Inhalt
Der Dokumentarfilm begleitet drei Naturwissenschaftler*innen, die in ihrer Arbeit unmittelbar mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert sind. Maria erforscht als Glaziologin das Abschmelzen jahrtausendealten Eises, Sebastian untersucht als Professor für Physikalische Chemie Polymere, Nana arbeitet als Molekularbiologin zu biologischen Prozessen des Zellstoffwechsels. Da ihre Forschungsergebnisse politisch und gesellschaftlich nur begrenzt Resonanz finden, geraten die drei an die Grenzen ihrer Rolle als ausschließlich Forschende und beschließen, auf unterschiedliche Weise aktiv zu werden. Im Verlauf der Dokumentation verlassen sie den institutionellen Rahmen von Labor und Hörsaal und wenden sich verstärkt an die Öffentlichkeit. Sebastian sucht den Austausch auf öffentlichen Veranstaltungen, Maria engagiert sich in der Lokalpolitik, Nana beteiligt sich an wissenschaftsbasierten Formen des Aktivismus. Der Film zeichnet diesen Übergang nach und thematisiert die Frage, wie Wissenschaftler*innen Verantwortung über die Forschung hinaus wahrnehmen.
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Schnitt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, darunter Dr. Maria Hörhold, Glaziologin im Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven, kleidet sich wie zu einer Expedition ein, um im Eiskernarchiv des Instituts einen bis zu eintausend Jahre alten Kern des Grönland-Eisschildes herauszuschneiden. Die Untersuchung dieses Kerns, in den die Atmosphäre der Vergangenheit eingeschlossen ist, belegt die rasante Erderwärmung, in deren Folge das Eis an den Polen ebenso rasch schmilzt wie die Gletscher in den Alpen.
Schnitt. Aktivisten der Gruppen „Letzte Generation“ und „Scientist Rebellion“, darunter mit Dr. Nana-Maria Grüning eine Molekularbiologin an der Berliner Charité, unternehmen eine Farbattacke auf das Bundesverkehrsministerium und kleben sich später am Asphalt einer vielbefahrenen Ausfallstraße fest. Was unter die Rubrik „Friedlicher ziviler Ungehorsam“ fällt, wird kaum noch von den Medien wahrgenommen, weshalb in Strategiediskussionen eine Radikalisierung künftiger Aktionen gefordert wird.
Wissenschaft soll sachlich sein: Fakten statt Gefühle. Aber die Naturwissenschaftler erleben schon seit geraumer Zeit, wie ihre Forschung durch den Klimawandel aus den Fugen gerät. Statt die Wunder der Natur zu entdecken und diese den Menschen nahezubringen, fühlen sich die drei Protagonisten des Dokumentarfilms „Das Gewicht der Welt“ zunehmend nur noch als Chronisten einer untergehenden Welt. Denn niemand hört auf sie, schon gar nicht in einer Zeit wie heute, wo Kriege und Krisen alle Aufmerksamkeit sowohl der Politiker als auch der völlig überforderten Bürger auf sich ziehen.
Florian Heinzen-Ziobs („Dancing Pina“) Doku offenbart die Dringlichkeit des Problems für die Menschheit insgesamt, die Erderwärmung wie den rapiden Schrumpfungsprozess der Biodiversität zu stoppen. Er bekennt sich zur Sisyphusaufgabe einer der Aufklärung verpflichteten Wissenschaft, die sich dem Vorwurf – zumal von totalitären Regimen – erwehren muss, als grüne Kassandra aufzutreten. Die von einer Fakten-Vermittlerin zur politisch-gesellschaftlichen Aktivistin mutiert und sich so angreifbar macht. Zu beruflichen kommen familiäre Probleme, welche zumindest zeitweise einen Rückzug der Porträtierten ins Private zur Folge haben.
„Naturwissenschaften in Zeiten des Klimawandels“ lautet der Untertitel eines unterm Strich doch eher pessimistischen, in Teilen gar resignativen und daher sehr realistischen Films, der besonders der jungen Generation nahegebracht werden sollte etwa durch den Einsatz in Schulen und Universitäten. Die Erkenntnis „Wir irren uns empor“, mit der Prof. Seiffert seinen Uni-Grundkurs Physikalische Chemie eröffnet, lässt hoffen. Sein Blick aus dem Fenster der Harzer Schmalspurbahn unterhalb des Brocken auf eine apokalyptisch zerstörte Landschaft, lässt uns eher verzweifeln.
Pitt Herrmann