Free Rainer - Dein Fernseher lügt

Free Rainer - Dein Fernseher lügt

Österreich / Deutschland 2006/2007, Spielfilm

"Der Tod des Kinos"

Quelle: DIF, Foto: Horst Martin

Hans Weingartner im filmportal.de-Interview

Quelle: DIF, Foto: Horst Martin

Hans Weingartner im filmportal.de-Interview

Quelle: Kinowelt, DIF, Foto: Amélie Losier

Moritz Bleibtreu in "Free Rainer - Dein Fernseher lügt"

Quelle: DIF, Foto: Horst Martin

Hans Weingartner im filmportal.de-Interview


In
seiner Satire "Free Rainer – Dein Fernseher lügt" lässt Hans
Weingartner einen TV-Manager gegen das eigene Programm rebellieren. Im
Interview mit filmportal.de spricht der Autor und Regisseur über die
Bedrohung des Kinos in einer konsumorientierten Medienlandschaft, die
veränderten Sehgewohnheiten des Publikums und die Notwendigkeit, weiter
zu träumen.


filmportal:
In "Free Rainer" wird das Fernsehen als "Verdummungsmaschine" auf
satirisch überspitzte Weise scharf angegriffen. Zerstört das Fernsehen
das Kino?

Hans Weingartner: Da besteht auf jeden
Fall ein Zusammenhang. In keinem Land der Welt kannst Du so viele
Spielfilme im Fernsehen sehen, wie in Deutschland. Ich glaube, wenn wir
das öffentlich-rechtliche Fernsehen abschaffen würden würde das auf
jeden Fall helfen. Fernsehen ist der Tod des Kinos, es okkupiert mit
Schlagworten wie "TV Movie" und "Montagskino" den Platz des Kinos. Es
zerstört das Kino, anstatt es zu fördern, was seine Aufgabe wäre. Und
wenn die öffentlich-rechtlichen Sender einen anspruchsvollen Film
kaufen, wollen sie nur wenig bezahlen. Ich kenne genug Verleiher, die
solche Angebote dann ablehnen.

Die Öffentlich-Rechtlichen
kaufen ja auch keine europäischen Arthouse-Filme mehr, und dann wundert
man sich, dass die Zuschauer keine Arthouse-Filme mehr verstehen. Das
Fernsehen verdirbt die Sehgewohnheiten der Menschen, das ist doch
völlig klar. Die Zuschauer werden unruhig, wenn eine Einstellung länger
als sieben Sekunden dauert. Die Beschleunigung und die schnellen
Schnitte im Kino wurden ja durch das Fernsehen bedingt. Andererseits
geht es mir auch gegen den Strich, das alles als Kunstfilm durchgeht,
wo die Einstellungen drei Minuten dauern. Diese Mechanik ist mir auch
schon wieder zu primitiv. Ich find" das schon gut, um mal einen
Kontrapunkt zu setzen, aber es ist doch nicht besonders innovativ.



Das ist ein Feigenblatt und funktioniert nur,
wenn alle umsonst arbeiten. Und im Fernsehen werden die Filme dann um
00.30 Uhr ausgestrahlt, das heißt: komplett unter Ausschluss der
Öffentlichkeit. Früher kam das "Kleine Fernsehspiel" um sieben Uhr
abends, das darf man nicht vergessen.
Und Leute wie Dominik Graf?
Dominik
Graf ist die große Ausnahme. Graf find" ich große Klasse, weil er ganz
bewusst versucht, das Medium weiterzuentwickeln. Aber das ist ein
Tropfen auf den heißen Stein. Der Rest ist "Rosamunde Pilcher".



Was soll ich dazu sagen? Das ist ein großer
Hype, der da veranstaltet wird. Ich kann an "Desperate Housewifes" oder
"CSI: Miami" überhaupt nichts originelles finden. "CSI" ist eine
stinknormale Krimiserie, die halt ein bisschen gelackt daherkommt, mit
einer etwas unterkühlten Art der Darstellung. Aber wo liegt denn der
Fortschritt zwischen "Die Straßen von San Francisco" aus den Siebzigern
und "CSI: Miami"? In "Desperate Housewifes" bieten ein paar absolute
Kunstfiguren den Zuschauern eine Art "Lebensersatz" – ich verstehe
nicht, was daran besser sein soll, als an "Die Waltons". Was soll daran
gut sein? Solche Serien sind vielleicht besser als "Dallas" oder
irgendwelchen deutschen Krimiserien, aber sie sind immer noch Dreck.

Der
einzige Grund, weshalb die Presse diese Formate so hochjubelt ist, weil
sie hohe Quoten haben. Und daran sieht man ja auch, wie verkommen die
ganze Kulturberichterstattung geworden ist. Oder "24", was manche Leute
ganz toll finden: Da rennt irgendein Fascho durch die Gegend, foltert
Leute und liefert die Rechtfertigung für Guantanamo. Ich finde das
gefährlich.
Apropos "Fascho": In "Free Rainer" wird
einer der Trash-TV-Macher einmal ganz direkt als "Faschist" bezeichnet,
und der opportunistische Senderchef heißt "Gründgens", was ja eine
ziemlich deutliche Anspielung ist...

