Monika Treut

Monika Treut

Darstellerin, Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Ton, Sonstiges, Produzent
*06.04.1954 Mönchengladbach

Das Queer Cinema und die Bedeutung lesbisch-schwuler Filmfestivals

Quelle: DIF

"Verführung: Die grausame Frau" (1985)

Quelle: DIF

"Die Jungfrauenmaschine" (1988)

Quelle: DIF, Foto: Elfie Mikesch

"Gendernauts" (1999)

Quelle: Filmwelt, DIF

"Kriegerin des Lichts" (2001)

Quelle: Hyena Films

"Den Tigerfrauen wachsen Flügel" (2005)

Quelle: 59. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

"Ghosted" (2009)



Monika
Treut im Interview mit Skadi Loist



Monika Treut ist queere Filmemacherin der ersten
Stunde
und als bekennende Wahlhamburgerin langjährige
Freundin der Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg
(LSF). Mit ihren bahnbrechenden, bisweilen kontrovers
aufgenommenen Filmen hat sie die Welt der Filmfestivals
bereist. Sie hat ihre Filme auf den LSF präsentiert,
Filmemacher/innen und Gäste wie Susie Bright und Elle
Flanders in Filmtalks vorgestellt und die 19. Lesbisch
Schwulen Filmtage Hamburg eröffnet. Wer wäre also besser
geeignet, um über Geschichte, Trends, Entwicklungen
und Zukunft des queeren Kinos und die Bedeutung
LesBiSchwuler Filmfestivals zu reden?



Skadi Loist: Monika, die Lesbisch Schwulen
Filmtage
Hamburg werden 20. Das ist doch ein guter Grund,
mit dir über die Geschichte des queeren Films und LesBiSchwuler
Festivals zu reden. Die LSF fanden das erste Mal im Sommer 1990 statt.
Deine eigene Beziehung zum queeren Film und zu queeren Filmfestivals
geht aber noch
weiter zurück. Was sind deine Erinnerungen an die frühe
Zeit des queeren Kinos und der LesBiSchwulen Festivals?

Monika Treut: 1985, also vor fast einem
Vierteljahrhundert,
habe ich die amerikanischen Festivals mit
dem Film "Verführung: Die grausame Frau" zum ersten Mal
betourt: Frameline in San Francisco, den Vorläufer von
Outfest in L. A. – was damals noch Los Angeles Lesbian
and Gay Film Festival hieß – und das New York Gay Film
Festival (den Vorgänger vom heutigen NewFest, dem New
York LGBT Film Festival).


Die queeren amerikanischen Festivals haben mich
damals sehr ermutigt, bestärkt und aufgebaut. Denn in
Deutschland gab es noch viel Unverständnis. Das Spiel
um sadomasochistische Phantasien, eine lesbische Domina
als Hauptfigur, passte noch nicht ins deutsche Kulturklima
der 1980er Jahre.



Die Regisseurin und Kamerafrau Elfi Mikesch,
meine
damalige Partnerin, und ich haben "Verführung: Die grausame
Frau" zusammen produziert, Koregie gemacht und
auch das Drehbuch zusammen geschrieben. Wir sind in
Deutschland für den Film heftig kritisiert worden und
hatten eine skandalumwobene Premiere auf der Berlinale
– damals noch im Forum, weil das Panorama noch
nicht existierte –, wir wurden richtig abgeschlachtet. Es gab ein
Massen-walkout, der Film war ausverkauft im Delphi Filmpalast, und es
kamen dann immer noch Leute,
die vorher keine Tickets gekriegt hatten, rein, wenn
andere rausgingen. Es war sehr turbulent, und dann gab
es eine sehr aggressive Diskussion. Das war für Elfi und
mich schon sehr schwierig. Die deutschen Teilnehmer/innen der Berlinale
haben uns gemieden, wir waren das
"Duo Infernale", und es war auch erst mal kein Verleih
in Sicht. Wir wurden komplett geschnitten, auch von der
deutschen Presse, aber plötzlich kamen zwei Journalisten
von der traditionsreichen amerikanischen queeren Zeitschrift
"The Advocate" auf uns zu und meinten: "Super Film!
Hat uns sehr gefallen. Wir haben auch schon einen positiven
Artikel geschrieben, der Film wird sicherlich auf viele
Festivals eingeladen." – "Ach so, ja?", dachten wir. Wir
waren ja ein bisschen naiv damals, wir hatten einfach den
Film gemacht, den wir machen wollten, und gar keine Zeit
gehabt, uns Gedanken zu machen, wer denn die Zielgruppe
ist.

