Drei Künstler*innen und ein Kollektiv: Die Profile der Kurzfilmtage Oberhausen

In ihrer 72. Ausgabe zeigen die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (28. April – 3. Mai 2026) vier Profile, Werkschauen, in denen auf ganz unterschiedliche Arten die Möglichkeiten des Films – ästhetisch, technisch, politisch – ausgelotet werden.

 

Eine Entdeckung ist das filmische Werk der österreichischen Künstlerin Linda Bilda, das erst kürzlich in ihrem Nachlass gefunden wurde. Die Kurzfilmtage zeigen diese Arbeiten erstmals. Der Österreicher Gernot Wieland hat als Künstler und Filmemacher eine überraschende Bildsprache entwickelt, die auf Collagen verschiedenster Materialien basiert, er lässt in seinen komplexen Erzählungen Dokumentation und Fiktion ineinanderfließen und erweitert Biografisches zu universellen Themen. Die in London geborene Charlotte Pryce arbeitet mit analogem Film, experimentiert mit materiellen Prozessen, die aus ihren Filmen hochsinnliche Erfahrungen machen. Das Brüsseler Kollektiv Les Films de la Maison schließlich schafft außergewöhnliche Filme mit, über und nahe an Geflüchteten, immer in enger Zusammenarbeit mit Les Voix des Sans Papiers Bruxelles.

Linda Bilda: Das unbekannte filmische Werk

Die Kurzfilmtage präsentieren den weltweit ersten Einblick in das bislang unbekannte filmische Werk der österreichischen Künstlerin Linda Bilda: Filme, die Bilda sowohl alleine als auch in Zusammenarbeit mit anderen gemacht hat und die erst kürzlich in ihrem Nachlass entdeckt wurden.

Linda Bilda (1963-2019) war Künstlerin, Verlegerin, Unternehmerin, Ausstellungsmacherin, Performerin, Comiczeichnerin, Aktivistin, Erfinderin und Lehrende – und Filmemacherin. Sie war Mitglied der "Vereinigung Bildender KünstlerInnen" der Wiener Secession und gründete 1994 zudem den Kunstverein ARTCLUB WIEN, den sie bis 1995 leitete. Bildas Arbeiten wurden unter anderem in der Kunsthalle Wien, im Belvedere 21 und im Kunsthaus Bregenz ausgestellt, 2020 widmete ihr das Lentos Kunstmuseum in Linz eine große Retrospektive.

Die Gründung und Distribution von Zeitschriften sah Linda Bilda als eine ihrer zentralen künstlerischen Praktiken: Zwischen 1994 und 2005 erschienen so vier Heftausgaben ihres Soloprojekts No_Politcomix. Außerdem gründete sie gemeinsam mit Ariane Müller die Zeitschriften Artfan (1991–1996) und Die Weisse Blatt: Zeitung für Kunst und Politik von Frauen (1997–2007).
Kuratiert wird das Programm von Olaf Möller, als Gast wird Bildas langjährige künstlerische Partnerin Ariane Müller erwartet.

Gernot Wieland: Wacklige Erinnerungen

Die Filme des 1968 im österreichischen Horn geborene Gernot Wieland sind sowohl auf Filmfestivals wie auch in Kunsträumen zu sehen. Unter seinen vielen Auszeichnungen ist der Preis des Deutschen Wettbewerbs der Kurzfilmtage 2023 für "Turtleneck Phantasies".

Wieland ist ein Geschichtenerzähler, der mit Film, Zeichnung, Animation und Lecture Performances arbeitet. Seine Filme sind Collagen aus Knetanimation, Super 8-Schnipseln, Fotos, Kinderzeichnungen, Scherenschnitten, Diagrammen und Skizzen; komplexe philosophische Narrative, in denen Dokumentation und Fiktion ineinanderfließen. Dabei geht Wieland immer von seiner eigenen Biografie aus, die er zu universalen Themen öffnet und erweitert, oft mit humorvollen und absurden Elementen.

Die Kurzfilmtage zeigen in drei Programmen eine große Werkschau von Gernot Wielands Filmen, von "Eine Reise nach Wales" (2005) bis zu "Family Constellation with a Fox" (2025).

Charlotte Pryce: Alchemistische Transformationen und eine Laterna Magica

Seit 1986 arbeitet die gebürtige Londonerin Charlotte Pryce mit Film, Fotografie und optischen Objekten, ihre experimentellen Arbeiten werden weltweit auf Filmfestivals ebenso wie in Museen gezeigt. Sie studierte an der Slade School of Art, University College London, und am School of Art Institute of Chicago. Seit 2004 lehrt sie am California Institute of the Arts in Los Angeles. Ihre Arbeiten wurden auf zahlreichen Filmfestivals sowie unter anderem im Centre Pompidou (Paris), Velaslavasay Panorama (Los Angeles) und Bozar (Brüssel) gezeigt.

Pryce arbeitet mit analogem Film, zumeist auf 16mm. In ihrem Werk lotet sie die materiellen Prozesse fotochemischen Filmemachens aus, die Dunkelkammer wird bei ihr zum Labor schöpferischer Experimente. Für Pryce ist das ursprüngliche Bild Ausgangspunkt für Transformationen durch manuelle Entwicklung und optische Effekte. Ihr Interesse gilt der natürlichen Welt, biologischen Prozessen, wobei sie sich oft auf alte Texte bezieht. So entstehen magische Miniaturwelten, die alle Sinne ansprechen.

Die Kurzfilmtage zeigen in zwei Programmen einen Überblick über Pryces Werk, darunter "Discoveries on the Forest Floor 1-3" (2007), "Curious Light" (2011) und "and so it came about" (2023). Jedes Programm schließt mit einer Laterna Magica-Performance aus ihrer "Illuminated Fiction"-Serie.

Les Films de la Maison: Sehen lernen

Elie Maissin und Mieriën Coppens haben beide in Brüssel Film studiert, der eine an der LUCA School of Arts, der andere am RITCS Royal Institute for Theatre, Cinema & Sound. Seit fast zehn Jahren arbeiten sie unter dem Namen Les Films de la Maison in Brüssel mit dem Kollektiv La Voix des Sans Papiers Bruxelles zusammen und erarbeiten Kurzfilme, die sie Versuche, "essais", nennen: Sie begreifen Filmemachen als Prozess der Annäherung, des Bezeugens und des Wahrnehmens. Grundlegend ist der Austausch und die Zusammenarbeit mit ihren Protagonist*innen. Sie dokumentieren Vollversammlungen, Umzüge und Räumungen, Anhörungen vor Gericht und Proteste vor der Ausländerbehörde, aber auch Alltag beim Verteilen der Post, beim Weitermachen, beim Schlafen.

Die Kurzfilmtage präsentieren drei dieser Arbeiten: "Carry On" (2017), "La Maison" (Jahr?) und "Et leurs lettres" (2023). Die Filmemacher sowie Vertreter*innen der Voix des Sans Papiers sind anwesend.

Quelle: www.kurzfilmtage.de