39,90 - Neununddreissigneunzig

Frankreich 2008 Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Close-Up auf ein Paar am Strand. Romantik pur, innige Umarmung, strahlendes Lächeln. Dann zoomt die Kamera zurück und wir erkennen ein Werbeposter auf dem Dach eines Wolkenkratzers: „Willkommen in der Schönsten aller Welten“ lautet die Botschaft. Und Octave Parango (der Komiker Jean Dujardin letztlich doch ein Romantiker) ist der Botschafter: jung, talentiert, reich und selbstbewusst. Und dennoch ist er es, der seinem irdischen Dasein ein abruptes Ende setzt – mit dem Sprung aus schwindelerregender Höhe von besagtem Dach in die Tiefe...

Flashback. Octave Parango ist wahrscheinlich der Kreativste bei „Ross & Witchcraft“, der in Paris ansässigen größten Werbeagentur des Landes, wenn nicht gar Europas. Und alles andere als ein guter Junge, auch wenn ihm die Kollegen zujubeln, wenn er auf dem Seagway durch die Großraumbüros düst und bei ihm die Frauen Schlange stehen, um sich auf seiner Besetzungscouch zu räkeln. Nur nach durchsoffener und durchkokster Nacht ist das selbstüberhebliche Arschloch in der Lage, sich selbst als „ein großes Stück Scheiße“ zu analysieren - und im gleichen Augenblick auf eine nackte Schöne, die in seiner Badewanne nächtigt, zu kotzen.

Andererseits ist die Chefetage der Agentur, vertreten durch den stets gestressten Marc Maronnier (Antoine Basler) und den „Außendienstler“ Jean-François „Jeff“ Marolles (Patrick Mille), der die Millionenbudges akquiriert, immer wieder von den Socken, wie es Octave und seinem Kumpel, Art Director Charles „Charly“ Dagout (Jocelyn Quivrin), gelingt, selbst humorloseste Kunden wie den Marketingdirektor eines großen Lebensmittelkonzerns, Alfred Duler (Nicolas Marié), binnen fünf Minuten um den kleinen Finger zu wickeln. Octaves Geheimrezept ist gar keines: Er hält jeden Menschen für manipulierbar, letztlich für käuflich.

Und doch gibt es Dinge, die an unserem Kotzbrocken nicht spurlos vorübergehen. Etwa wenn sich besagter Joghurt-Fuzzi als ein übler Rassist outet. Oder wenn Octave seine – uneingestanden – große Liebe Sophie (unzweifelhaft die Attraktivste bei R & W: Vahina Giocante), Mediaplanerin der Agentur, in die Wüste schickt, nachdem sie von ihm ein Kind erwartet. Denn das Callgirl Tamara (Elisa Tovati) ist kein Ersatz, selbst wenn sie Sophies Parfüm und ihre Brille trägt. Als Octave per Post ein Ultraschallbild seines Kindes erhält und keine Chance sieht, es einmal realiter als Papa in den Händen zu halten, beschließt der Dreiunddreißigjährige, auszusteigen – und sich an der schönen Schein-Welt der Werbung zu rächen, indem er diese mit den eigenen Mitteln schlägt...

„39,90“ ist die Verfilmung des gleichnamigen, 2000 erschienenen Bestsellers von Frédéric Beigbeder. Der Mensch als Konsumidiot ohne freien Willen: Beigbeder, einst selbst erfolgreicher Texter bei der Werbeagentur „Young & Rubicam“, wusste, wovon er schrieb, als er sein Alter Ego, Octave, erfand, um selbst gefeuert zu werden.

Die sieben mit Zwischentiteln gekennzeichneten Film-Kapitel des niederländischen Regisseurs Bruno Lavaine („Dobermann“, „Blueberry“, „Coco Chanel & Igor Stravinsky“), an deren Drehbuch Beigbeder, der wie einst Alfred Hitchcock selbst auf der Leinwand kurz auftaucht, mitwirkte, sind eine so schräge wie provokante Satire auf (Drogen-) Konsum und die Verführbarkeit durch eine vollkommen verkommene Welt der Werbung.

Bedeutender als die trotz aller Zuspitzung und der Möglichkeit eines alternativen Endes doch eher oberflächlich-glatte Story ist die genuin filmische Ästhetik der 104-minütigen Literatur-Adaption. Zusammen mit Kameramann David Ungaro und reichlich Digital-Technik setzt Lavaine, der selbst früher Clips gedreht hat, auf einen ständigen Wechsel der Zeit- und Handlungsebenen, die durch den Ich-Erzähler Octave verbunden werden. Und auf immer wieder auch psychedelische Traumbilder, vom Wolkenkratzer-Sprung im „Intro“ genannten Prolog bis hin zum finalen „Testscreening“ zum Sound aus Stanley Kubricks Klassiker „2001 Odyssee im Weltraum“ (Musik: François Roy, Jean-Jacques Hertz).

Nach dem Kinostart am 26. September 2007 in Frankreich und Belgien brauchte es zehn Monate, bevor „39,90“ am 31. Juli 2008 auch auf deutschen Leinwänden zu sehen war. Für die Erstausstrahlung sorgte Arte am 22. November 2010.

Pitt Herrmann

Credits

Regie

Darsteller

Alle Credits

Format:
35mm
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

Erstaufführung (DE): Juni 2008, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 31.07.2008

Titel

  • Verleihtitel (DE) 39,90 - Neununddreissigneunzig

Fassungen

Original

Format:
35mm
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

Erstaufführung (DE): Juni 2008, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 31.07.2008