Tatsächlich regnete es internationale
Festival-Einladungen,
auch Toronto, Montreal, Kapstadt, Sydney, Edinburgh
zeigten ihn. Aber die enthusiastischsten waren die
gay & lesbian festivals in den USA. Zuerst ging es nach
L. A., und bei der Queer Community dort war der Film
plötzlich zu Hause und wurde direkt verstanden. Frameline
in San Francisco war unmittelbar danach. Auch dort
eine vollkommen andere Aufnahme von "Verführung" als in
Deutschland. Der Camp-Aspekt kam an, der Film wurde
nicht tierisch ernst genommen. Der schwule Kritiker der
L.A. Times schrieb: "Sacher-Masoch meets Andy Warhol."




Man könnte also sagen, dass euer Film für Deutschland
seiner Zeit 5 bis 10 Jahre voraus war, während er in
den USA gut ankam. In Deutschland gab es erst 1987 auf
der Berlinale den Teddy, den ersten schwul-lesbischen
Filmpreis. Das war für euren Film zwei Jahre zu spät.



Als Manfred [Salzgeber] dann seine Panorama-Schiene
zusammen mit Wieland [Speck] aufgebaut hat, veränderte
sich das Klima so ganz langsam auch hier. Aber für
1985 waren wir noch viel zu shocking.
"Verführung: Die
grausame Frau" war ein großer Erfolg
in den USA, und ein paar Jahre später kamen dann noch
zwei Filme. 1988 ist "Die Jungfrauenmaschine" entstanden,
gefolgt 1991 von "My Father is Coming". Diese Filme, teilweise
in den USA gedreht, haben eine bestimmte queere
Subkultur nach Deutschland transportiert. Hat das funktioniert?



Die Uraufführung von "Die Jungfrauenmaschine" beim
Festival in Hof im Herbst 1988 war im Grunde eine Wiederholung
des Berlinale-Erlebnisses mit "Verführung: Die
grausame Frau". "Die Jungfrauenmaschine" hatte schon
Festivaleinladungen nach San Francisco, nach Toronto,
nach Montreal bekommen. Der deutsche Verleih des
Films wollte gerne eine Uraufführung in Hof haben, und
der Festivaldirektor, der bewährte Heinz Badewitz, platzierte
"Die Jungfrauenmaschine" auf dem prominentesten
Platz: Samstagabend 20 Uhr im großen Kino. Ich ahnte
schon, dass das nicht gut geht, dass das Hofer Publikum
– deutsche Kinomacher und Verleiher – nicht das Zielpublikum
ist. Sie sind dann auch unter großem Protestgeschrei
rausmarschiert und riefen: "Das ist der schlechteste
deutsche Film, den wir je gesehen haben!" Am Ende
kam Heinz Badewitz unerschrocken mit riesigen Blumensträußen
auf die Bühne und versuchte den Bayerischen
Rundfunk daran zu hindern, die leeren Stuhlreihen zu
filmen. Es gab wütende Kritiken. Unter anderem schrieb
ein Kritiker in der Zeit: ""Die Jungfrauenmaschine" vernichtet
das Kino." Es sprang dann noch der deutsche Verleih
ab, und ich wollte nur noch weg aus Deutschland.

Währenddessen
hatten sich in den USA mehrere Verleiher um
"Die Jungfrauenmaschine" gerissen. Ich konnte also auswählen,
wen ich nehme. "Die Jungfrauenmaschine" kam
super gut an. Auch in Toronto, er war dort Eröffnungsfilm
der Internationalen Reihe. Dann habe ich gedacht: "So,
jetzt gehe ich nach Amerika!", und habe mir eine Wohnung
in New York gesucht und dort das Dehbuch für "My
Father is Coming" geschrieben. Auch im Nachhinein war
das eine gute Entscheidung. Ich hab dann von 1989 bis
1992 in New York gelebt und dort zwei Filme gemacht.



Und in der Zeit, als du dann hauptsächlich in den
USA lebtest, warst du da zwischendurch auch immer mal
wieder in Hamburg?



Nur zur Erholung.



Und hast du da irgendwas mitgekriegt von den Anfängen
der Lesbisch Schwulen Filmtage?

