse des DDR-Dichters Johannes Bobrowski hinzu, der in Tilsit geboren wurde. Groß-Friedrichsdorf, heute Gastellowo, unweit der Memel gelegen, ist die erste Station Volker Koepps auf seiner Reise durch das nördliche Ostpreußen. Lena ist eine von fünf Geschwistern, der in der Freizeit Landschaftsbilder malt – und Holunderbäume. Sie gehört zum halben Dutzend Protagonisten eines für Volker Koepp typischen Dokumentarfilms, der beinahe gänzlich ohne Kommentar auskommt, lediglich das eine oder andere erklärende Wort erscheint dem Filmemacher nötig: In „Holunderblüte“ geht es um die heute so gut wie ausgelöschte Jahrhunderte alte deutsche Geschichte.

Koepp erwähnt knapp und gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger, dass Stalin die Deutschen vertrieben und Russen aus der ganzen Sowjetunion stattdessen in Ostpreußen, heute eine russische Exklave zwischen Litauen und Polen, angesiedelt hat. Seine Reise in die Region Kaliningrad ist eine zu den Kindern, die in mittlerweile dritter Generation hier geboren wurden. „Holunderblüte“ lebt von ruhigen, unspektakulären Bildern und auf Deutsch untertitelten O-Tönen der vor Koepps Kamera erstaunlich unbefangenen Kinder, Erwachsene kommen unmittelbar nicht vor. Und sind doch latent ständig vorhanden in den erschreckenden Schilderungen der Kinder: „Wenn die Trinker nicht wären, könnte man auch hier bleiben.“

Die Natur erobert sich sechzig Jahre nach Flucht und Vertreibung das heute weitgehend entvölkerte Land zurück, die einst landwirtschaftlich genutzten Flächen verkrauten und versumpfen, die Gebäude, auch größere Kirchen, so sie nicht als Getreidespeicher genutzt werden, verfallen. Koepp und sein Kameramann Thomas Plenert zeigen, und das im Wandel der Jahreszeiten, zunächst sehr idyllisch anmutende weite Landschaften unter großen Wolken-Gebirgen, kein Horizont ist erkennbar. Störche nisten in norddeutscher Backsteingotik, die aber bei näherem Hinsehen dem Verfall preisgegeben ist. Eine Hochzeitsgesellschaft posiert zum Gruppenfoto vor einem deutschen Denkmal aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, es hätte auch irgendwo anders sein können. Nur ein einziges Mal stellen Koepps Bilder einen Bezug her zwischen dem früheren Ostpreußen und der heutigen Region Kaliningrad: Als Kinder Räuber und Gendarm spielen in ungenutzten, aber offenbar noch intakten unterirdischen Luftschutzbunkern.

Armut, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Alkoholismus – es ist ein düsteres Bild, dass Koepps Film durch die Augen der Kinder zeichnet, deren Väter hier im Durchschnitt nur 55 Jahre alt werden. Und dennoch lässt es sich hier leben – als Kind. Mit winterlichen Impressionen schließt der Film: die Fischerboote sind an Land gezogen, Kinder fahren Schlitten und liefern sich Schneeballschlachten – wie überall auf der Welt, wo Schnee liegt.

Pitt Herrmann

Credits

All Credits

Shoot

    • 18.08.2006 - 28.02.2007: Nordostpreußen (Russland)
Duration:
2507 m, 92 min
Format:
35mm, 1:1,85
Video/Audio:
Farbe, Dolby SR
Censorship/Age rating:

FSK-Prüfung (DE): 19.10.2007, 111901, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Screening:

Uraufführung (DE): 27.06.2007, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 24.01.2008;
TV-Erstsendung (DE): 08.10.2009, RBB

Titles

  • Originaltitel (DE) Holunderblüte

Versions

Original

Duration:
2507 m, 92 min
Format:
35mm, 1:1,85
Video/Audio:
Farbe, Dolby SR
Censorship/Age rating:

FSK-Prüfung (DE): 19.10.2007, 111901, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Screening:

Uraufführung (DE): 27.06.2007, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 24.01.2008;
TV-Erstsendung (DE): 08.10.2009, RBB

Awards

Dokville 2009
  • Preis der Stadt Ludwigsburg
Cinéma du Réel Paris 2008
  • Grand Prix
Preis der deutschen Filmkritik 2008
  • Bester Dokumentarfilm