La Rotonda Vicenza

DDR 1990 Kurz-Dokumentarfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Seine Arbeit war das Vorausschauen und das Erinnern. Sein Gegenstand war die Architektur. Er konnte die Augen nicht verschließen, wenn Landschaft zubetoniert wurde. Und wenn er es tat, schmerzte es ihn umso mehr“: Roland Steiner über den Philosophen Lothar Kühne, einen überzeugten Marxisten, der das Wohnen und Bauen zum Gegenstand seiner lebenslangen Forschungen gemacht hat und an der staatssozialistischen Moderne „seiner“ DDR verzweifelte.

Die norditalienische Stadt Vicenza beherbergt zahlreiche Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, die vom Architekten Andrea Palladio entworfen worden sind: das Teatro Olimpico, die Basilica Palladiana und der Palazzo Chiericati. Professor Lothar Kühne aber hat sich vor allem für einen etwas außerhalb der Stadt auf einem Hügel gelegenen Palladio-Bau interessiert, die Villa La Rotonda. Sie ist mit ihren vier identischen Fassaden für ihn der Idealtypus eines Hauses, das nicht herrschaftlich repräsentiert, sondern den Bewohnern und ihren Gästen häusliche Geborgenheit vermittelt.

Am 10. September 1931 im elterlichen Reihenhaus einer Arbeitersiedlung in der südbrandenburgischen Industriestadt Lauchhammer geboren hat sich Lothar Kühne bereits als Schüler der Waldschule für Umweltfragen (Braunkohle-Abbau) und die Errichtung von Gebäuden zum Wohlfühlen, für das Verhältnis zwischen städtischer Bebauung und umgebender Landschaft interessiert. Ein Haus mit Garten und viel Grün in der Umgebung war sein Traum, den er den Betonwüsten der Großstadt entgegensetzte.

Die Villa Rotonda wurde so zu einem Sehnsuchtsobjekt, das im krassen Gegensatz zum realsozialistischen Plattenbau-Wahn der Planer steht. Als „notwendige Bedürfnisanstalt“ hat der „Gedankenarbeiter“, der sich stets für die Renovierung von Altbauten und den Erhalt idyllischer Hinterhöfe eingesetzt hat, die teilweise unmittelbar an Autobahnen errichteten Arbeiterschließfach-Hochhäuser bezeichnet.

Roland Steiners essayistischer Kurz-Dokumentarfilm ist kein klassisches Porträt, obwohl binnen ja nur 20 Minuten Raum für so manches biographisches Detail bleibt, wie die Einweisung Kühnes in eine psychiatrische Anstalt, nachdem er als junger Mann eine Flasche auf die Berliner Mauer geworfen hat. Private 8mm-Aufnahmen steht die bühnenreif inszenierte Installation des Arbeitszimmers Kühnes gegenüber, das ‘mal unmittelbar an der Autobahn, ‘mal mitten in einem Kornfeld zu stehen scheint.

„Ganz klar habe ich die Schönheit gesehen und die Schäbigkeit, in der wir leben“: Lothar Kühne, von 1971 bis 1982 Lehrstuhlinhaber für marxistisch-leninistische Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin, ist an der DDR-Wirklichkeit wie an der eigenen Ohnmacht verzweifelt. An Schizophrenie erkrankt hat er sich am 7. November 1985 in den Fluten der Ostsee ertränkt. Roland Steiner hat ihm mit „La Rotonda Vicenza“ ein Denkmal gesetzt, weil für den körperlich wie seelisch Leidenden die deutsche Wiedervereinigung zu spät kam – „wie für so viele“, so Steiner.

Pitt Herrmann

Credits

All Credits

Director

Commentary

Script editor

Director of photography

Optical effects camera

Unit production manager

Original distributor

Duration:
541 m, 20 min
Format:
35mm
Video/Audio:
Orwocolor, Ton
Screening:

Uraufführung (DE): 07.10.1990, Berlin, Filmkunsthaus Babylon;
Aufführung (DE): 28.04.1991, Oberhausen, IFF - Deutscher Wettbewerb

Titles

  • Originaltitel (DD) La Rotonda Vicenza
  • Arbeitstitel (DD) Prof. Lothar Kühne
  • Titelübersetzung La Rotonda Vicenza - In Memory of Prof. Lothar Kühne
  • Untertitel (DD) In Erinnerung an Prof. Lothar Kühne

Versions

Original

Duration:
541 m, 20 min
Format:
35mm
Video/Audio:
Orwocolor, Ton
Screening:

Uraufführung (DE): 07.10.1990, Berlin, Filmkunsthaus Babylon;
Aufführung (DE): 28.04.1991, Oberhausen, IFF - Deutscher Wettbewerb