Nicht wirklich.
Ich war ja nur im Sommer, wenn es
zu heiß und stressig in New York wurde, sozusagen zur
Kur in Hamburg. Im Herbst bin ich wieder zurück nach
New York. Ich hab tatsächlich die Anfänge der Lesbisch
Schwulen Filmtage nicht mitbekommen.




1993 warst du dann aber dabei. Zwei Teile aus der
Kompilation "Female Misbehaviour" – "Dr. Paglia" und "Max"
– sind bei den LSF gelaufen. "Max" lief in der Reihe zum
Schwerpunktthema Transsexualität, "Dr. Paglia" vor der
Filmperformance "All Girl Action" von Susie "Sexpert"
Bright. In dieser und einer weiteren Show ("How to Read
a Dirty Movie") hast du Susie Bright vorgestellt und mit
Übersetzung unterstützt.


Ich erinnere mich noch, dass es da ziemlich heftige
Diskussionen gab. Susie zeigte und kommentierte ihre
Diashow über Pornographie. Und mischte darin Beispiele
aus lesbischer, schwuler und heterosexueller Pornographie.
Susie hat das in ihrer amerikanischen Art unterhaltsam
und witzig präsentiert, und ich glaube, dass das deutsche
Lesbenpublikum damals noch nicht vorbereitet war,
Pornographie mit Witz und Humor zu verbinden.
Zwei
Jahre später, 1995, hast du bei den LSF wieder
geholfen. Du hast die amerikanische Filmemacherin
Michelle Handelman und ihren Film "Bloodsisters", über
die lesbische S/M- und Leder-Community, vorgestellt.


Mit Michelle und einigen ihrer Protagonist/innen
hatte ich mich in San Francisco angefreundet. Das war ein sehr schöner
Abend im Alabama-Kino, Michelle hat ihn damals auch sehr genossen.


Nach deinen Spielfilmen Anfang der 1990er hast du
eine Reihe von Dokumentarfilmen gemacht, die sich mit
devianter Sexualität und Identitäten auseinandersetzen.
"Didn’t Do It for Love" über Eva Norvind. Einige Jahre später,
1999, kam dann dein Dokumentarfilm "Gendernauts"
raus, der zu einem absoluten Klassiker geworden ist und
auch heute noch gern von Queer-Theory-Studierenden
geguckt wird.


Nicht nur von denen. Ich bekomme immer
noch
Briefe von Trans-Menschen aus allen möglichen Ländern,
denen "Gendernauts" geholfen hat, sich in ihrem Leben zu
orientieren. Es war auch ein großes Vergnügen, diesen
Film zu drehen. Die Gendernauten sind von selbst auf
mich zugegangen – ich musste als Filmemacherin nicht
um ihr Vertrauen betteln, sondern durch den Kurzfilm
"Max" hatte ich bereits ihr Vertrauen und ihre Zuneigung
gewonnen.



Fünf Jahre nachdem bei den LSF 1993 Transsexualität
thematisiert wurde, war Transsexualität/Transgender
erneut ein Schwerpunkt des Festivals. Es waren z. B Hans
Scheirl mit "Dandy Dust" und Kristiene Clarke mit einem
Filmprogramm, u. a. mit "Sex Change, Shock! Horror!
Probe!", zu Besuch. Im selben Jahr lief auch "The Brandon
Teena Story" auf der Berlinale und den LSF. Ein Jahr später,
1999, erschien "Boys Don’t Cry", für den Hilary Swank einen
Oscar bekam. In diesen Zeitraum fällt auch "Gendernauts".
War dieses Thema gerade im Mainstream angekommen?




Transsexualität lag damals in Amerika sehr
stark
in der Luft, und hierzulande wurde es dann von
Festivals wie eurem – da ihr auch immer schon avantgardistisch
wart – schon recht früh aufgenommen. Wobei
"Gendernauts" noch einen Schritt weiter gegangen ist.
Im Film wird ja der Aspekt von "transgender" thematisiert,
also nicht nur das Überwechseln von der einen Gender-
Identität in die andere, sondern es geht auch um die große
Bandbreite des Dazwischen, also sich zwischen den Polen
männlich und weiblich zu bewegen. Außerdem weist
der Film, ohne die Schwierigkeiten der Veränderungen zu
leugnen, auf geglückte Formen von Transgender-Identität
hin, er zeigt auch eine Utopie auf. Anfang der 1990er Jahre
war das Wissen noch viel weniger ausgeprägt.

