Inhalt
Auf einer griechischen Hühnerfarm beginnt das Leben eines ungewöhnlich aufgeweckten schwarzen Huhns, das kurz nach dem Schlüpfen aus seiner gewohnten Umgebung entkommt und sich auf eine Reise ins Unbekannte begibt. Nach zufälligen Begegnungen mit verschiedenen Tieren und Menschen gelangt es schließlich auf den Hinterhof eines heruntergekommenen Restaurants, das von einem älteren Besitzer geführt wird, dessen Existenz durch finanzielle Probleme und kriminelle Machenschaften in seinem Umfeld bedroht ist. In der neuen Umgebung muss sich das Huhn innerhalb der Stallgemeinschaft behaupten, entwickelt eine Beziehung zu einem Hahn und sucht nach einem geeigneten Ort, um seinen eigenen Nachwuchs großzuziehen. Dabei wird es in die Konflikte der Menschen hineingezogen, die ebenso wie die Tiere um ihren Platz und ihr Überleben kämpfen.
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Und doch sind es Individuen, wie Girgios Karvelas‘ subjektive Kamera immer wieder vor Augen führt. Als das schwarze und daher separierte Küken zum Huhn herangereift ist, soll es erneut aussortiert werden, doch ein LKW-Fahrer nimmt es, wohl für den heimischen Kochtopf, mit ins Führerhaus, wo es bei einem Tank-Stopp aus dem geöffneten Fenster entkommt. Was der Trucker gar nicht bemerkt, als er die Fahrt fortsetzt.
Nun beginnt eine ziemlich gefährliche Odyssee für den Ausreißer, der sogleich von einem hungrigen Fuchs verfolgt wird: Das Huhn muss sich vor Autos wie vor Markthändlern retten, übersteht eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten und landet mitten im Schlaraffenland: Auf der mit Mais gefüllten Ladefläche eines Kleinlasters. Nun kommt mit einem Greifvogel der Feind aus der Luft, doch der hat es auf eine Maus abgesehen.
Schließlich landet das Huhn am Fischrestaurant Panorama, das offenbar schon bessere Zeiten gesehen und seit geraumer Zeit geschlossen ist. Genauer gesagt: Im Maul des Hofhundes Titan, der das fremde Federvieh brav zu seinem Herrn apportiert, der den ziemlich ausgelaugten Neuzugang zunächst in einem Karton aufpäppelt, bevor er ihn in seinen Stall zum Hahn und dessen zahlreichen Frauen sperrt. Das Huhn, das bereits durch die Luftlöcher des Kartons die Umgebung gescannt hat (und mit ihm dank der subjektiven Kamera auch die Zuschauer), findet sich bald zurecht.
Legt sich mit den dummen Puten an, macht den Hahn glücklich und legt brav jeden Tag mindestens ein Ei. Schlüpft aber für Ausflüge in die Umgebung immer wieder durch eine Lücke im Maschendraht über einen Baumstamm ins Freie. Denn das Huhn träumt davon, selbst Mutter zu werden, den eigenen Nachwuchs auszubrüten statt ihn der Pfanne des Restaurantbesitzers zu überlassen. Der übrigens auch Nachwuchs hat, eine Tochter, die mit einem Schmuggler liiert ist, welcher die Nebenräume des aufgelassenen Restaurants als Lager vor allem für Zigaretten nutzt – allerdings auch für menschliche Ware, für Flüchtlinge, die über das Mittelmeer gekommen sind und weiter nach Mitteleuropa geschleust werden.
Was der Alte, der sich immer mehr mit dem ihm zugelaufenen Huhn anfreundet, das er bald in völliger Freiheit wie ein geliebtes Haustier hält, zu unterbinden trachtet, da er sein Restaurant renovieren und wieder eröffnen will. Doch nicht nur die Polizei, die hinter der Menschenhändlerbande her ist, bereitet ihm Sorgen: Der Mafiaboss lässt seinen Bodyguard ganze Arbeit verrichten, sodass am Ende die Henne und ihre bald zahlreiche Nachkommenschaft das „Panorama“ übernehmen…
Von Hühnern und Menschen: „Lebensansichten eines Huhns“ ist nach dem eher erschreckenden Einstieg ein humorvoller, berührender und sehr genau beobachteter Real-Spielfilm über das Tier im Menschen und den Menschen im Tier. Wenn man sich denn auf den ungewöhnlichen Spielfilm mit gleich acht Hühnern in der Hauptrolle einlässt. Der 1974 in Budapest geborene Regisseur György Pálfi, bekannt für kühne, surreale Experimentalfilme, VR-Projekte und Dokumentationen, erzählt in „Kota“ (internationaler Titel: „Hen“) von der manchmal komplizierten Koexistenz zwischen Menschen und ihrem Federvieh. Und das mit einem genialen, bis zum Schluss ohne KI-Einsatz oder digitale Effekte durchgezogenen Kunstgriff: Die Autobiographie einer emanzipierten Körnerpickerin ist zugleich eine sehr originelle Geschichte über das – hier durchaus mehrfach lebensgefährliche – Abenteuer des Erzählens.
Die acht Hühner und zwei Hähne in den Hauptrollen wurden von dem international renommierten Budapester Tiertrainer Árpád Halász und seinem Team betreut. Árpád ist mit den Tieren nach mehreren Monaten Vorbereitung für die Produktion per Lkw nach Griechenland gereist. Er verfügt über umfangreiche internationale Filmerfahrung, darunter „Blade Runner“. Wenn er keine Filme dreht, leitet er ein Tierheim und bildet Tiertrainer aus.
György Pálfi im Neue Visionen-Presseheft: „Nach dem Vorbild der grundlegenden Strukturen antiker griechischer Tragödien erzählt mein Film von individuellen Schicksalen und gleichzeitig von einem universelles Problem, das den Kern der gesamten Menschheit ausmacht: Können Individuen von moralischer Verantwortung freigesprochen werden, wenn sie nur passive Teilnehmer sind?“
Pitt Herrmann