Inhalt
Der Film erzählt drei lose verbundene Geschichten über erwachsene Kinder, die sich ihren Eltern und der eigenen Vergangenheit neu annähern. In den verschneiten Hügeln im Nordosten der USA besuchen Jeff und Emily ihren verwitweten Vater, dessen Eigenwilligkeit, Verletzlichkeit und Humor alte Konflikte ebenso freilegen wie Momente stiller Nähe. Die Begegnung zwingt beide dazu, ihre familiären Bindungen sowie die Grenzen von Fürsorge und Distanz neu zu betrachten.
In Dublin treffen die Schwestern Timothea und Lilith auf ihre erfolgreiche, aber herrische Mutter, deren unausgesprochene Erwartungen den Raum dominieren. Während Timothea nüchtern auf Abstand bleibt, kämpft Lilith darum, ein bröckelndes Bild von Erfolg aufrechtzuerhalten. Hinter den höflichen Ritualen treten Unsicherheiten, alte Rollenbilder und die fragile Dynamik zwischen den drei Frauen hervor.
Das Pariser Kapitel folgt den Zwillingen Skye und Billy, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern deren Nachlass ordnen und dabei durch Erinnerungen, Fotos und Gespräche wandern. Zwischen Umzugskartons und Fahrten durch die Stadt entspinnt sich ein Nachdenken über blinde Flecken, familiäre Prägungen und die Frage, wie man Menschen versteht, die nicht mehr da sind.
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Im ersten Teil besuchen die Geschwister Jeff und Emily erstmals seit zwei Jahren ihren Vater, der in einer abgelegenen, verschneiten Hütte an einem See in New Jersey wohnt und nach dem Tod seiner Gattin versucht, allein über die Runden zu kommen. Er versichert, dass mit ihm alles in Ordnung ist, dabei bemerken seine Kinder, die ihm vorsichtshalber Essen mitgebracht haben, schon die Verwahrlosung ihres so eigenwilligen wie verletzlichen Vaters in der nicht nur unaufgeräumten, sondern geradezu heruntergekommen Wohnung.
Wer über keine Gemeinsamkeiten oder wenigstens Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse verfügt, hat sich außer Höflichkeitsfloskeln wenig zu sagen. Jeff und Emily aber müssen sich über ihre Zukunft und die ihres Vaters, der immer neue Projekte im Kopf hat, aber wohl über keine Sozialversicherung verfügt, ernstlich Gedanken machen. Was Emily nicht weiß: Ihr Bruder hat dem Vater immer wieder finanziell ausgeholfen. Und dann bemerken sie die echte Rolex am Arm ihres Vaters – und, nun stutzig geworden, wenig später auch einen schicken, unter einer Plane im Schuppen verdeckten „Zweitwagen“…
Obwohl sie in derselben Stadt wohnen, steht im zweiten Teil für die Schwestern Timothea und Lilith der alljährliche Pflichtbesuch bei ihrer herrischen Mutter, einer renommierten Romanautorin, an. Während Erstere, eine konservativ eingestellte und entsprechend konventionell gekleidete, offenbar arrivierte, aber sehr nervöse Frau, eine Autopanne hat und etwa eine Stunde zu spät ankommt, trudelt ihre jüngere, unkonventionell-flippige Schwester noch später ein. Sie lässt sich von einer Punklady ins gutbürgerliche Dubliner Stadtviertel kutschieren, mit der sie offenbar liiert ist, diese aber als Uber-Fahrerin ausgibt.
Timothea und Lilith sind von der Dominanz ihrer erfolgsverwöhnten Mutter, die plakativ den Prospekt ihres Verlags in Sichtweite platziert hat, bei ihrer Ankunft jedoch gerade mit ihrer Psychiaterin telefoniert, so eingeschüchtert, dass sie den servierten Tee und die süßen Leckereien nicht wirklich genießen können. Die Unterhaltung, wenn der jährliche Rapport der Töchter überhaupt so genannt werden kann, erschöpft sich in nichtssagender Konversation voller gegenseitiger Komplimente, bei der die Mutter nichts von sich und ihrem Leben preisgibt. Während Timothea distanziert bleibt, buhlt Lilith, die wohl nicht zufällig eine Rolex-Imitation am Handgelenk trägt, um die Anerkennung ihrer Mutter, weshalb sie sehr darum bemüht ist, sich selbst in ein möglichst positives Licht zu rücken – und tunlichst ihre Freundin Jeanette verschweigt.
Die Zwillinge Skye und Billy haben bei einem Flugzeugunglück in den Azoren, bei dem ihr Vater am Steuer saß, ihre Eltern verloren. Sie kommen im dritten Teil des Films nun in der Seinemetropole zusammen, um das traumhaft mitten in der City gelegene elterliche Appartement mit Kamin und Balkon zu räumen. In unmittelbarer Nähe werden vor einem Club Drogen vertickt, von denen Erstere aber ‘runtergekommen ist: „Das Leben ist schon abgefahren genug für mich.“
In der bis auf Umzugskisten und die Küchenzeile leergeräumten Altbau-Wohnung schauen sich die beiden alte Fotos an, schwelgen in eigenen Erinnerungen, werden sich aber gleichzeitig bewusst, wie wenig sie über das vergangene Leben ihrer Eltern tatsächlich wissen. Erinnerungsstücke werden aufgeteilt, Billy erhält die Rolex des Vaters, Skye die Sonnenbrille der Mutter. Schließlich möchte Madame Gautier noch die ausstehenden drei Monatsmieten kassieren.
„Father Mother Sister Brother“ ist eine dreiteilige Charakterstudie, ruhig, beobachtend und ohne Wertung – und zugleich eine (Tragi-) Komödie, durchzogen von feinen Fäden der Melancholie. Die realistische Handlung wird immer wieder unterbrochen durch surreal anmutende Szenen, die mit ihr unmittelbar nichts zu tun haben: Junge Skateboarder rasen auf einer abschüssigen Landstraße im ersten, kreuzen bei der Pannenhilfe auf im zweiten und fahren im dritten Teil am Pigalle Country Club vorbei, offenbar einem Umschlagplatz für Drogen aller Art. Sodass man neben der stets präsenten Wasser-Metapher, bei der u.a. die Frage gestellt wird, ob man bei einem gesellschaftlichen Ereignis überhaupt mit Mineralwasser anstoßen kann, und der Luxusuhr schon von einem dritten Roten Faden sprechen kann.
Pitt Herrmann