Als wir
1992 den Kurzfilm "Max" drehten, war das eins der ersten
Porträts eines "female-to-male"-Transsexuellen (FTM). Für
mich war das alles auch noch neu. Annie Sprinkle, die damals noch in New
York lebte und einmal im Monat in ihrem "Sprinkle-Salon" eine
Unterstützer-Gruppe für FMTs organisierte, lud mich ein. Für mich war
das sehr faszinierend,
FMTs und ihre Angehörigen kennen zu lernen
und ihre Geschichten zu erfahren. Es war schon mindblowing,
diese bärtigen, muskulösen Transmänner zu erleben
und zu erfahren, dass keiner von ihnen als Mann
geboren war. Max kannte ich schon aus San Francisco, als
er noch eine Lesbe war und Anita hieß. Und dann erzählten
mir Freundinnen aus San Francisco: "Weißt du, was
Anita jetzt macht?" Das war so in derselben Zeit. Dann
hab ich mit Anita/Max telefoniert. Da war Max so in der
ersten Phase, und ich habe ihn eingeladen, nach New
York zu kommen und seine Veränderungen filmisch zu
dokumentieren. Das war für mich auch ein spannender
Lernprozess. (Max hat übrigens vor drei Jahren ein fantastisches
Buch über seine Transformation veröffentlicht,
"The Testosterone Files: My Hormonal and Social Transformation
from Female to Male".)

Nachdem deine früheren Filme
meist ihrer Zeit voraus
waren – in einem Interview mit Tobias Nagl hast du
mal gesagt, deine Filme verhalten sich eben "antizyklisch
zum Zeitgeist" –, könnte man jetzt provokant sagen, mit
"Gendernauts" war dein Schaffen mal zeitgleich mit der
Diskussion zusammengekommen. Ist deswegen dann so
etwas wie eine Pause in der queeren Thematik in deiner
Arbeit entstanden? Oder war das Zufall?




Das hatte mehrere Gründe. Zum einen hatte ich
das Gefühl, durch die lange intensive Beschäftigung mit
Transgender-Identitäten war mein Bedürfnis nach Auseinandersetzung
erst mal gesättigt. Zum anderen war ich im
selben Jahr auf einer längeren Festival-Tournee mit "Gendernauts",
außer bei den queeren Festivals von Turin, São Paulo, Frameline in San
Francisco und Outfest in L.A. unter anderen bei den internationalen
Filmfestivals wie Vancouver
und The Hamptons. Die Erfahrungen auf der Reise
haben mich in eine neue Richtung blicken lassen.

1999
war auch das Jahr der digitalen Revolution. Es gab überall
Workshops über digitales Kino. "The Blair Witch Project"
war im selben Jahr rausgekommen, und viele Filmemacher
fingen plötzlich an, mit kleinen Digitalkameras zu
arbeiten, und hofften, sie machen jetzt das nächste "Blair
Witch Project" für 10.000 Dollar und nehmen dann 20
Millionen ein. Überall blitzten die Dollarzeichen in den
Augen. Die Festivals kommerzialisierten sich, es war auch
der Beginn der Finanz- und Immobilienblase. Die Mieten
in Kalifornien und New York stiegen. Ich habe die Zeichen
der Zeit da schon ein bisschen gesehen, als Vorschein von
dem, was sich jetzt erst im letzten Herbst (2008) in der
Finanzkrise entladen hat. Da habe ich noch mal so eine
Art linke Politisierung erfahren.

Und genau zu dieser Zeit
lernte ich über eine gemeinsame Freundin in New York
die brasilianische Menschenrechtlerin Yvonne Bezerra
de Mello kennen, die ein bahnbrechendes Projekt mit
Straßenkindern in den Slums von Rio de Janeiro initiiert hatte und mich
einlud, darüber eine Dokumentation zu
machen. Glücklicherweise konnte ich sofort nach Brasilien
reisen, weil Mix Brasil mich zu einer Retrospektive einflog,
sodass ich einen Abstecher nach Rio machen konnte
und Yvonnes Projekt, Projeto Uere, vor Ort anschauen
konnte. Projeto Uere hat mich so überzeugt, dass ich es
dokumentieren wollte. Dann habe ich in Rio ausgiebig
recherchiert, und 2000/2001 haben wir daraus "Kriegerin
des Lichts" gemacht. Einen Film, auf den ich besonders
stolz bin, denn er hat viel Unterstützung für Projeto Uere
mobilisiert und mitgeholfen, dass das Projekt weiterhin
Hunderten von Kindern eine Lebensperspektive geben
kann. Ich bin auch immer noch mit dem Projekt verbunden
und habe eine Patentochter dort.
Nach Brasilien
beginnt dann ein neuer thematischer
Abschnitt in deinem Filmschaffen, die Faszination für
Taiwan. Es entstehen zwei Dokumentarfilme: "Made in
Taiwan", eine Fernsehdoku für die 3sat-Reihe "Mädchengeschichten",
und "Den Tigerfrauen wachsen Flügel".

