Die Brüder Lautensack

DDR 1971/1972 TV-Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Nebelschwaden geben erst allmählich den Blick frei auf eine brennende Müllhalde. Ein elegant gekleideter Mann in Frack, Schal, Mantel und Zylinder betont mehrfach, mit Adolf Hitler, dem Führer, persönlich sprechen zu wollen. Vergeblich. Seine Häscher, die ihn schon geraume Zeit mit vorgehaltener Waffe vor sich hergetrieben haben, exekutieren den Mann und werfen ihn danach wie ein altes Möbelstück einen Hang hinunter...

Rückblende. München, die Stadt der Bewegung, im Jahr 1931. Auf einem zweitklassigen Vorstadt-Rummel macht ein Mann von sich reden, der sein Publikum als „Deggenburger Orakel“ mit spektakulären Varieté-Nummern um den kleinen Finger wickelt – der Telepath und Okkultist Oskar Lautensack. Auch ein Münchner Professor lässt sich so von ihm beeindrucken, dass er Lautensack eine Zusammenarbeit in seinem Fachgebiet der Parapsychologie anbietet – gegen festes und für Oskars Verhältnisse recht üppiges Honorar.

Was auf volle Unterstützung der Bildhauerin Anna Tirschenreut (Senta Bonack) trifft, so etwas wie die mütterliche „Muse“ des zunehmend selbstüberheblichen „Magiers“, der offenbar Frauen jeglichen Alters anzuziehen weiß. Doch Anna versucht vergeblich, ihren Oskar zu nobilitieren, indem sie ihn der Wissenschaft zuführt. Denn noch bevor der Kontrakt unterzeichnet ist, kommt Oskars Bruder Hannsjörg, ein Karrierist, der über Leichen geht, an die Isar. Der heldenhafte Kämpfer für Großdeutschland, ein Nazi der ersten Stunde, ist gerade aus der Haft entlassen worden und genießt höchste Protektion als rechte Hand des zynischen Wehrmachts-Stabschefs Manfred Proell.

Dem wiederum auf Vermittlung der Baronin von Trettnow höchste Industriellenkreise um den Rüstungsmagnaten Dr. Fritz Kadereit (Horst Schönemann) und seine attraktive Gattin Ilse offenstehen. Hannsjörg Lautensack strebt wie sein Bruder zu Höherem und wittert die Chance: Warum nicht die Fähigkeiten Oskars in den Dienst der Bewegung, gar des Führers stellen? Aber der fürchtet sich vor dem kalten, phantasielosen und rationellen Berlin!

Erst eine Hitler-Rede im Zirkus Krone-Bau in München bringt die Wende, Oskar will in die Partei eintreten und sich ihr in der Hauptstadt zur Verfügung stellen. Hannsjörg lässt kurzerhand ein altes Parteimitglied ermorden, um seinem Bruder dessen NSDAP-Ausweis zuschanzen zu können: Nun sind beide Lautensacks „Genossen der ersten Stunde“. Und der Aufstieg Oskars nicht mehr aufzuhalten, zumal dieser auch in Berlin sowohl die Damen in Loden als auch in duftigem Sommerkleid erotisch anzieht.

So mutieren die Salons der High Society im Berlin des Jahres 1932 zur Bühne des Magiers Oskar Lautensack, dessen Ansehen parallel mit seinen Einkünften wächst. Er übernimmt die Schriftleitung der Zeitung „Deutschlands Stern“ und lernt so Käthe Severin kennen. Die vielfach interessierte, aufgeschlossene Stenotypistin, die eigentlich Musik studieren wollte, erledigt für Oskar Schreibarbeiten – und wird kurze Zeit später zu seiner neuen „Muse“ – in harter Konkurrenz zur Baronin von Trettnow. Und zum Entsetzen ihres Bruders Dr. Paul Kramer, mit dem sie zusammenlebt: Der bekannte Journalist und bekennende Nazi-Kritiker hält Lautensack für einen Hochstapler („Märchenhafter Geist aus der Flasche“) und macht auch in seinen Artikeln keinen Hehl daraus. Was Käthe mit dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung quittiert.

