Interview mit Olaf Brill

Filmgeschichte jenseits der Legenden

Interview mit Olaf Brill

Interview mit Olaf Brill über "Der Caligari-Komplex"

"Das Cabinet des Dr. Caligari" ist einer der berühmtesten deutschen Filme. Man sollte glauben, darüber sei schon alles bekannt. Warum noch ein Buch über "Caligari"?

Obwohl über diesen Film schon so viel geschrieben worden ist, war die Darstellung seiner Geschichte in der Filmliteratur eigentlich völlig unzureichend. Da gab es an jeder Ecke tolle Legenden, die immer wiederholt wurden und sich dadurch immer mehr festigten. Aber jeder, der sich nur ein bisschen mit der Geschichte des Films befasst hatte, wusste im Grunde, dass diese legendenhafte Darstellung voller Lücken und Widersprüche war. Da erzählte zum Beispiel Fritz Lang eine Geschichte, und Hermann Warm erzählte eine andere. Und beide konnten nicht zugleich wahr sein. Diese Widersprüche waren niemals aufgelöst worden.

Ich kannte "Das Cabinet des Dr. Caligari" schon lange und war immer von diesem Film fasziniert gewesen: Diese unheimliche Geschichte um den mordenden Somnambulen und den Jahrmarkts-Hypnotiseur, die im Wahnsinn endet. Die aufregende Zeit, in der der Film entstanden ist. Die Legenden. Und die fortwährende Diskussion um die Interpretation des Films. Dreht die Rahmenhandlung die vermeintliche Aussage der Binnenhandlung um? Das war eine große Frage, die, wie mir schien, durchaus nicht eindeutig zu beantworten war.

Als ich begann, mich ernsthaft mit dem Film zu befassen, wollte ich zunächst einmal die Widersprüche klären und die Lücken schließen, und so vielleicht auch etwas zur Diskussion um die Interpretation des Films beitragen. Besonders angeregt hat mich dann, als ich herausfand, dass es in den vorangegangenen Jahren durchaus aufregende neue Entdeckungen zum Film gegeben hatte: Gero Gandert von der Deutschen Kinemathek hatte in den Siebziger Jahren das einzig erhaltene Exemplar des Film-Drehbuchs aufgestöbert, über dessen Inhalt bis dahin in der Filmliteratur nur spekuliert worden war. Und der Inhalt war ein ganz anderer, als man immer angenommen hatte (Stichwort Rahmenhandlung). Und dann hatte in den Neunziger Jahren der italienische Filmhistoriker Leonardo Quaresima in einem Aktenbestand der Ufa im Bundesarchiv den Caligari-Vertrag aus dem Jahr 1919 entdeckt, an einer Stelle, wo der gar nicht hingehörte. Auch dieses Dokument gab neue Aufschlüsse zur Caligari-Geschichte.

Das fand ich natürlich spitze: Über die Geschichte dieses vermeintlich altbekannten Films konnte man also doch noch Neues herausfinden! Und das wollte ich auch machen. Eben nicht ein Buch schreiben, in dem all das drinsteht, was ohnehin in der Filmliteratur immer wieder repetiert worden war. Sondern Widersprüche auflösen, und neue Ergebnisse zur Geschichte des Films vorlegen. Das war mein Ansatz.

Wie kam es dann zu eigenen neuen Forschungsergebnissen zum Film?

Das allererste, was ich tat, als ich mich entschieden hatte, ein Buch über diesen Film zu schreiben, war, eine kleine Geschichte zu recherchieren, die Siegfried Kracauer in seinem Buch "Von Caligari zu Hitler" wiedergegeben hatte. Hans Janowitz, einer der beiden Drehbuchautoren, hatte ihm ein persönliches Erlebnis aus dem Jahr 1913 berichtet, das dann der Nukleus der Caligari-Geschichte gewesen sein soll, die er sechs Jahre später mit seinem Co-Autor Carl Mayer niederschrieb. Die Geschichte handelt von einem Mädchenmord am Hamburger Holstenwall, den Janowitz angeblich hautnah miterlebt hat: Er glaubt, den Mörder beobachtet zu haben, und trifft den Mann später bei der Beerdigung des Mädchens wieder. Nur eine kleine Geschichte, die den Hintergrund zum "Cabinet des Dr. Caligari" bildete. Aber mich interessierte, ob diese Geschichte auf Fakten basierte und ob ich etwas darüber herausfinden konnte.

