Interview mit Anna Hepp

Titel

Interview mit Anna Hepp
"Der Moment ist das einzige, was wirklich lebendig ist. Erinnerungszeichnen durch Mittel der Kunst konserviert diese Lebendigkeit"
Quelle: Dokumentarfilminitiative, © Mathis Hanspach
Anna Hepp

Einige Fragen an die Regisseurin und Fotografin Anna Hepp ("Ich möchte lieber nicht")

Worin besteht für Sie die Faszination des dokumentarischen Porträts?

Für mich gibt es eine Faszination für das künstlerische Porträt. Und die besteht darin:
- eine ästhetische Wirkung zu erzielen;
- mit Ton/Sprache ein Gefühl zu erzeugen;
- eine Beziehung zwischen Abbildendem und Abgebildetem entstehen zu lassen, weiterführend auch zum Zuschauer eine Beziehung zu schaffen;
- die Regulation von Nähe und Distanz durch die Instrumente Kamera, Ton und Montage;
- die Möglichkeit, sich durch Lebenserfahrung der Protagonisten zu bereichern, sprich Erkenntnisgewinn;
- gezielte Erinnerungen zu schaffen.

Sie haben oft die Form des Porträts gewählt. Als filmisches Einzelporträt haben Sie das ihrer Großmutter und das von Hilmar Hoffmann angefertigt. Dabei haben Sie eine Form gewählt, die von der Fotografie geprägt ist. Was kann mit langen Einstellungen, ohne kommentierendes Voice-Over, sondern durch die Beobachtung mit der Kamera und einem oft getrennt aufgenommenen Originalton von einem Menschen erfasst werden?

Atmosphäre wird freigesetzt und nicht durch zu viel Überlagerung erstickt;
ein Gefühl für Person und Situation entsteht (Gefühl vs. Kopf);
keine Ablenkung vom Wesentlichen, Reduktion, pur sein;
Bild und Tonebene stehen auf Augenhöhe und sollen gleichermaßen bedient werden;
der Zuschauer darf sich konzentrieren und sich des Bildes genauso annehmen wie des Tons; so besteht die Hoffnung, dass man die Aura des Porträtierten spürt.

Quelle und ©: Anna Hepp
"Ich möchte lieber nicht" (2012)

Über das Porträt einer einzelnen Person hinaus interessieren Sie sich vor allem für den alten Menschen in seiner nächsten Umgebung? Auch ihr letzter Film von 2015 trägt den Titel "To the Old People of Porto Alegre". Was fasziniert Sie daran, diese Lebensphase filmisch zu erschließen?

"Was könnte denn dümmer sein, als Ungewisses für gewiss und Falsches für wahr zu halten? Ein alter Mensch ist insofern in einer besseren Lage als ein junger Mensch, als er das schon erreicht hat, was jener nur erhofft. Jener will lange leben, dieser hat schon lange gelebt. Die Stunden und Tage, die Monate und Jahre verrinnen, und weder kommt jemals die vergangene Zeit zurück, noch kann man wissen, was folgt. Man muss jeweils mit dem zufrieden sein, was einem an Zeit zum Leben vergönnt ist." - De senectute / Über das Alter, Cicero. Der Moment ist das einzige, was wirklich lebendig ist. Erinnerungszeichnen durch Mittel der Kunst konserviert diese Lebendigkeit.

Kommt es auch von der Fotografie, dass Ihre Filme eher den Momenten einer Begegnung gewidmet sind und weniger der Vorgabe folgen, eine vollständige Biografie zu liefern?

Die Fotografie ist ein Mittel aber keine Absicht...Filmbilder sind nun mal bewegte Einzelbilder. Deshalb sind meine Filme Fotografien und Ton, durch Montage in einen Rhythmus gebracht. Und trotzdem können sie über den Moment hinaus etwas erzählen.
Porträt ist für mich nicht Biografie. Biografien sind nicht mein Begehren. Schon gar nicht nach Vorgaben. Ich muss nicht liefern. Meine Filmarbeit ist bisher absolut freier Natur!

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