Das mit
Gründgens ist eine schöne Assoziation, aber das war Zufall. Wir haben
einfach nach einem aristokratisch klingenden Namen gesucht. Oder
wahrscheinlich war es kein Zufall! Wahrscheinlich war das eine
unterbewusste Assoziation, die ich da hatte, als ich nach einem Namen
gesucht habe, bei dem so etwas "selbstherrlich deutsches" mitschwingt.
Aber ich würde natürlich auf keinen Fall so weit gehen, das deutsche
Fernsehen mit einem faschistischen System zu vergleichen, da muss man
schon sehr vorsichtig sein. Wir waren auch sehr unsicher, ob Rainer im
Film wirklich "Faschist" sagen soll. Denn es gibt natürlich keine
Verschwörung, bei der Politik und Wirtschaft die Massen absichtlich
verblöden, damit sie konsumieren und nicht mehr versuchen
aufzubegehren. Aber es gibt zum Beispiel diese Frage "Macht Fernsehen
Einsamkeit erträglich?". Und da gibt es Statistiken die belegen, dass
20% der Deutschen Fernsehen schauen, weil sie einsam sind – die haben
keinen Gesprächspartner mehr, die haben niemanden mehr, mit dem sie
ihre Freizeit auf andere Weise gestalten könnten. Aber für den
Kapitalismus, in dem wir leben, ist das gut, denn einzelne Leute
begehren nicht auf und konsumieren dafür mehr – was wiederum gut ist
für das Wirtschaftswachstum. Und damit sie nicht durchdrehen, so
alleine in ihren Singlewohnungen, gibt man ihnen eine Droge, die sie
ablenkt und beruhigt: Das Fernsehen.


Da
zweifelt sie an Rainer und das ist auch ein bisschen eine Anspielung
auf den Kommunismus. Denn Karl Marx, der sehr elitär war, war ja der
Ansicht, dass die Revolution von einer kleinen Elite ausgeht – und dass
die Bauern und Arbeiter dann schon mitziehen. Und genau das wirft Pegah
dem Rainer in dieser Szene vor – woraufhin er sich ja auch komplett
wandelt. Und mir ist es auch völlig egal, ob das nun "realistisch" ist.
Das ist schließlich ein Film, in dem ich zeigen will, wie es laufen könnte
– aber ich erwarte von den Zuschauern schon, dass sie so eine Wendung
in dem Moment einfach mal mitmachen. Das ist im Prinzip das gleiche wie
in "Die fetten Jahre sind vorbei": Natürlich gibt es in der Realität
keine jungen Leute, die aus "revolutionären" Gründen in Häuser
einbrechen - aber der Film spielt durch, was wäre wenn es sie gäbe!
Die
Montagesequenzen in denen gezeigt wird, wie die Menschen durch das
anspruchsvollere Fernsehprogramm offenbar ein glücklicheres und
harmonischeres Leben führen, sind ziemlich deutlich als idealisierte
Wunschvorstellung oder gar "Traum" inszeniert...

Diese
Szenen sind natürlich auch ironisch: Da sieht man Kinder, die mit
Sattelitenschüsseln fechten! Und wenn dann einer kommt und sagt das sei
"übertrieben utopistisch" oder "weichzeichnerisch", ist das unglaublich
ermüdend und dann frag" ich mich schon, wie dumm man sein kann, und ob
die Leute das nicht verstehen wollen, oder ob sie mir einfach von vornherein übel gesonnen sind.
Aber
schwingt in diesen ironisch übertriebenen Szenen nicht auch der
Pessimismus mit, dass es zu einem solchen Wandel nicht mehr kommen
wird?

Natürlich wird es so nie sein, aber es kann
in diese Richtung gehen. Im Film ist das wie ein Traum. Und viele
seiner größten Träume kann man vielleicht nie ganz realisieren, aber
allein dadurch, dass man es anstrebt, bewegt man sich ein Stück in die
richtige Richtung. Dadurch ist schon viel gewonnen.
Eine
Ironie ist es ja auch, dass die Außenseiterbande, die sich im Film um
Bleibtreu formiert, genau aus jener Sorte Menschen besteht, die man dem
Klischee nach als Hauptkonsumenten des so genannten
"Unterschichtenfernsehens" betrachten würde.