Also schlug ich die alten Zeitungen nach. Kracauer hatte den Zeitpunkt des Mordes relativ präzise wiedergegeben und sogar den Vornamen des Mordopfers genannt, Gertrud. Daher konnte ich relativ schnell die entsprechenden Zeitungsartikel aufstöbern. Die Datierung lag letztlich nur um genau eine Woche daneben. Da waren die Hamburger Zeitungen plötzlich voll von dem Mordfall an der kleinen Gertrud Siefert und berichteten atemlos jeden Tag von neuen grausigen Details, Ermittlungsfortschritten, der Beerdigung usw. Der Fall erregte damals einiges Aufsehen und fand unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit statt. Nur: Das hatte bisher einfach noch niemand nachgeschlagen. Da hatte ich also schon etwas Neues zum "Cabinet des Dr. Caligari" herausgefunden, und zwar praktisch eine Woche nachdem ich mich ernsthaft mit dem Film befasst hatte.

Dieses kleine Ergebnis hat mich natürlich angespornt. Und es lieferte auch einige interessante Details zur Beurteilung der Caligari-Geschichte: Denn die Geschichte vom Mord an Gertrud, so wie Janowitz sie erzählt hatte, in der er den Mörder beobachtet usw., stimmte in wichtigen Details nicht mit den Tatsachen überein. Was Janowitz gemacht hatte, war einfach, die Geschichte, die auch er in der Zeitung gelesen hatte, literarisch aufzuarbeiten und fortan als selbst erlebte Geschichte zu erzählen. Wir können daraus etwas lernen: Legenden, die erzählt werden, können uns Hinweise darauf geben, was wirklich geschehen ist. Die Daten zu Zeitpunkt und Ort des Verbrechens, die Janowitz und Kracauer genannt hatten, waren ja so präzise, dass ich allein dadurch in der Lage gewesen war, diese Zeitungsartikel zu finden. Aber dann müssen wir nach solchen zeitgenössischen Quellen auch tatsächlich gezielt suchen. Denn manchmal weichen die Legenden doch stark ab von den tatsächlichen Fakten.

Gab es weitere solcher Ergebnisse?

Damit ging's ja erst richtig los! Einige Zeit verwendete ich auf die Erforschung der Geschichte der Schauspielerin Gilda Langer, die ein kurzes Leben hatte, aber eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Films spielte (siehe Leseprobe). Sie war es, die die beiden Drehbuchautoren zusammenbrachte, für sie haben sie letztlich das Drehbuch geschrieben. Ich nenne sie daher auch "Caligaris Muse". Als ich anfing zu "Caligari" zu arbeiten, war über Gilda Langer kaum etwas bekannt, nur Gerüchte, und in den großen Texten zum Film, die immer wieder die alten Legenden wiederholten, kam sie überhaupt nicht vor. Ich setzte mich also hin und recherchierte ihr Leben, buchstäblich vom Anfang bis zum Ende. Allein ihren Geburtsort herauszufinden, kostete eine Menge Zeit. Nach langer Suche fand ich diese kleine Information schließlich in Wien: Die Meldezettel aus den 1910er Jahren, die jeder ausfüllte, der in die Stadt kam oder sie wieder verließ, waren vom Magistrat archiviert worden. Auch Gilda Langer hatte diese Zettel ausgefüllt, und dort fand ich die Information, die ich suchte. Ich habe sie 2003 in einem Artikel zu Gilda Langer im CineGraph-Lexikon veröffentlicht, daraufhin kann man sie heute in jeder gut recherchierten Online-Filmdatenbank finden, auch auf filmportal.de.

Auch die Entdeckung ihres Grabes ist ein schönes Beispiel dafür, dass Forschung nicht nur am Schreibtisch und in Bibliotheken stattfinden muss: Gilda Langer war 1920 gestorben, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, demselben Alter übrigens, das der Somnambule im Film hat. Sie war einer der Grippewellen erlegen, die nach dem Krieg um die Welt gingen, und jetzt war sie tot, kurz bevor "Caligari" in die Kinos kam. Carl Mayer soll sehr verliebt in sie gewesen sein, und er, der der größte Drehbuchautor der Weimarer Zeit werden sollte, fand einen stillen Weg, Abschied zu nehmen, ganz ohne Worte, aber umso poetischer: Er ließ auf ihren Grabstein unter den Namen nur ein paar Notenlinien meißeln, eine Melodie.

