Ein Spiegel der Zeitgeschichte: Die deutsche Wochenschau

Titel

Ein Spiegel der Zeitgeschichte: Die deutsche Wochenschau
von Björn Seidel-Dreffke
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Die Geschichte des deutschen Films kann – wie die Geschichte des Kinos überhaupt – nicht erzählt werden, ohne eine Filmgattung besonders hervorzuheben, die heute aus dem öffentlichen Leben weitgehend verschwunden ist. Die Wochenschau, einst von immenser Popularität und Bedeutung, ist heute nur mehr ein historisches Kino-Phänomen, das als solches gleichwohl nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Wochenschauen waren Zusammenstellungen von "Aktualitäten" in unterschiedlichen Abfolgen und Akzentuierungen, jeweils in Abhängigkeit von politischen Konstellationen, propagandistischen oder marktwirtschaftlichen Interessen. Von den unterschiedlichen Bezeichnungen "Aktualitätenschau", "Woche", "Tonwoche"; "Wochenschau" hat sich Letztere schließlich im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Sie erschien einmal (selten zweimal) in der Woche als Beiprogramm vor dem Hauptfilm im Kino. Wochenschauen variierten in ihrer Länge, aber nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich eine Länge von 300 Filmmetern (ca. 10 min Spielzeit) durchgesetzt. Ursprünglich als wahrheitsgetreue Abbildung der Realität konzipiert, konnten Schnitt, Kameraführung, Bildwahl sowie später der Ton meinungsbildend wirken. Die Wochenschau ist damit nicht nur ein Spiegel der Zeitgeschichte eines Jahrhunderts, sondern gibt auch Auskunft über Herrschaftsverhältnisse, den Publikumsgeschmack sowie die Entwicklung filmkünstlerischer Mittel zur Massenbeeinflussung. Die traditionell abgebildeten, in ihrer Gewichtung variierenden Sparten waren: Politik, Wirtschaft, Militär, Technik, Kultur, Mode, Sport. 

Von den Anfängen bis zum ersten Weltkrieg

Beitrag "Boxendes Känguruh mit Mr. Delaware" des Wintergartenprogramms der Gebrüder Skladanowsky aus dem Jahre 1895
 

Die Anfänge der visuellen Präsentation bewegter Bilder, die später zur Wochenschau wurden, sind eng mit der Entwicklung des Mediums Film selbst verbunden. Zu Beginn wurden einzelne Ereignisse eher zufällig festgehalten. Erste Versuche in dieser Richtung unternahmen die Brüder Emil und Max Skladanowsky bereits 1895. Im Jahre 1896 ging Oskar Messter zur gewerbemäßigen Herstellung von Filmen über, die er als "Aktualitäten" verbreitete. Beispiele einer lokal ausgerichteten Aktualitätenschau lieferte 1897 Guido Seeber, der in Chemnitz und Umgebung filmte. Jedoch konnten sich diese Anfänge deutscher Aktualitäten nicht durchsetzen. Französische Produktionsfirmen überschwemmten den deutschen Markt. Ab 1910 erschien das "Pathé-Journal", welches zuerst in Paris und dann in allen europäischen Großstädten Verbreitung fand, auch in Deutschland. Später kamen weitere französische Produkte wie die "Éclair-Revue" und die "Gaumont-Actualités" in die Kinos. Als erste Wochenschau deutscher Produktion kann man die im März 1914 erstmals erscheinende "Eiko-Woche", die vom Pressekonzern August Scherl hergestellt wurde, bezeichnen. Jedoch erfolgte ihre Verbreitung erst noch zu langsam, um für die ausländischen Unternehmen eine echte Konkurrenz darzustellen.