Natürlich,
die stehen für die Hartz-IV-Empfänger, die am Tag sechs Stunden
Fernsehen schauen. Und Rainer zeigt ihnen, dass sie nun den Leuten, für
die sich nichts als Müll sind, einmal richtig in den Hintern treten
können. Er spricht ja sogar vom "Unterschichtenfernsehen". Das ist
natürlich sehr direkt – und manchen Leuten, manchen Filmkritikern, ist
das zu direkt, die möchten im Kino lieber Kreuzworträtsel
lösen. Aber für uns war es eine bewusste Entscheidung, den Film leicht
verständlich zu machen. Unser Projekt war es, alle Zuschauer
anzusprechen. Aber wenn wir uns die Besucherzahlen vom ersten
Wochenende anschauen muss ich leider zugeben, dass das gescheitert ist.
Offenbar ist die Spaltung schon so weit vorangeschritten, dass man
entweder ganz klar "Arthouse" machen muss, oder ganz klar die Masse
anspricht. Das so genannte "cross over" funktioniert nur noch in den
seltensten Fällen, wie bei "Good Bye Lenin" oder "Das Leben der
Anderen". "Free Rainer" wird paradoxerweise wahrscheinlich erst im
Fernsehen jene breite Masse an Leuten erreichen, die ich erreichen
wollte.



Aber das ist doch schon wieder am abklingen. Das war ein kurzes Aufblühen und ist mittlerweile fast schon wieder vorbei.
Manche
Beobachter sagen, dass die "digitale Revolution" den Tod des Kinos
bedeutet, weil digitale Kameras und digitale Projektion per
Sattelitenübertragung das Kino dem Fernsehen rein technisch immer
ähnlicher macht.

Das ist doch Quatsch! Es ändert
sich doch nur das Medium. Ob der Film nun mit einem herkömmlichen
Projektor projiziert wird oder per Beamer ist doch völlig egal, solange
die Bildqualität in Ordnung ist und ich meine Geschichten erzählen
kann. Und durch die digitale Technik ist es leichter geworden einen
Film zu drehen, weil es billiger geworden ist. Nein, was das Kino
zerstört, ist das Fernsehen. In den Achtzigern haben die Leute zwei
Stunden täglich fern geschaut, heute sind es vier Stunden. Das ist ein
echtes Problem, genau wie Computerspiele. In den letzten zehn Jahren
ist da eine ganze Generation weggebrochen. Die Besucherzahlen sind in
der Gruppe der 17- bis 22-jährigen um 15 bis 20% zurückgegangen. Die
wurden zwar ersetzt durch die ältere Generation, die wieder häufiger
ins Kino geht. Aber wenn die mal weg ist, was kommt dann nach? Das ist
ja auch die große Angst der Produzenten und Verleiher, dass keine
Kinogänger mehr nachkommen, weil die junge Generation wegbricht in den
Videospielsektor. Das ist natürlich jetzt schon ein Problem für mich,
weil "Free Rainer" bei jungen Leuten viel besser ankommt – die gehen
aber nicht mehr ins Kino. Und wenn junge Studenten ins Kino gehen, dann
schauen sie keinen Arthouse-Film, sondern "Beowulf" oder "Spider
Man".
In "Free Rainer" geht es gegen "Trash-TV",
das die Kanäle verstopft. Der amerikanische Schriftsteller Theodore
Sturgeon ist mit dem Ausspruch berühmt geworden, dass 90% von allem
Schrott ist, also auch in den Bereichen Literatur, Kino und Musik.
Relativiert diese Sichtweise nicht das Problem?

Wir
reden hier aber von vier Stunden TV am Tag! Wer hält sich denn vier
Stunden täglich bei Hugendubel auf? Und beim Lesen musst du immerhin
noch dein Gehirn aktiv benutzen, du musst Deine Fantasie aktivieren,
denn du musst die Geschichte beim Lesen in deinem Kopf ablaufen lassen.
Beim Fernsehen musst du das nicht, da ist es passive Berieselung. Das
ist wie eine Droge, deshalb ist es mit anderen Kulturformen schwer zu
vergleichen.



Ursprünglich haben wir uns mal in Spanien beim
Surfen kennen gelernt. Jetzt lief es so, dass Maggie Peren, die auch
das Drehbuch zu "Free Rainer" überarbeitet hat, sie mir noch einmal
empfohlen hat. Ich hab" zuerst gesagt "die hat außer ihrem Kurzauftritt
in "Schule" noch nie gedreht, das ist "ne Laie, ohne Theatererfahrung
und ohne Ausbildung." Aber Maggie Peren hat sie mir immer wieder
empfohlen, bis ich sie zum Casting eingeladen habe. Und da hat sie mich
einfach überzeugt durch ihre Präsenz, ihre Intelligenz und durch ihr
großes Verständnis für diese Figur. Sie hat unheimlich mysteriöse Augen
und ich mag sehr, dass sie von "innen heraus" spielt. Sie hat auf jeden
Fall Starqualitäten.
Eine Frage aus reiner Neugier
noch zu "Die fetten Jahre sind vorbei": Verrätst du uns, wie der
Schluss zu verstehen ist? Macht die von Burkhart Klaussner gespielte
Figur nun mit dem Trio gemeinsame Sache oder nicht?

Darauf
werde ich natürlich keine klare Antwort geben. Ein Zauberer verrät ja
auch nicht, wo das weiße Kaninchen herkommt. Das ist offen und das muss
jeder Zuschauer für sich selbst beantworten – das ist ja gerade der
Witz dabei und das ist auch das Großartige, dass die Leute auf der
ganzen Welt darüber diskutieren.