Janowitz hatte diesen Grabstein beschrieben, in einem unveröffentlichten Dokument, von dem in der Deutschen Kinemathek eine Kopie verwahrt wurde. Mit zwei Freunden machte ich mich auf die Suche nach dem Grab, das in einem verwilderten Teil des Friedhofs Berlin-Stahnsdorf lag, dort wo die Gräber nicht mehr gepflegt werden. Überall liegen umgestürzte Grabsteine herum, bedeckt von Laub und Moos. Es war Winter, bitterkalt, und die Felder des Friedhofs waren mit Schnee bedeckt. Es gab den Bericht eines Forschers, der hier schon einmal im Sommer nach dem Grab gesucht, es in dem vielen Laub aber nicht gefunden hatte. Wir jedoch fanden den umgestürzten Grabstein, befreiten ihn von Schnee, Laub und Moos, und entdeckten die Notenlinien aus Wagners "Tristan und Isolde", ein toller Moment! Ich habe die Stelle in diesem Jahr erneut besucht, diesmal gemeinsam mit dem Stummfilmmusiker Stephan von Bothmer, mit dem ich seit vielen Jahren befreundet bin. Diesmal säuberten wir den Grabstein gründlich und sahen uns die Noten ganz genau an. Stephan gelang es, die Melodie Note für Note präzise zu identifizieren. Das Besondere an Wagners Musik ist, dass er mit der so genannten Leitmotiv-Technik arbeitet: Jede Melodie hat eine bestimmte Bedeutung. Stephan ist überzeugt, dass Mayer so auf dem Grabstein ein Liebesbekenntnis formuliert hat. Das ist wirklich eine anrührende Geschichte. Und dieser Teil der Forschung hat natürlich großen Spaß gemacht.

So ging die Arbeit aber bestimmt nicht immer, oder?

Nein. Ein Großteil der Forschung befasst sich natürlich mit der Auswertung von Rechercheergebnissen. Manchmal muss man einfach lange darüber nachdenken, was bestimmte Fakten zu bedeuten haben. Es ist wie beim Zusammensetzen eines Puzzles: Die Teile sind alle da, aber wie passen sie zusammen?

So war ich zum Beispiel während der ersten paar Jahre meiner Beschäftigung mit dem Film ein Anhänger der damals aktuellen Standardthese zum Entstehungsdatum des Films. Es gibt nämlich keine Unterlagen darüber, wann der Film eigentlich gedreht wurde. Und die verschiedenen Aussagen der Zeitzeugen widersprachen einander. Nun hatten jüngere Forscher Recherchemöglichkeiten, die früheren Generationen einfach nicht zur Verfügung gestanden hatten. Wir konnten zum Beispiel die zeitgenössischen Film-Fachzeitschriften lesen, die damals als Wochen- und in einem Fall (Film-Kurier) sogar als Tageszeitung erschienen waren. Dort erschienen also jeden Tag Meldungen über die damals aktuellen Filmprojekte. Die Zeitschriften waren archiviert worden und lagen größtenteils als Mikroverfilmungen vor. Die Recherchesituation wird sich womöglich in Zukunft noch weiter verbessern, wenn solche Quellen eines Tages online verfügbar sein werden.

Forscher, die sich mit dem Film etwa der 1910er oder 1920er Jahre befassten, konnten also diese tagesaktuellen Mitteilungen lesen. Und daraus schien hervorzugehen, dass "Caligari" erst relativ spät gedreht wurde: im Dezember 1919 oder Januar 1920, nur zwei Monate vor seiner Uraufführung. Ich fand das zunächst plausibel. Dann merkte ich, dass die sich daraus ergebende Datierung hinten und vorne nicht stimmte: Aus verschiedenen Gründen konnte der Film einfach nicht so dicht vor seiner Premiere gedreht worden sein. Es passte alles einfach nicht. Ich kam zu dem Schluss, dass die vermeintlich aktuellen Meldungen einfach von der Produktionsfirma lancierte Nachrichten gewesen sein mussten, die die Werbekampagne zum Filmstart begleiten sollten. Die Film-Fachzeitschriften waren Branchenblätter, die durchaus nicht vollkommen unabhängigen Journalismus betrieben, sondern von den Produktionsfirmen abhängig waren und gerne deren Presse-Waschzettel abdruckten. Und die wurden jedenfalls im Fall "Caligari" nicht zum Zeitpunkt herausgegeben, als sie aktuell waren, sondern als sie gut zur Werbung für den bald anlaufenden Film passten.

Ich hatte also die These entwickelt, dass der Film eben doch zu einem anderen Zeitpunkt gedreht worden sein musste, trotz der vermeintlich anderslautenden Belege in der Fachpresse. Dann machte ich das, was in der Wissenschaft üblich ist: Ich suchte nach empirischen Belegen, die die These stützen oder widerlegen konnten. Erfolgreich war dann eine genaue Analyse der gesamten Pressearbeit der Decla-Film-Gesellschaft, wie sie sich in eben solchen Meldungen der Film-Fachpresse der damaligen Zeit spiegelte. Und diese Analyse konnte dann tatsächlich belegen, dass im Fall "Caligari" die Pressemeldungen zurückgehalten wurden, um rechtzeitig zum Filmstart Furore zu machen. So ein Forschungsergebnis macht natürlich auch Spaß: Da steckt viel Arbeit drin, und am Ende hat man eine Erkenntnis, die es so vorher noch nicht gab.