Wie oft bei
mir, ist diese neue Perspektive durch eine
Filmfestivalreise inspiriert worden: eine Einladung nach
Taiwan zum Women Make Waves Festival, das 2002 eine
Retrospektive meiner Filme zeigte. Es waren faszinierende
zehn Tage, in denen ich sehr viel erlebt und viel über diese
mir bis dahin weitgehend unbekannte Kultur gelernt
habe. Am Ende meines Aufenthalts hat mir der dortige einzig
öffentlich-rechtliche Fernsehsender angeboten, für ihn einen
Dokumentarfilm über Taiwan sozusagen mit
den Augen einer Fremden zu machen.



Wie kam es dann, dass du mit diesen neu gefundenen
Taiwanwurzeln dann doch wieder den Bogen zurückgeschlagen
hast zu queeren Themen – zuletzt mit deinem
aktuellen Spielfilm "Ghosted", der zwischen Hamburg und
Taipeh spielt? Kam da sozusagen Monika Treuts queerer
Kern doch wieder durch?


Tja, vielleicht in meiner Identifikation mit Taiwan,
mit einem Land, das um seine Identität kämpft im Schatten
des großen China. Und einer Kultur, die in Aufbruchstimmung
und in ständiger Veränderung begriffen ist.
Die traditionelle taiwanische Kultur ist konfuzianisch
und familienorientiert. Da gibt es große Spannungen.
Und dieser Reibungspunkt ist sehr interessant. Du findest
dort extreme Gegensätze, findest eine richtig gute
Queer Community, du findest auch Lesbenbars in Taipeh
– also sogar drei, mehr als in Hamburg sozusagen.
Dann hast du aber das andere Extrem, dass die Lesben
und Schwulen nicht geoutet sind den eigenen Familien
gegenüber. Sodass wirklich Parallelwelten existieren, obwohl
es in der gesellschaftlichen Realität eigentlich sehr
offen ist. Es gibt in Taiwan als einem der ganz wenigen
Länder in Asien eine Gay Parade, wo auch der Bürgermeister
mitmacht.

Wenn du jetzt noch mal rückblickend in
einem größeren
Bild sagen solltest, was die Tendenzen des Queer
Cinema gewesen sind, was ist dir aufgefallen, was fandest
du spannend, was war eher schwierig?

Die Entwicklung
hat sich über die Zeit und die Zeittendenzen
immer wieder geändert, was ja auch schön ist.
Ich fand die queeren Filmfestivals z. B. als Ausdruck einer
Bewegung immer besonders spannend, wenn sie auch
eine mission hatten. Z. B. in der Zeit, als in Amerika das
Bewusstsein für HIV stärker nach vorne kam, hatte das
auch eine viel stärkere Politisierung für das Queer Cinema
zur Folge, und es war im Grunde auch eine Plattform, um
politische Veränderungen nach vorne zu treiben. In solchen
Zeiten, wo sich quasi der politische Zeitgeist und die
befreiende Seite der Queer-Bewegung stärker berühren,
finde ich meistens auch die Produktionen interessanter
und lebendiger. Im Austausch zwischen Zuschauer/innen
und Filmemacher/innen passiert einfach mehr, da werden
mehr Kontakte geknüpft, da geht’s vom Filmscreening
dann auch wieder weiter in andere Bereiche.
Und ich denke mal, dass es für jedes Land natürlich einen
anderen Rhythmus gibt, aber in einer gewissen Weise
ist es eigentlich in allen Ländern und Kulturen ähnlich. Je
stärker Queer Cinema an einen politischen Zeitgeist angebunden
ist, desto spannender sind eigentlich auch die
Filme und die Festivals. Wenn es nur darum geht, Nabelschau
zu betreiben, finde ich es nicht so interessant.




Könntest du da einige Beispiele nennen, an die du
dich erinnerst?

