Muxmäuschenstill

Deutschland 2003/2004 Spielfilm

Muxmäuschenstill

Ein selbsternannter Ordnungshüter räumt auf


Birgit Glombitza, epd film, 01.07.2004

Vollkommen außerhalb des Film- und Förderbetriebs und mit einem minimalen Budget realisierte Marcus Mittermeier sein Regiedebüt, das den Max-Ophüls-Preis gewann, bei der Berlinale reüssierte und für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde. Der 1969 im bayerischen Landshut geborene Filmemacher wurde als Schauspieler in der Serie "Mit Samt und Seide" bekannt.

Was braucht man Debatten über Reformen, Bürgerversicherung und mehr Eigenverantwortung, solange es Berufene wie Mux gibt. Mux (Jan Henrik Stahlberg), ein blasser, schlaksiger Typ Anfang 30 mit gestärktem Hemd und ungesunder Hybris, will den deutschen Bürger endlich in die Pflicht nehmen und ihm den kategorischen Imperativ in praxisorientierten Lerneinheiten beibringen. Mux steht für die moralische Offensive des kleinen Mannes, ist Legislative, Judikative und Exekutive in einem, die ungeteilte Gewalt. Er sorgt für Ordnung in der Hauptstadt, verfolgt Graffitisprayer, Parksünder und Kinderschänder. Die "Sau", die ins Freibad gepinkelt hat, spürt er ebenso auf wie den Amokläufer, der soeben Frau und Kinder umgebracht hat.

Dank selbst verhängter Strafgelder floriert die Ich-AG Mux bald und expandiert sogar. Ein Stück Käsekuchen und ein paar warme Worte reichen, um den Langzeitarbeitslosen Gerd (Fritz Roth) als Söldner für die Gerechtigkeitsliga zu gewinnen. "Gesellschaft für Gemeinsinnpflege" heißt der Zwei-Mann-Betrieb nun, dem trotz tadellosen Pflichteifers auch schon mal ein Delinquent entwischt oder vom Zug erfasst wird. Vor allem aber sind es die privaten Rückschläge, die Mux zusehends zu schaffen machen. Sie entlarven den Mann mit dem Kant-Brevier auf dem Nachtisch schließlich als einen halbgebildeten Niemand, der endlich mal jemand sein will. Ein impotenter Zwangscharakter, der von zarten Jungfrauen und heiligen Musen fantasiert und dann die Eigensinnigkeit und selbstbestimmte Libido der Verehrten nicht verkraftet. – Vor manchen Rettern muss die Welt einfach in Schutz genommen werden.

"Muxmäuschenstill", das Regiedebüt des Schauspielers Marcus Mittermeier nach dem Drehbuch des Hauptdarstellers Jan Henrik Stahlberg, ist einer dieser "kleinen, dreckigen Filme", die Alexander Kluge und Hans-Christian Blumenberg schon in den siebziger Jahren forderten. Billige und schnelle Produktionen, die ohne Rücksicht auf Fernsehredakteure oder Fördergremien eine Menge riskieren, sich auch um Referenzen und Vorläufer nicht scheren müssen. Und da gibt es einige, sei es "Taxi Driver", "Ein Mann sieht rot", "Mann beisst Hund" oder die mit dem Grimme-Preis bedachte TV-Produktion "Wege in die Nacht" (1999) von Andreas Kleinert, in der ein ausgedienter VEB-Direktor in den Straßen der Hauptstadt aufräumt.

Der 40.000 Euro teure Filme konnte bereits ein paar Triumphe feiern. In Saarbrücken erhielt er den Max-Ophüls- und den Publikumspreis, bei der "Perspektive deutsches Kino" während der Berlinale wurde jede ausverkaufte Vorstellung als Kult-Ereignis gehandelt. Und jetzt ist er gleich dreifach – bester Film, bester Nebendarsteller (Fritz Roth), bester Schnitt – für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Mit seinem DV-Material, das passagenweise als Mux" "Schulungsfilm für die Gesellschaft" ausgegeben wird, kultiviert der Film eine Jedermann-Optik, die elegant über den Umstand hinwegschummelt, dass das Team sich in nicht unwesentlichen Teilen tatsächlich aus Debütanten und Auszubildenden zusammensetzte. Mit anarchischer Heiterkeit und ungebremstem Aktionismus zieht die Truppe so gegen die behäbigen Mühlen des Produktionsapparates. Da lässt sich auf die Schnelle auch das Hochwasser vor zwei Jahren in Mux" Welt hineinzimmern, ebenso wie eine Anti-Roland-Koch-Demo. Das Kino und das Publikum lieben solche Unverfrorenheiten. Sie gehören zur Legendenbildung. Und vielleicht wird es sogar die anhaltende Bild-Unschärfe von "Muxmäuschenstill" als radikalästhetische Formalie feiern. Man mag beklagen, dass sich "Muxmäuschenstill" gelegentlich etwas zu sehr von den eigenen Attraktionen hinreißen lässt, dass er am Ende auch schon Mal den Faden verliert. Aber man kommt nicht umhin zu bemerken, wie treffend er mit seinem tragikomischen Supervisor die Sehnsüchte und Neurosen der bundesdeutschen Gegenwart formuliert.