Im Ersten Weltkrieg

Beitrag "Bilder vom westlichen Kriegsschauplatz" in "Messter-Woche" (Messter 40/1918) aus dem Jahr 1918
 

Mit Kriegsausbruch änderten sich die Konstellationen. Die nationalistisch ausgerichtete Propaganda duldete keine ausländischen Filme mehr. Der "Verband zur Wahrung gemeinsamer Interessen der Kinematographie" veranlasste einen Verbreitungsstopp aller nicht deutschen Produktionen. Nach Kriegsbeginn versuchten zunächst kleinere Firmen Wochenschauen zu produzieren ("Hubertus-Kriegswoche", "Nordisk authentische Weltkriegsberichte", "Kinokop-Woche"). Wirklich größere Erfolge waren aber lediglich der "Eiko-Woche" (1914-1918) und der "Messter-Woche" (1914-1922) beschieden. Allerdings wird man hier häufig umsonst nach Aufnahmen von der Front suchen. Es wurde eher ein idyllisches Etappenleben präsentiert. Ein unausgereifter Filmschnitt und eintönige Kameraführung sorgten nicht für den gewünschten Eindruck beim Publikum. Später versuchte man diesen Filmen durch feuilletonistische Zusätze einen interessanteren Zuschnitt zu geben. Im Jahre 1916 erfolgte die Errichtung einer Militärischen Film- und Photostelle, die 1917 umstrukturiert und fortan Bild- und Filmamt (Bufa) genannt wurde. Hier wurde nun die Herstellung der Wochenschauen für Propagandazwecke organisiert. Sieben eigene Filmtrupps wurden an die Front geschickt, um Aufnahmen zu machen. Des weiteren standen Militärparaden, Darstellungen des Kaisers und jubelnde Menschenmengen im Zentrum der Berichte.

Zwischen 1918 und 1933

Beitrag "Die dritte Königsberg" in "Emelka-Woche" (Emelka 18/1929) aus dem Jahr 1929
 

Friedenszeiten und eine neue politische Lage erforderten nun auch eine Umstellung der Berichterstattung. Die Propaganda trat zunächst in den Hintergrund. Man wollte aktuell berichten, aber auch unterhalten und neben der Politik das wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Leben im Lande abbilden. Neben der "Messter-Woche" erschien seit 1920 die "Deulig-Woche", die seit 1922 als "Deulig-Wochenschau" lief. Ab 1925 wurde die "Messter-Woche" von der "Ufa-Wochenschau" abgelöst. Die Ufa übernahm des weiteren ab 1927 die Produktion der "Deulig-Wochenschau". Diese Wochenschauen waren politisch rechtsnational orientiert. Ein Gegengewicht dazu bildete seit 1926 die SPD-nahe "Emelka-Woche". Die Wochenschauen der Frühzeit waren stumm mit auf Schrifttafeln eingeschnittenen Kommentaren. Eine neue Qualität erreichte die Wochenschauproduktion mit der Einführung des Tonfilms. Nun ergaben sich völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten: ein gesprochener Kommentar, Musik, Geräusche und eine Kombination aus unterschiedlichen Mitteln, die Aussagen auch entsprechend in einen gewünschten Kontext stellen und manipulieren konnten. Ab 1930 liefen folgende Tonwochenschauen in den Deutschen Kinos: die von der Ufa produzierten "Ufa-Tonwoche" und "Deulig-Tonwoche"; des weiteren die "Fox Tönende Wochenschau"; die "Emelka-Tonwoche" und die "Tobis-Wochenschau" (früher "Emelka-Bavaria-Wochenschau"). Man begann nun auch international einen Austausch von Nachrichtenfilmen. Es sollte auf diese Weise für die jeweilige Nation und deren Produkte geworben werden. Dabei bildeten sich auch darstellungstypisch bestimmte nationalspezifische Stereotype heraus (für Deutschland stand lange Zeit der Zeppelin). Innovativ waren auch ein neuer Frauentyp und Anfänge erotisch gefärbter Darstellungen.