Ich denke an die Zeit Ende der 1980er,
Anfang der
1990er Jahre. Ende der 1980er ist in Amerika das Bewusstsein
um HIV richtig nach vorne gekommen. Das fing
durch die Filme schon früher an, z. B. "Parting Glances" etc.
Da waren die Filme wirklich Medien, um sich zu verständigen,
um Schmerz auszuleben, gemeinsam zu trauern,
neue Konzepte zu entwickeln. Das war besonders stark in
der Zeit in New York, als ACT UP sich gebildet hat. Das
waren eigentlich die berührendsten Festivals und auch,
das war ja in Amerika immer ganz schön, dieses Angebundensein
an den Gay Pride March. Ich bin ja nicht jemand,
der nahe am Wasser gebaut ist, aber ich stand im Village
und hab Rotz und Wasser geheult. Gay Pride war ein
Schweigemarsch von HIV-Infizierten, den Freunden, zum
Teil auch den Eltern, die sich zum ersten Mal richtig zu
ihren Kindern bekannt haben. Ein bewegendes Manifest
gegen die finsteren Jahre der Reagan-Politik, die ja absolut
nichts getan hat, um etwas zu verändern. Eine Demonstration,
die sagte: "Wir sind viele, und wir nehmen das
nicht hin, was uns hier geboten wird!" Das war sehr beeindruckend;
das werde ich nie vergessen, ich habe in der
Zeit ja auch viele Freunde verloren.

Was ist seitdem
passiert?

Aus meinem eingeschränkten Blickwinkel kam
mir
das Jahr 1999 wie ein Spaßjahr vor, vor allem in Los Angeles.
1999 fand ich schon fast, dass die Filme zu harmlos
wurden. Viele romantische Komödien und dating movies,
auch grade bei den schwulen Filmemachern. Da gab es
einen Abschlussfilm vom Outfest. Das war eine schwule
Dating-Komödie, die war bei den Männern sehr populär,
und ich erinnere mich noch daran, dass ich mit
meiner alten Freundin Greta Schiller im Anschluss auf
der Abschlussparty war. Greta und ich kommen also dahin
und denken: "Huch, was ist denn hier los?" Es waren
nur Hunderte von schwulen Männern da, und wir haben
dann mit Mühe und Not noch irgendwo am Rande zwei
Tischchen mit Frauen entdeckt. Das war sehr eigenartig,
dass es auch gendermäßig total separat auseinanderlief.
Und das fanden wir beide nicht so richtig gut. Ich würde
das mit Schlagworten benennen wie Kommerzialisierung,
Entpolitisierung und Gusto-Filme.

Meinst du, wir sind
immer noch in dieser Phase drin,
oder tut sich was?

Ich denke, wir haben jetzt auf
jeden Fall eine größere
Vielfalt und viel mehr Produkte. Das ist ja immer zu begrüßen.
Wir haben jetzt eigentlich mehr von allem. Wir
haben mehr unterhaltsame Filme, kommerzielle Filme,
experimentelle Filme, wir haben auch eine Differenzierung
unter den Dokumentarfilmen mit viel größerer Themenvielfalt,
wenn man das vergleicht mit den Anfängen
von vor 25 Jahren.




Zum 15. Jubiläum der LSF 2004 gab es
eine Podiumsdiskussion
zum Thema "Was wird aus dem Queer Cinema
im 21. Jahrhundert?", an der – neben Filmemacher
Jochen Hick, LSF-Programmer Joachim Post, Filmjournalist
Axel Schock, Björn Koll von Edition Salzgeber und
Moderatorin Manuela Kay – auch du beteiligt warst. Die
Zukunftsprognosen fielen damals eher negativ aus. Was
würdest du heute zur Zukunft des Queer Cinema sagen?

Wo
wir hingehen, das kann ich dir nicht sagen. Also
ich wünsche mir immer noch eine andere Politisierung.
Ich wünsche mir auch ein bisschen mehr Wissen der Zuschauer/innen über
Vertriebswege und über die Produktionsweisen.
Das ist ja auch schon viel besser geworden,
und da habt ihr beim Festival hier auch eine ganz tolle
und wichtige Rolle, indem ihr auch Workshops macht und
Publikumsgespräche. Davon kann es eigentlich nicht
genug geben. Das ist in Amerika stärker ausgeprägt, dass
die Leute mehr Bescheid wissen, was Produktion ist. In
Deutschland wundere ich mich oft, wie wenig Ahnung
das Publikum darüber hat, wie Filme hergestellt werden,
wie ein Film ins Kino kommt oder was es bedeutet, wenn
ein Mainstreamfilm mit 500 Kopien ins Kino kommt, im
Gegensatz zu einem Independentfilm, der vielleicht mit
10 Kopien anläuft. Wie Kinos gebucht werden, wie Artikel
in Zeitungen kommen, wie Anzeigen geschaltet werden,
also dieser ganze Apparat. Da ist in Deutschland relativ
wenig Wissen vorhanden.


