Der letzte Mann

Willy Haas, Film-Kurier, Nr. 303, 24.12.1924


(...) Zwei außerordentliche und einzigartige Künstler des Filmes, F. W. Murnau und Carl Mayer, haben vor Jahren mehrmals zusammengearbeitet, zuletzt – ich glaube 1921 – einen Film "Der Gang in die Nacht", der damals so ziemlich den Standard des damals Durchsetzbaren darstellte.

Nachher haben sie sich getrennt. Ihre Entwicklung war stellenweise bewölkt, nicht ganz durchsichtig. ...

In diesem Film nun haben sie sich nach Jahren wieder zu gemeinsamer Arbeit vereinigt. Und sofort hat einer am anderen, beide gegenseitig aneinander sich erhellt, geklärt, weitergeformt. Man nennt das "Wahlverwandtschaft".

Man nannte sie "literarisch", "abstrakt" und "Experimentatoren". Es gibt so ziemlich nichts Falscheres als die Behauptung. Sie sind so ziemlich unsere besten Filmpraktiker. Sie sind aber auch so ziemlich unsere besten Filmkenner. Beides ist im gewissen Sinn ein Gegensatz; denn die heutige Praxis des Filmes hat ja mit den optischen also organisch-künstlerischen Möglichkeiten nur sehr wenig zu tun. Und da sind nun die beiden noch etwas drittes, was mich ganz besonders freut: nämlich brillante Diplomaten, kluge, einsichtsvolle Politiker, die genau die Grenze des jeweils Durchsetzbaren kennen – heute wie vor drei Jahren. Denn was nützt der prachtvollste Film, wenn das Publikum ihn nicht verdauen kann und wir gutgewillten Kritiker ihn folglich nicht als wirksame Handgranate den Kitschregisseuren mit dem angeblichen "Publikumsinstinkt", ihren Manuskriptschmierern und ihren kritischen Erfolgsmannen an die Schädel hauen können? Gar nichts hätten wir davon. Wir können keine erfolglosen künstlerischen Experimente brauchen; sie kommen uns zu teuer. Weil es immer ein Triumph für die Gegenpartei ist.

Kopfschüttelnd und blaß sah man gestern nach der Uraufführung alle Eunuchen zusammenstehen: sie wollten es nicht glauben, daß es wirklich, wirklich ein ganz großer Publikumserfolg war! Sie fühlten die Erde wanken und den Himmel einstürzen und eine himmlische Trickaufnahme am Horizont kündigte ihnen Ihr nahes Ende an. Es geschehen Zeichen und Wunder: der Geschäftskitsch fällt durch. Die Qualität siegt! (...)

Jannings war prachtvoll; eigentlich am prachtvollsten im Überquellen, nicht im eigentlichen Spiel. Ich meine damit: was uns an ihm begeisterte, war dieses herrliche Gefühl, einen Mimiker von überquellendem mimischen Reichtum vor uns zu haben. Auch das war diesmal so außerordentlich günstig: das Konsistente wäre vielleicht auf den ersten Versuch hin nicht auszulöffeln gewesen; das Großartig-Dekorative, Schäumende seines Spieles war von Natur aus lockerer, elastischer, leichter aufhörbar. Wer Jannings" fast unfehlbaren schauspielerischen Instinkt kennt, wird ohne weiteres annehmen, daß es sich hier um eine unterbewußte innere Einstellung zur Sache handelt. (...)

Und der Gesamteindruck?

Sie wissen doch, was Goethe bei der Schlacht von Valmy gesagt hat:

"Kinder, von hier und heute beginnt eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte!"

Da die beiden Hauptschuldigen an diesem Meisterwerk so unerhörte Courage gezeigt haben, muß auch der Kritiker die Courage zu einem pathetischen Schlußsatz aufbringen. (Sonst ungern).

Also: "Kinder, von hier und heute beginnt eine neue Epoche in der Geschichte der Kinematographie!"

Und das ist wahr.

Außerordentlich geschmackvoll war die Ausschmückung des Ufa-Palastes aus Anlaß dieser aufsehenerregenden Uraufführung. Die ganze Portalfront war ausgebaut als perspektivischer Ausblick auf Fassaden von Wolkenkratzern. In dem gleichfalls gänzlich umgebauten Foyer ragte die Kolossalstatue von Emil Jannings als Hotelportier. Der ganze Rahmen für diese festliche Aufführung war eine Meisterleistung von Direktor Ignaz Wilhelm.