Summary
At the Berlin-Schönefeld airport, Ric and Klaus meet a married couple from Krakow, Poland, that is on its way to Paris. The Polish couple leaves the key of their Krakow flat to the Germans for a vacation. This trip is meant to allow them both to get to know each other better and to understand each other better. Klaus is a diligent student, Ric a working woman who is employed in a factory. She is without ambition and it is her only dream to settle into family life with husband and children one day. Klaus tries to encourage her to make more out of her life and to qualify for more responsible tasks but his words fall on deaf ears. Again and again, both have to ask themselves if their diverging philosophies of life fit together after all. After another of many controversial discussions, Klaus leaves the flat to buy some cigarettes. Ric who believes that he wants to leave her for good, is panicking and frenetically follows him when she is hit by a cable car and is fatally injured.
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Die junge Frau heißt Ric und ist Arbeiterin im Berliner Narva-Glühlampenwerk. Adressat ist ihr abwesender Freund Klaus, ein Maschinenbaustudent, mit dem sie erstmals gemeinsam in den Urlaub gefahren ist. Besser: geflogen, von Schönefeld aus. Beim Umsteigen in Warschau haben sie, eine Szene, die Egon Günther bewusst nicht zeigt, zufällig ein nettes Ehepaar aus Krakau getroffen auf dem Weg zum Paris-Urlaub (eine Destination, die für DDR-Bürger unterhalb des Rentenalters in unerreichbarer Ferne liegt). Es hat ihnen ohne Weiteres die Schlüssel zu ihrer Wohnung überlassen für die Zeit der Ferien beider Paare. Und das, obwohl es in ihrer Familie Holocaust-Opfer gegeben haben muss, auf die Fotos mit tätowierter KZ-Kennzeichnung an den Unterarmen hinweisen, welche die jungen Deutschen später entdecken.
Was die beiden der Antwort auf eine Frage der diesbezüglich eher schüchtern-zurückhaltenden Ric enthebt: Ein Hotelzimmer oder zwei, wo sie doch (noch) ohne Trauschein sind. „Die Polen sind da nicht so“, beruhigt Klaus, „die sind da locker.“ Will sagen: Im Gegensatz zur spießig-bürokratischen DDR, wo ohne Ausweise nichts geht und ohne gleichnamige Papiere schon gar nichts. Aber auch sonst ist alles anders im östlichen Bruderstaat, wie Egon Günther zu Beginn gleich lautstark herausposaunt mit den rockigen Tönen der Warschauer Gruppe „Iluzyon“, die in Krakau ein Konzert gibt, eine ziemlich wilde eklektische Mischung aus Deep Purple, Procol Harum und jazzigen Improvisationen.
„Da siehste alt aus“ stößt Klaus hervor, als er sich in der großzügigen, im Hinterhof gelegenen Altbauwohnung umschaut. Während Ric sich vor allem über eine „Carmen“-Schallplatte freut: Zu Bizets feuriger Habanera-Liebesarie hatte sie sich für die Reise chic gemacht und dabei ihren ganzen Kleiderschrank auf den Kopf gestellt. Wie sich die intuitive Ric überhaupt gerne treiben lässt, während der angehende Ingenieur Klaus das Leben und den Urlaub eher von der rationalen Seite sieht: Als er den kunsthistorischen Ausführungen zum Veit Stoß-Hochaltar in der Marienkirche folgt, kümmert sie sich lieber um eine junge Frau, die im Gotteshaus laut aufschluchzt.
Ob bei der katholischen Prozession, absolutes Neuland im Defa-Spielfilm, oder einer Führung durch das Stahlwerk Nowa Huta: Klaus ist an Fakten interessiert, seine Freundin an den Menschen. So kommen ihr die Tränen ob der harten Arbeitsbedingungen in der glühenden Hitze eines Hochofen-Abstichs. Dafür genießt sie in vollen Zügen den ausgelassenen (Straßentheater-) Trubel des Festivals „Juvenalia '72“, bei dem der Krakauer Bürgermeister den Studenten für drei Tage die Stadtschlüssel übergibt. Vergleichbares hat der deutsche Arbeiter- und Bauernstaat mit den FDJ-Jugendbrigaden nicht wirklich zu bieten.
„Jetzt kommt der Schlips ins Rad“: Beide stehen gerade nackt in der zur Dusche umfunktionierten Badewanne, als an der Wohnungstür Sturm geläutet wird. Bald hat sich die ganze Wohnung mit neugierigen, zunächst sehr skeptischen, aber dann äußerst herzlichen Nachbarn gefüllt. Die natürlich wissen wollen, wie die beiden deutschen „Eindringlinge“ zum Schlüssel gekommen sind. Als das geklärt ist, gibt’s Hilfsangebote von allen Seiten – zu denen auch die bereits erwähnte Besichtigung des Stahlwerks gehört.
Schließlich Rics nächtlicher Monolog in der Straßenbahn. Harter Tobak für die Zensoren, die den bereits Ende 1972 fertiggestellten Film zwei Jahre auf Eis legten. Aus dem fiktiven Dialog in der Tram wird in der ursprünglichen Fassung ein realer Dialog, nachdem Ric den Straßenbahner fragt, warum er so gut Deutsch spricht. Der will lange Zeit nicht 'raus mit der Sprache, erzählt dann aber doch von seiner Zeit als Zwangsarbeiter in Hitler-Deutschland und wie gut es ihm damals gegangen sei. Das ging den Genossen Zensoren dann doch entschieden zu weit und sie setzten die Schere an, sodass dem heute 97-minütigen Film einige Meter fehlen, die nach dem Zusammenbruch der DDR nicht wieder rekonstruiert werden konnten.
Am Ende geht der Nichtraucher Klaus nur beim Nachbarn ein Stockwerk tiefer eine Zigarette schnorren, was Ric in ihrer Panik missversteht: Sie rennt ihm nach auf die Straße – und wird von einer Tram überfahren. Ein letztes Mal zeigen die polnischen Nachbarn ihr großes Herz und sorgen zusammen mit dem Breslauer DDR-Vertreter für einen unbürokratischen Transport der Leiche nach Berlin. Erst allmählich begreift Klaus, welchen Verlust er durch Rics Tod erlitten hat...
„Die Schlüssel“, in Krakau mit zahlreichen polnischen Schauspielern wie Jadwiga Chojnacka, Anna Dziadyk, Jerzy Jogalla, Leon Niemczyk und Magda Zawadzka gedreht, arbeitet mit für das Genre Spielfilm ungewöhnlichen dokumentarischen Elementen, die von Rita Hiller häufig sehr unvermittelt in die Erzählhandlung geschnitten worden sind. Über die letztlich tragikomische Liebesgeschichte eines Studenten und einer Arbeiterin ist das DDR-Publikum in Günthers Film mit den ungleich größeren Freiräumen des polnischen Brudervolkes konfrontiert worden. Er bekam keine Exportfreigabe, wurde auch nicht im DDR-Fernsehen gezeigt, sodass die Erstausstrahlung erst am 1. Mai 1993 auf Südwest-3 erfolgte.
Pitt Herrmann