"based on true events?" - Das große Themenprogramm der 72. Kurzfilmtage Oberhausen

In ihrem großen Themenprogramm "based on true events?" untersuchen die Kurzfilmtage Oberhausen 2026 (28. April – 3. Mai) das Verhältnis von Realität und Fiktion im (dokumentarischen) Film. 

 

Dass Bilder lügen, ist nicht neu: Propaganda ist untrennbar mit der Geschichte des Films selbst verbunden. Mit KI-Fakes nimmt diese Entwicklung aktuell eine neue Dimension an. Vom Beginn der Filmgeschichte bis zu heutigen, mit generativer KI hergestellten Bildern fragen die Kurzfilmtage nach dem Verhältnis von Realität, Fiktion und Spekulation im Film. Fünf Programme werfen Schlaglichter auf Momente der Filmgeschichte, die Aufschluss geben über Wahrheitsbegriffe und wie sie im Film verhandelt werden. Von Filmen aus der Frühzeit des Kinos aus der Mitchell & Kenyon-Sammlung über Werner Herzogs Konzept der "ekstatischen Wahrheit" reicht das Programm bis zu einer von Clemens von Wedemeyer kuratierten Filmauswahl zu Entstehung und Effekten von "Künstlicher Intelligenz" in der Bildproduktion. Zwei weitere Programme greifen spezifische Aspekte der Realitätskonstruktion im Film im Kontext von Macht- und Genderpolitik auf: Wer konstruiert die vorherrschende Realität, welche Realitäten bleiben verborgen und wie werden sie sichtbar gemacht? Die Filmprogramme werden ergänzt durch eine Podiumsdiskussion unter dem Titel: "Apokalypse KI? based on true events."

Die Programme

Die Mitchell & Kenyon-Filme und die Wahrheit

Erst Mitte der 1990er Jahre wiederentdeckt, stellte die Mitchell & Kenyon-Sammlung eine Sensation dar: Rund 900 Rollen Film aus den Jahren 1899 bis 1912, produziert von den Fotografen James Mitchell and Sagar Kenyon für ihre Firma Norden Film. Sie zeigen Menschengruppen in den nordenglischen Industriegebieten und wurden für die damaligen Vorführungskontexte gemacht: Als reisende Attraktionen für Jahrmärkte, Stadthallen, Theater und ähnliche Orte. Film war neu und eine Sensation: Die Gefilmten wollten sich selbst auf der Leinwand sehen und nahmen unbefangen Blickkontakt mit der neuen Kameramaschine auf.

Heute gelten sie als unschätzbare, authentische Dokumente ihrer Zeit, doch schon damals wurde inszeniert: Die Filmemacher dirigierten die Menge, platzierten auffällig gekleidete Männer, Frauen, Kinder in den Vordergrund, brachten sie dazu zu winken oder versuchten gelegentlich sogar, ein Gerangel zu provozieren. Was wir heute als authentisches Bild dieser Zeit rezipieren, war schon damals eine Frage der Eroberung der Realität. Kuratiert von Bryony Dixon, British Film Institute.

2. Mai, 20.15 Uhr

Paradoxe Wahrheiten: Die Filme von Werner Herzog

Werner Herzog gehört, auch als Dokumentarfilmemacher, zu den Großen des Autorenkinos. In Zeiten der Fakes und Scheinwahrheiten erlebt der von ihm geprägte Begriff der "ekstatischen Wahrheit" einen bemerkenswerten Aufschwung. Die Kurzfilmtage zeigen eine Auswahl seiner frühen Kurzfilme, die seit den 1960er-Jahren oft erst in Oberhausen, dann weltweit liefen, und in denen Herzogs Wahrheitsmethode, seine kontroverse, aber publikumsgängige Mischung von Dokumentar- und Spielfilm besonders deutlich sichtbar wird. In betonter Abgrenzung zum vermeintlichen Naturalismus des Direct Cinema versteht sich Herzog als lebensnaher Storyteller. Seine Wahrheit ist bewusst subjektiv. Sie muss erst mit seiner filmischen Methode hervorgeholt werden, und kommt vor allem durch das Spiel mit den Mitteln filmischer Fiktion zur Geltung – was sich in seinen frühen kurzen Produktionen besonders deutlich zeigt.

In zwei Programmen zeigen die Kurzfilmtage kurze Filme von und mit Werner Herzog aus den Jahren 1968 bis 1980, von "Letzte Worte" (1968) bis zu "Werner Herzog Eats His Shoe" (1980) von Les Blank, darunter auch die legendären "Maßnahmen gegen Fanatiker" (1969) und "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner" (1974). Kuratiert vom Programmteam der Kurzfilmtage.