Ich finde es wichtig, eine bewusste Konsumentenhaltung
zu haben. Da berührt sich der Filmbereich mit dem
allgemeinen Bereich, wie man sich in der Gesellschaft verhält.
Dass man Bescheid weiß, wo das Essen herkommt,
wo die Filme herkommen. O.k., natürlich kann man heute
Filme aus dem Internet runterladen, man kann auch
die Piratenpartei mal fragen, wie sie das Copyright behandeln,
ob es nicht zu Lasten der Künstler/innen geht,
wenn sie Filme zum freien Download anbieten. Ich finde
es auch wichtig zu wissen, was z. B. unsere Fernsehanstalten
für eine Rolle spielen, und sie zu erinnern an ihren
öffentlich-rechtlichen Auftrag. Es wäre schön, wenn das
zum Allgemeinwissen gehören würde, und das wird in
Deutschland noch eher als Spezialwissen behandelt.



Zum Abschluss eine Frage, die du wahrscheinlich
schon 20 Jahre lang gehört hast. Brauchen wir heute noch
queere Filmfestivals?


Ich denke, zurzeit mehr denn je sogar. Vor allem in
Ländern, in denen Homosexuelle immer noch verfolgt
werden, wie Indonesien, wo das Q! Film Festival eine sehr
mutige Arbeit macht. Das ist ein ganz anderes wichtiges
Thema. Aber auch bei uns, in unseren so genannten freiheitlich-
westlichen Demokratien, brauchen wir heute immer
noch queere Filmfestivals. Das hängt mit anderen unschönen
Dingen zusammen. Z. B., dass auch in unserem
Land die Programmkinos immer weniger werden, dass die
Vertriebswege komplizierter werden, dass wir eine Monokultur
haben im Unterhaltungsindustriebereich und
dass bestimmte Produkte eben ohne solche Orte, die da
geschaffen werden, gar kein Publikum, also keine Öffentlichkeit
mehr finden. Ich denke, das liegt tatsächlich im
Bereich Stichwort Kinosterben, Stichwort Kommerzialisierung
und Mainstreamisierung der öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten. Es ist extrem wichtig, wieder Filme
zeigen zu können, die in diesen kommerzialisierten Schienen
keinen Ort finden. Das ist das eine. Und das andere,
was ja auch zurückgeht in der Konsumentenkultur, die
wir haben, ist der gemeinsame Austausch. Die Leute sitzen am Computer
und gucken sich da ihre DVDs an, die
Vereinzelung also von der Rezeptionsseite, die schreitet ja
auch unglaublich voran. Und diese lebendigen Orte von
Öffentlichkeit, Austausch, Diskussion, Kennenlernen,
Netzwerke bilden, das ist ein ganz wichtiger Faktor. Den
können im Filmbereich heutzutage fast nur noch Festivals
bieten. Von daher finde ich queere Festivals extrem
wichtig.

Das ist sicher trotz voranschreitender
DVD-Vermarktung
wirklich der Punkt: dass Leute den Austausch aktiv
suchen.

Ja. Also das habe ich grade bei eurem
Festival wieder
erlebt. Da habt ihr auch ganz tolle Arbeit geleistet. Das LSF
ist ja wirklich ein wunderbares Publikumsfestival, das für
viele ein Highlight des Jahres ist. Es gibt ja sogar etliche
Zuschauer/innen, die sich jedes Jahr eine Woche frei nehmen,
um euer Festival voll genießen zu können. Das ist
wirklich grandios. Ein größeres Kompliment kann man
eurem Festival eigentlich gar nicht machen.


Quelle: Dorothée von Diepenbroick
& Skadi Loist (Hrsg.): bild:schön. 20 Jahre Lesbisch Schwule
Filmtage Hamburg. Hamburg: Männerschwarm Verlag, 2009.