Die Fledermaus: Mit mir so spät (1909)

Die Fledermaus: Mit mir so spät (1909)
11.08.2017 | 03:48 min
Alfred Duskes Cinophon Fabrik (Berlin)
Tonbilder

Quelle: Deutsches Filminstitut - DIF / Sammlung Neumayer

Tonbild zum Terzett "Mit mir so spät im Tête-à-tête" aus dem Ersten Akt der Strauss-Operette "Die Fledermaus". Ein Gefängnisdirektor trifft abends im Haushalt von Rosalinde ein, um deren Gatten abzuholen, der wegen Trunkenheit und Beleidigung einer Amtsperson gesucht wird. Doch der Gatte, ein ziemlicher Hallodri, ist nicht zu Hause. Er hat Rosalinde vorgeflunkert die Haftstrafe im Gefängnis antreten zu wollen, ist stattdessen allerdings mit einem Freund zu einem Kostümball aufgebrochen. Rosalinde ihrerseits hat die Gunst der Stunde genutzt und einen Jugendfreund für ein intimes Tête-à-tête zu Besuch. Dieser wird vor dem Gefängnisdirektor nun umgehend als Ehemann ausgegeben, um die Ehre der Hausherrin zu wahren. Rosalinde deklariert das intime Beisammensein mit Mann in Schlafrock und Schlafmütze als ehelich trautes Abendvergnügen. Unaufgeregt und schläfrig, leidenschaftslos – dieser Mann kann doch ganz offensichtlich nur ihr Gatte sein. Trotz der berechtigten Zweifel an dieser Geschichte, schenkt der Gefängnisdirektor der Scharade Glauben und führt den vermeintlichen Gatten ab.

Die Bildqualität dieses von Alfred Duskes produzierten Filmwerks ist stark beeinträchtigt. Von den vier leider nicht mehr als Original-Kinopositiv erhaltenen Tonbildern aus der Sammlung Neumayer ist dieses das einzige, welches deutlich sichtbare Anzeichen von fortgeschrittener chemischer Zersetzung aufweist. Die im Nitrozellulose-Original aufgetretenen Zersetzungserscheinungen wirken im Duplikat noch störender, durch die mindere Qualität der analogen Umkopierung Anfang der 1970er Jahre. Glücklicherweise entfalten sich Esprit und Charme der Strauss-Oper in dieser Interpretation des Terzetts trotzdem. Die Fledermaus feierte glanzvolle Premiere 1874 im Theater an der Wien, sie wird als Höhepunkt der Goldenen Operettenära gewertet. Die Datierung des Musikfilms ist etwas unscharf: Herbert Birett gibt als Jahr der Erstaufführung 1909 an, jedoch laut Schellack Etikett weist sich der passende Ton als Originalaufnahme von Duskes aus, exklusiv vermarktet im Tonbildvertrieb - eigentlich also ein Indiz, dass das Filmbild in zeitlicher Nähe zum Ton aufgezeichnet wurde, im April 1908. Im Juli 2014 konnte das Deutsche Filminstitut in einer Auktion diese rare Filmbegleitplatte erwerben, passgenau zum Neumayer-Filmmaterial. Die Schellack-Platte ist etikettiert als Cinephon-Starkton-Record. Das Etikett deklariert den Ton als "eigene Spezial-Original-Aufnahme" von Duskes und gibt die Filmproduktionsnummer mit 308 an. Die Sänger sind gleichzeitig die Darsteller im Filmbild, in 'gemischter' Besetzung: Im Jahr 1908 waren Hermine Hoffmann und Edmund Binder Ensemble-Mitglieder des Theater des Westens in Berlin Charlottenburg, während Emil Justiz Ensemble-Mitglied am Berliner Metropol-Theater war.

Tonbild ist die Bezeichnung für einen frühen Kinofilm mit Synchronton (aufgezeichnet und abgespielt im Nadeltonverfahren). In Deutschland begann die Produktion der Tonbilder um 1903: Die Kamera filmte Schauspieler im Playback-Verfahren zu einer auf Schellackplatte vorliegenden Tonaufnahme. In der Kinovorführung wurde der (normalerweise noch handgekurbelte) Projektor mit dem Grammophon synchronisiert. Die kurzen Filme zeigten vorzugsweise beliebte Musikstücke aus Oper, Operette und Revue. Es entstanden sogar spezielle Tonbild-Theater für das extrem populäre Genre. Noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 endete die kurze Ära des Tonbildes wieder. Um 1908 in großer Zahl gedreht, gehören sie heute jedoch zu den Raritäten des frühen Filmerbes.