30. April, 22 Uhr
2. Mai, 15 Uhr

Training the Image – Wie Bilder lernen

In drei von Clemens von Wedemeyer kuratierten Programmen zeigen die Kurzfilmtage aktuelle Arbeiten: Produktionen, die mit Hilfe von KI entstanden sind ebenso wie solche, die die Auswirkungen generativer Bildproduktion auf Gesellschaft und Umwelt kritisch beleuchten. Sind KI-Filme noch Teil des Kinos oder schon ein anderes Medium, das Filmgeschichte nur noch als Trainingsdaten in sich trägt? Wird die Frage "Ist ein Bild wahr?" jetzt abgelöst von der Frage "Welche Prozesse haben dieses Bild hervorgebracht?".

Das dreiteilige Programm befasst sich in "Division of Labour" mit den Auswirkungen von KI auf die globale Arbeitswelt, unter anderem in Their Eyes von Nicolas Gourault über die Erfahrungen von Online-Arbeiter*innen aus dem Globalen Süden, die der KI selbstfahrender Autos Orientierung auf den Straßen des Globalen Nordens beibringen. "Raw Processes" blickt auf die materiellen Grundlagen digitaler Systeme – Extraktion, Umweltzerstörung und Industrialisierung. Schon 2014 untersuchte Louis Henderson in "All That Is Solid" mit digitalen Mitteln den Zusammenhang zwischen der digitalen Revolution und neuen Formen des Kolonialismus bei der Ausbeutung von Menschen und Umwelt. "Forensics of the Unreal" schließlich zeigt, wie generative Bilder an die Grenzen der Realität stoßen, halluzinieren, 'weird' und 'uncanny' werden – und wie Filmemacher*innen mit diesen Grenzen umgehen. In "Love Your Nails!" zum Beispiel dreht Kurzfilmtage-Preisträgerin Narges Kalhor Gender-Rollen mittels künstlicher, KI-generierter Fingernägel um: KI als Mittel, die sozialen Codes vermeintlicher Wahrheiten auf den Kopf stellen.

29. April, 20.15 Uhr
30. April, 17 Uhr
1. Mai, 11 Uhr

Das Spiel mit der Spekulation: "Truth or Dare" und "Hide and Seek"

Truth or Dare

In diesem Programm geht es um spekulative Praktiken, mit denen im Kino Wirklichkeiten erprobt werden: Performance, Re-Enactment, archivarische Intervention, Science-Fiction oder narrative Experimente. Realität wird hier als etwas verstanden, das konstruiert wird; ein Mechanismus, den inzwischen auch reaktionäre Akteur*innen für sich nutzen. Doch wer verfügt über die Ressourcen, wessen Projektionen verfestigen sich zur Infrastruktur? Die Filme in diesem Programm spielen anhand von Geschlechtsidentitäten das Potenzial von Spekulation und alternativen Welten durch, von Kenneth Angers "Fireworks" (1947) bis zu Philipp Guflers "The Beginning of Identification, and Its End" (2024). Kuratiert von Michel Wagenschütz.

1. Mai, 20.15 Uhr

Hide and Seek

Im Dialog mit "Truth or Dare" zeigt das Programm, wie filmische Rollenspiele versteckte Wahrheiten und übersehene Geschichten in den Vordergrund rücken können, die eine normative Geschichtsschreibung und ihren Wahrheitsanspruch in Frage stellen. Eröffnet wird es mit Tomás Paula Marques‘ "Cabra Cega" ("Blindman’s Buff"), der vor dem Hintergrund von wachsendem Faschismus und Homo- und Transphobie in einer filmischen Geste queere Geister aus der Vergangenheit beschwört. Um filmische Geister geht es wiederum in Htet Aung Lywns "JuJu vs The Possibilities of Love, Life & Death", in dem die Kinogeschichte aus einer queeren und migrantischen Perspektive neu imaginiert wird. Kuratiert von Sarnt Utamachote.

3. Mai, 15.15 Uhr

Podiumsdiskussion: Apokalypse KI? based on true events.

Trainiert auf Prompt-Erfüllung und die nahtlose Imitation äußerer Wirklichkeit fordern bildgenerierende KIs unsere Wahrnehmung des Realen heraus. Was für Mittel können wir in der Film- und Kunstgeschichte finden, wenn es darum geht, Wirklichkeit von Illusion zu trennen? Helfen uns diese Mittel womöglich, der Vorstellung einer selbstkritischen KI-Ästhetik näherzukommen? Und dabei die Effekte der KI-Industrie auf Gesellschaft und Umwelt zu berücksichtigen?

Mit Prof.Clemens von Wedemeyer , Professor für Expanded Cinema, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig; Ariana Dongus, kritische Medienwissenschaftlerin, Berlin; Prof. Dr. Jan Distelmeyer, Professor für Mediengeschichte und Medientheorie, Fachhochschule Potsdam und Universität Potsdam; Dr. Inke Arns , Direktorin des HMKV Hartware MedienKunstVerein, Dortmund.

30. April, 10 Uhr

Das komplette Programm

Akkreditierungen für die Kurzfilmtage sind hier möglich:

Akkreditierungsschluss: 24. April 2026

Quelle: www.kurzfilmtage.de