Touch the Sound

Deutschland Großbritannien Finnland 2003/2004 Dokumentarfilm

Touch the Sound


Reinhard Lüke, film-dienst, Nr. 23, 11.11.04

Vermutlich stünde Evelyn Glennie ein Schwerbehindertenausweis zu, der ihr jederzeit einen Sitzplatz in der Londoner U-Bahn sichern würde, denn die Britin ist nach medizinischer Betrachtung zu 80 Prozent gehörlos. Aber die Frau ist weit davon entfernt, ihr Handicap als Benachteiligung zu sehen – schließlich ist Evelyn Glennie inzwischen ein Weltstar. Eine Musikerin, die als Solo-Percussionistin in den letzten Jahren mit so ziemlich allen Orchestern von Weltrang zusammengearbeitet hat und dafür mit unzähligen Preisen dekoriert wurde. Doch ihr Arbeitsalltag auf den Klassik-Bühnen dieser Welt kommt in diesem Dokumentarfilm so wenig vor wie ihre Behinderung; zumindest wird letztere lediglich einmal am Rande erwähnt, und auch das nur, um Glennies besonderen Zugang zu der Welt des Klangs plausibel zu machen. Wobei es weniger um das schlichte Hören als um das körperliche Erleben, das – im Wortsinn – Berührtwerden von Tönen und Schwingungen geht. Evelyn Glennie beschäftigt sich zudem keineswegs nur mit Musik im konventionellen Sinne, sondern mit – allen erdenklichen Sounds – vom Lärm eines Presslufthammers bis zum Aufprall eines Wassertropfens. Ein Jahr lang hat sich Thomas Riedelsheimer mit der Künstlerin auf eine Klangreise begeben. Diese führte nach Schottland, Japan, New York und Kalifornien, vor allem aber in die ganz eigentümliche Welt der Evelyn Glennie, die ihre Umgebung vornehmlich in Form von Klängen, Schwingungen und Resonanzen wahrzunehmen scheint. Eine fraglos faszinierende Welt, für deren Erfassung das (Kino-)Bild indes ein nur begrenzt taugliches Mittel ist.

Zumindest war diese Affinität bei Riedelsheimers letztem, mehrfach preisgekrönten Dokumenarfilm "Rivers and Tides" (fd 35 295) über den "Natur"-Künstler Andy Goldsworthy weit offensichtlicher. Dabei ist "Touch the Sound" ähnlich konzipiert. So sieht (und hört) man die Percussionistin entweder allein oder mit Kollegen musizieren, wobei sie allen erdenklichen Alltagsgegenständen und Fundstücken Töne und Rhythmen entlockt. Hinzu kommen Sequenzen, in denen sie ihre Arbeit beziehungsweise ihre Sicht der Welt erläutert. Überdies hat Riedelsheimer versucht, sich diese Sicht- und Hörweise seiner Protagonistin zu eigen zu machen und seine Umgebung mit der Kamera zu "belauschen"; sei es das Klackern von Absätzen auf einem gläsernen Boden in einem Flughafengebäude, das Flattern von Fahnen im Wind oder die Geräuschkulisse in einem japanischen Supermarkt, in dem das Stimmengewirr, gepaart mit der fremden Sprache, zu einem eigentümlich flirrenden Sound wird, der bei aller sichtbaren Hektik schon fast etwas Meditatives hat. Auch wenn diese assoziativen Momentaufnahmen von höchst unterschiedlicher Subtilität sind, wartet der Film mit einer ganzen Reihe solcher überaus sinnfälligen Miniaturen auf, in denen sich bisweilen auch die gefundenen O-Töne mit von Evelyn Glennie erzeugten Klängen mischen. Das Gerüst des Films bildet eine Session, zu der Glennie und Fred Frith in einer alten Industriehalle im rheinischen Dormagen zusammenkamen, um eine CD mit gänzlich frei improvisierter Musik einzuspielen. Fred Frith, seit seinen Zeiten mit der Avantgarde-Rock-Formation Henry Cow eine Ikone der ambitionierten freien Musik und selbst schon einmal Protagonist eines mitreißenden Dokumentarfilms ("Step Across the Border", fd 28 227), hatte bereits die Filmmusik zu "Rivers and Tides" geschrieben und ist nun im Zusammenspiel mit Evelyn Glennie zu erleben. Die Intensität dieser Zusammenarbeit der beiden Ausnahmemusiker, die sich zuvor nie begegnet waren, lassen die immer wieder in den Film eingeschnittenen Sequenzen der Session zum Höhepunkt von "Touch the Sound" werden. Und das, obwohl sie in filmästhetischer Hinsicht so ziemlich konventionell sind; bei diesen Szenen könnte man abwechselnd die Augen schließen und sich die Ohren zuhalten – der Film würde dennoch funktionieren. Thomas Riedelsheimer, auch diesmal wieder für Regie, Kamera und Schnitt verantwortlich, ist erneut ein herausragender Dokumentarfilm gelungen. In seiner virtuosen Montage sowie seinen komplexen Überlagerungen und Überlappungen von Bild- und Tonebenen kommt er seiner kühnen Ambition, bildhaft sinnliche Äquivalenzen für Sounds zu finden, über weite Strecken erstaunlich nahe. Dass er dabei ohne jeden Off-Kommentar auskommt, versteht sich fast schon von selbst.