Hannsjörg ist inzwischen in höchste Kreise der Partei, des Militärs und schließlich auch des Staates vorgedrungen. Als Staatsrat und Reichspressechef kann er seinen Bruder mit internen Informationen versorgen, die dieser bei seinen Auftritten zu nutzen weiß. In der Berliner Scala, der größten Varietébühne des Reichs, kommt es zu einer persönlichen Begegnung mit Hitler. Oskar steht am Zenit seiner Macht, die er auch äußerlich zum Ausdruck bringt, indem er einen einst adligen Landsitz zum mondänen Schloss Sophienburg ausbaut und dort rauschende Bankette gibt. Was manche Neider auf den Plan ruft, darunter Graf Ulrich von Zinsdorff, der nunmehrige Adlatus von Stabschef Manfred Proell. Was den erklärten Okkultismus-Kritiker aber nicht abhält, Oskars größter Schuldner zu werden.

Auch die eifersüchtige Baronin von Trettnow und ihre nicht minder über Käthe Severin pikierte Freundin, die Millionärsgattin Käthe Severin, rücken vom Magier ab. Letztere zettelt eine Intrige an: Lautensack soll sich juristisch gegen einen Artikel von Käthes Bruder wehren. Vor den Schranken des klar parteiischen Gerichts verliert Dr. Paul Kramer den Prozess, an dem die Öffentlichkeit großes Interesse zeigt, mit Pauken und Trompeten: Er wird nicht nur zu einer Strafe von 10.000 Reichsmark verurteilt, sondern auch zu einem Jahr Gefängnis.

Dem er sich gerade noch entziehen kann: Kramer wird von ebenfalls untergetauchten Kommunisten auf einem Dachboden versteckt. Die geplante Flucht ins Ausland vereitelt ungewollt seine Schwester Käthe, der er sich anvertraut hat: Sie friert in der protzigen Villa und findet die pompösen Empfänge abstoßend, zum anderen zweifelt sie an der Sehergabe Oskars, der ihre Schwangerschaft nicht bemerkt hat. Beide sinnen, zurück in München, nach einem Ausweg – da wird Kramer verhaftet. Und Käthe bleibt keine andere Wahl, als zu Oskar nach Berlin zurückzukehren.

Der hat dem Wehrmachts-Stabschef gerade den Reichstagsbrand geweissagt und verspricht Käthe, über die Nachricht der kommenden Vaterschaft überglücklich, die Hochzeit. Um sie zu beruhigen, setzt er sich sogar für Kramer ein. Als er bei Proell nicht weiterkommt, fährt Oskar selbst zum Führer nach Berchtesgaden. Die Privataudienz ist aber nur temporär erfolgreich, Hitler werden anschließend Artikel von Kramer vorgelegt und er ordnet dessen sofortige Hinrichtung an. Als Käthe davon erfährt, flieht sie nach Prag. Und nun soll es auch Oskar Lautensack an den Kragen gehen...

Hans-Joachim Kasprziks TV-Dreiteiler nach einem Szenarium von Angel Wagenstein beeindruckt durch die Schwarz-Weiß-Optik im Stil der späten Ufa-Jahre, die zudem den praktisch nahtlosen Einbau historischer Aufnahmen aus Berlin und München ermöglicht. Was auch dem notorischen Devisenproblem der DDR geschuldet war: Defa-Aufnahmen vor Ort an der Isar waren Mitte der 1970er Jahre völlig undenkbar. Insofern macht das Fernsehen der DDR aus der Not eine Tugend. Was freilich nicht für die beiden Sprecher Walter Niklaus und Rolf Ripperger gilt: Ihr ganz im Duktus der pathetischen Ufa-Filme und –Wochenschauen gesprochener Off-Kommentar ist an heute geradezu peinlich wirkender Parteirhetorik nicht zu übertreffen.

Pitt Herrmann

Credits

Drehbuch

Kamera

Schnitt

Darsteller

Alle Credits

Drehbuch

Kamera

Kostüme

Schnitt

Darsteller

Länge:
309 min
Bild/Ton:
s/w, Ton
Aufführung:

TV-Erstsendung (DD): 18.03.1973, DDR-TV [Teil 1];
TV-Erstsendung (DD): 20.03.1973, DDR-TV [Teil 2];
TV-Erstsendung (DD): 22.03.1973, DDR-TV [Teil 3]

Titel

  • Originaltitel (DD) Die Brüder Lautensack
  • Abschnittstitel (DD) 1. Das gewagte Spiel. - 2. Der Menschenfischer. - 3. Siegfried hat.

Fassungen

Original

Länge:
309 min
Bild/Ton:
s/w, Ton
Aufführung:

TV-Erstsendung (DD): 18.03.1973, DDR-TV [Teil 1];
TV-Erstsendung (DD): 20.03.1973, DDR-TV [Teil 2];
TV-Erstsendung (DD): 22.03.1973, DDR-TV [Teil 3]