Zwischen 1933 und 1945

Beitrag der "Ufa-Tonwoche" (UTW 311/1936) aus dem Jahr 1936
 

Die Nationalsozialisten sahen in der Tonwochenschau von Anfang an ein exzellentes, zweckdienliches Propagandainstrument. Seit 1935 kooperierten die in Deutschland laufenden Wochenschauen mit dem neugegründeten Deutschen Filmnachrichtenbüro, welches dem Propagandaministerium unterstand. Letzteres erließ obligatorische Richtlinien für die Wochenschaugestaltung. Waren die Wochenschauen in der Weimarer Republik noch weitgehend von der allgemeinen Vorzensur befreit, unterlagen sie seit 1934 einer verschärften Zensur. Lag die Präsentation von Wochenschauen ehemals im freien Ermessen der jeweiligen Kinobetreiber, so wurden sie ab 1938 zur Aufführung zwangsverpflichtet. Seit dieser Zeit wurde auch eine unterhaltsame Auflockerung der Wochenschauen untersagt. Eine auf Massensuggestion ausgerichtete Berichterstattung sollte die Deutschen für die Naziideologie empfänglich machen und gleichzeitig das Gefühl von Sicherheit, Tradition und Überlegenheit vermitteln. Im Jahre 1940 eröffnete in Berlin das erste Wochenschau-Kino, das täglich zwölfmal ein einstündiges Nachrichtenprogramm präsentierte. Neun weitere Aktualitätenkinos (AKI’s) folgten bis Kriegsende. Ab 1940 standen die Wochenschauen unter völliger NS-Kontrolle. Alle bisher in Deutschland laufenden Wochenschauen waren nun in einer einzigen Wochenschau ("Die Deutsche Wochenschau") zusammengefasst, die von der Ufa hergestellt wurde. Um die Naziideologie auch im Ausland zu verbreiten wurde die "Auslandstonwoche" (ATW) genutzt. Nach Kriegsbeginn wurden 18 verschiedene Sprachfassungen in 37 Länder exportiert. Zum Kriegsende hin mehrten sich die Durchhalteparolen, man verkaufte Niederlagen als Siege. Berichte von der "Heimatfront" wurden seltener. So fehlen beispielsweise in den Wochenschauen von Ende 1944 sogar die rührseligen Berichte über das Schmücken der Christbäume aus den vergangenen Jahren.

Nach 1945

Beitrag in "Die Deutsche Wochenschau" (DW 512/1940) aus dem Jahr 1940
 

Die Entwicklung der deutschen Wochenschau nach 1945 war zu Beginn vor allem von den jeweiligen Besatzungsmächten, später zunehmend von der Konfrontation zwischen beiden Blöcken geprägt. Die Spaltung Deutschlands führte dazu, dass sich in den von westlichen Alliierten besetzten Zonen (spätere BRD) mehrere Wochenschauen herausbildeten. In der sowjetisch besetzten Zone (spätere DDR) gab es bis zum Schluss nur eine Wochenschau. Die wachsende Konkurrenz durch das Fernsehen führte dazu, dass in der BRD 1986 und in der DDR 1980 die jeweils letzte Wochenschau in die Kinos kam. Heute dienen die Wochenschauen oft Fernsehsendern und Filmproduktionsunternehmen als historische Quellen. Das Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin verfügt über eine nahezu vollständige Sammlung deutscher Wochenschauen nach 1945, die der Öffentlichkeit für die unterschiedlichsten Zwecke zur Verfügung stehen. Ein Teil dieser Wochenschauen, u.a. "Welt im Film" und "Die Neue Deutsche Wochenschau" werden für gewerbliche Nutzungen auch bei der Deutschen Wochenschau GmbH in Hamburg vorgehalten. Für den Zeitraum 1939-1945 sind Wochenschauen im Bundesarchiv ebenfalls vollständig, für die Zeit vor 1939 in großer Dichte überliefert. Gemeinsam mit verschiedenen Rechteinhabern betreibt das Bundesarchiv ein Projekt zur digitalen Aufbereitung von Wochenschauen für das Internet.

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