Die Buntkarierten

Die Buntkarierten

Deutschland (Ost) 1948/1949, Spielfilm

Kurt Maetzig im Gespräch mit Günter Agde


Kurt Maetzig: Filmarbeit, Berlin/DDR, Henschel, 1987

K.M.: In diesem Film ist ja – ich möchte sagen – in ein bißchen volksstückhafter Vergröberung mit vielen optischen Übergängen und Anknüpfungen gearbeitet worden: Füße, die gehen, blenden auf Füße, die eine Nähmaschine treten, über. Ein Feuerwerk geht in ein Kriegsbombardement über, noch durch ein Textwort unterstrichen: "Das war aber diesmal ein dolles Feuerwerk!" usw. Solche Sachen sind zum Stilmittel erhoben, um Verknüpfungen zu schaffen zwischen Szenen, die eigentlich getrennte Genrebilder sind. " Die Buntkarierten" eigentlich ein richtiger Bilderbogenfilm. Das sind 17 Genre-Szenen, sie könnten ganz streng nebeneinandergestellt werden, so daß jeder das merkt. Aber sie sind durch diese Übergänge gleitend verbunden, und der Zuschauer glaubt, das ganze Leben dieser Guste von der Wiege bis zum 65. Lebensjahr miterlebt zu haben. Diese Art von Übergängen sind Mittel der Montage. Die Montage kann ja ganz verschiedene Funktionen ausüben, sie kann trennen und vereinen, sie kann kontrastieren und deuten, sie kann Zusammenhänge aufdecken und zerreißen usw. Hier, in den "Buntkarierten", ist sie benutzt worden, um eine an sich sprunghaft vorgetragene Erzählung zum Fließen zu bringen. Außerdem scheint es mir, daß sich in diesem Film das neue Verhältnis zur Wirklichkeit besonders stark in der Montage ausdrückt. (…)

G.A.: Gerade dieser Film – im Gegensatz zu vielen Ufa-Filmen – gestaltet die sozialen Motive und die soziale Grundierung jeder Figur hervorragend. Sozusagen ist der Charakter jeder Figur auch Ausdruck ihres sozialen Fundaments, dabei außerordentlich differenziert und auch mit – so haben Sie mal gesagt, und ich glaube, das ist ein treffender Ausdruck – viel Herz. Keine Figur wird auch nur im geringsten preisgegeben. Die Handlung wird durch ihre genaue soziale Einordnung und durch dieses "mit viel Herz" wirklich eine ganz liebenswerte Geschichte.



K.M.: Ja, das ist der Autorin Berta Waterstradt zu verdanken. Und "Herz" ist doch etwas anderes als Sentimentalität. Ich werfe dem Film "Ehe im Schatten" nicht total Sentimentalität vor, der Film hat ja ein ganz ernstes, tiefes und tragisches Schicksal zum Inhalt. Nur in der Ausführung liegen diese gewissen Schwächen, die ich meine, das Sentimentale. Aber "Die Buntkarierten" hat erfreulicherweise, so scheint es mir, diesen Fehler vermieden, hat wirklich Herz. Ich zog damals die Lehre daraus. Wenn man das sentimentale Spiel aus dem Film verbannt, braucht man dabei doch keinen Verlust an Herzlichkeit und Emotionalität zu fürchten. Ganz im Gegenteil, das vertieft noch die Wirkung. (...)

Irgendein Kritiker hat mir mal bescheinigt, ich hätte mit meinen Filmen manche Tür aufgestoßen. Schon im ersten Film war klar, daß da etwas Neues gesagt wurde. Aber in dem zweiten Film, in den "Buntkarierten", eben auch. Das ist doch ein Versuch gewesen, das Volksstück – wenn Sie wollen: das Berliner Volksstück mit Musik und Tanz, denn das kommt beides in den "Buntkarierten" nicht zu kurz - neu zu sehen, neu zu definieren und mit künstlerischer Qualität zu bereichern durch diese Präzision und Richtigkeit des sozialen Blickes und der sozialen Bezüglichkeit. Das Volksstück aus kleinbürgerlicher Familien- und Freundschaftskreisbegrenzung zu lösen und es mit dem Gang der Geschichte zu verknüpfen und die Geschichte ganz aus der Sicht der Arbeiterklasse zu sehen. Das ist eine ganz wichtige Sache gewesen. Ich finde, da könnten sich einige von Berta Waterstradt eine Scheibe abschneiden, die heute Fernsehlustspiele machen und dabei, was ich sehr bedaure, in die Kiste der alten, kleinbürgerlichen Possen, Requisiten und Klamotten, Gags hineingreifen, die ich alle schon kenne. Da treten mir angebliche Sozialisten entgegen, in Wirklichkeit sind es lauter verkleidete Kleinbürger. Da macht mich sehr bedenklich.

© Günter Agde