Das sind sehr viele Details zur Caligari-Geschichte. Gibt es denn ein allgemeines Ergebnis, das man in wenigen Worten zusammenfassen könnte?

Ja, das werde ich oft gefragt: Was ist denn nun das Geheimnis des Caligari-Films? Gibt es darauf eine einfache Antwort? Ich neige dann dazu zu sagen: Naja, ich habe ein vierhundertseitiges Buch darüber geschrieben. Da steht alles drin, und das ist meine Antwort. Lest das Buch! Aber ich kann natürlich auch ein ganz allgemeines Ergebnis benennen, das aus meiner Studie folgt: Die Entstehung des Caligari-Films war nicht die Leistung eines Einzelnen, sondern verdankte sich einer vielfältigen Zusammenarbeit. Da waren viele Hände beteiligt, und erst all diese Interaktionen machten den Film zu dem beeindruckenden Schlüsselwerk der Filmgeschichte, das wir heute kennen. Die knappste Form dieses Ergebnisses findet sich schon im Buchtitel "Der Caligari-Komplex": "Das Cabinet des Dr. Caligari" war das Ergebnis komplexer Ursachen.

Sind denn jetzt alle Geheimnisse des Films gelöst?

Im Vorwort des Buchs sage ich, ich glaube im Wesentlichen jetzt alle Geheimnisse gelöst zu haben. Das ist auch nicht ganz falsch: Mit dem Buch liegt nun eine kohärente und konsistente Darstellung der Geschichte dieses Films vor, die es so vorher nicht gegeben hat. So, wie ich es darstelle, so wird es sich wohl tatsächlich alles abgespielt haben. Jedenfalls nach allem, was wir heute über den Caligari-Film wissen können.

Natürlich gibt es zu Details noch interessante offene Forschungsfragen, die ich im Buch auch benenne, Fragen, zu deren Antworten es keine empirische Belege gibt. So wäre es interessant, noch mehr über einige der Personen herauszufinden, die am Film mitgewirkt haben. Wir wissen zum Beispiel sehr wenig über den Produktionsleiter Rudolf Meinert und den Dramaturgen Julius Sternheim. Wie sahen ihre Beiträge zum Film konkret aus? Toll wäre es, wenn da mal irgendwo Briefwechsel, Produktionsnotizen oder Protokolle auftauchen würden, möglicherweise ein weiteres Drehbuch-Exemplar. Aber bisher wurde solches Material nicht gefunden, möglicherweise gibt es das nicht.

Die vielleicht größte offene Frage ist die Identifizierung der Handschriften im einzig bekannten Drehbuch-Exemplar, dem so genannten Originaldrehbuch. Dort tauchen handgeschriebene Passagen in zwei unterschiedlichen Schriften auf. Ich spekuliere, dass der eine Schreiber Carl Mayer gewesen sein könnte, der zweite möglicherweise eine Sekretärin. Die Schwierigkeit ist, dass die Handschriften nicht einmal im Original vorliegen (nämlich nur als Durchschlag), und Vergleichshandschriften, etwa von Mayer, äußerst selten sind. Man müsste das Originaldrehbuch und verschiedene Vergleichsschriften zusammenbringen, einen qualifizierten Experten engagieren und hoffen, dass er mit ausreichender Wahrscheinlichkeit ein positives oder negatives Ergebnis nennen kann. Dann könnte man daraus weitergehende Schlussfolgerungen ziehen. Das wäre schon interessant, allerdings auch ein sehr aufwändiges Projekt mit ungewissen Erfolgsaussichten. Vielleicht wagt sich mal eine der Institutionen daran, die sich mit dem Film beschäftigen, zum Beispiel das Filmmuseum Berlin, in dessen Besitz sich das Originaldrehbuch befindet.

Es wäre jedenfalls interessant, auch in Zukunft noch Neues zum "Cabinet des Dr. Caligari" zu erfahren. So wie der Film durch eine komplexe Zusammenarbeit entstanden ist, so ist ja auch Wissenschaft ein Unternehmen, in dem alle zusammenarbeiten, damit es Fortschritte gibt. So konnte ich auf der Arbeit vorangegangener Autoren aufbauen, und so geht auch die Forschung immer weiter. Ich hoffe jedoch, einen wichtigen Beitrag dazu geleistet zu haben, wie man die Caligari-Geschichte künftig jenseits der Legenden sehen wird.