Weekend in Absurdistan: Ein Besuch bei den Dreharbeiten zum neuen Film von Veit Helmer

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Weekend in Absurdistan: Ein Besuch bei den Dreharbeiten zum neuen Film von Veit Helmer

Immer mehr deutsche Produktionen entstehen  außerhalb Deutschlands – so auch der neue Film von Veit Helmer.

von Jörg Schöning

Quelle und Foto: Jörg Schöning
Drehort von Veit Helmers "Absurdistan": ein Dorf in Aserbaidschan
 

Seinen Erfolg verdankt das aktuelle deutsche Kino nicht allein seinen präzisen Alltagsstudien, wie sie etwa die "Berliner Schule" hervorbringt. Zugleich sind in den letzten Jahren deutsche Filme immer wieder weit entfernt von Deutschland entstanden. Auch sie fanden internationale Beachtung. Dabei reicht das Spektrum der filmischen Formen vom historischen Familienmelodrama bis zur ethnografischen Studie, von der autobiografischen Erlebnisschilderung bis zur Romanverfilmung. Caroline Links mit dem Oscar ausgezeichneter Film "Nirgendwo in Afrika" erinnerte nicht allein an das Schicksal jüdischer Emigranten im Kenia der 30er Jahre. Er sensibilisierte sein Publikum gleichzeitig für die Konflikte interkultureller Begegnungen in der Gegenwart. Auch "Die weiße Massai", Hermine Huntgeburths Verfilmung des autobiografischen Bestsellers von Corinne Hofmann, bemühte sich um ein differenziertes Afrika-Bild, wobei hier allerdings die eurozentristische Perspektive der Vorlage den Blick auf das fremde Land eher verstellte.

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Veit Helmer (Mitte)
 

Aufmerksam beobachtend näherten sich hingegen die Münchner Filmhochschulabsolventen Byambasuren Davaa und Luigi Falorni einer außereuropäischen Kultur und Lebensweise. "Die Geschichte vom weinenden Kamel" brachte dem Publikum das Alltagsleben mongolischer Nomaden nahe – und den Regisseuren eine Oscar-Nominierung ein. In Byambasuren Davaas anschließendem Spielfilm "Die Höhle des gelben Hundes" erschienen die vor der Kamera agierenden Mongolen fast schon wie vertraute Bekannte. Die Judith-Hermann-Verfilmung "Nichts als Gespenster" entsteht in der Regie von Martin Gypkens zurzeit in Island, Nevada und Jamaika. Einen – ästhetisch wie geografisch – ganz eigenen Weg schlägt Veit Helmer ein: Mit seinem neuen Film "Absurdistan" erkundet er "Geheimnisse des Orients".

"Orgia!" – Internationale Gäste in einer kaukasischen Wirtschaft

Ein dunkles, verrauchtes Lokal irgendwo am östlichen Rande Europas. Ein Dutzend Männer hat sich um den Tresen geschart. Sie sind unrasiert und verschwitzt, eng aneinandergedrückt starren die nicht mehr ganz jungen Kerle verzückt auf ein Sex-Magazin. Seit einigen Wochen verweigern ihre Ehefrauen den Beischlaf. Nun organisieren sie gemeinsam die kollektive Triebabfuhr. Schon ist ein altes Bakelittelefon zur Hand, eine Nummer aus dem Magazin gewählt und die Verabredung zum Bordellbesuch getroffen. "Orgia!" – Hals über Kopf stürmt der Haufen davon. Stühle krachen, alles drängt sich zur Tür. Noch einmal kommt "Rauch" aus der Nebelmaschine. Veit Helmer ruft: "Cut!"

Veit Helmer dreht "Absurdistan" – nach "Tuvalu" (2000) und "Tor zum Himmel" (2003) wird dies sein dritter Spielfilm. Helmer hat Erfahrung mit weit entfernt gelegenen Drehorten: "Tuvalu" entstand in einer bulgarischen Schwimmbadruine, seit 2001 hat er wiederholt Regieseminare in osteuropäischen Ländern geleitet. In Zusammenarbeit mit den Filmstudenten sind dabei immer auch Kurzfilme entstanden: in Usbekistan und Kasachstan, in Georgien und in Aserbaidschan, wo Helmer nun "Absurdistan" dreht.

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Max Mauff in "Absurdistan"
 

"Absurdistan" wird eine märchenhaft romantische Komödie mit burlesken Zügen. Im Mittelpunkt der Handlung steht das junge Paar Aya und Temelko. Schon seit der Kindheit füreinander bestimmt, mussten sie lange auf ihre erste Liebesnacht warten, doch dann tritt endlich die perfekte Sternenkonstellation ein. Damit ihre Zukunft eine glückliche werde, ist jedoch ein gemeinsames Bad vonnöten – an Wasser aber mangelt es. Die Wasserleitung ist kaputt, und die faulen Männer wollen sie nicht reparieren. Daraufhin treten ihre Frauen in Streik – was für das Zusammenleben im Dorf die unabsehbarsten Folgen hat.

Die Besetzung ist, wie das Filmteam, international; die zwölf Männer vor der Kamera kommen aus fast ebenso vielen Ländern. Nur im Hintergrund deuten Requisiten auf ein Stück Lokalkolorit hin: In den Regalen hinter der Theke stehen Wodkaflaschen mit auffällig gestalteten Etiketten. "Lahicnaya – 45% vol." ist auf ihnen zu lesen. Ein Einfall der Ausstattungsabteilung, von dem noch die Rede sein wird, denn auch er hat ganz unabsehbare Folgen.

Lahic – Ein Bergdorf erhält eine filmische Infrastruktur

Quelle und Foto: Jörg Schöning
Veit Helmer und seine Crew am Set in Lahic
 

Lahic ist ein Bergdorf im Nordwesten Aserbaidschans. Der überwiegende Teil "Absurdistans" entsteht hier. 56 Drehtage sind vorgesehen, mehr als einen Monat verbringt das Team an diesem idyllischen Ort. Das Auto (eine Leihgabe der BMW Group) braucht von Baku rund dreieinhalb Stunden. Zuletzt geht die Fahrt über eine kurvenreiche Schotterpiste. Lahic liegt vielleicht am Ende der Welt – hinterm Mond liegt es nicht. Das Dorf ist bekannt für sein Kupferhandwerk, ein Schild weist sogar auf ein "Tourist Information Center" hin. Schaufenster voller Schmuck, Teppichen und Tüchern locken Kunden. Seit kurzem gibt es auch ein "Internet-Café" – einen Laden mit 8 bis 10 nicht mehr ganz neuen PCs, an denen sich die Dorfjugend mit Computerspielen vergnügt und die Mitglieder des Filmteams ihre E-Mails abrufen. Vor vier Jahren hat Veit Helmer mit der Suche nach einem Drehort für "Absurdistan" begonnen. Vor zwei Jahren hat er Lahic entdeckt: "Es sollte ein Dorf mit Kopfsteinpflaster sein, aber nicht bäuerlich, sondern durchaus ein wenig "urban". Vor allem: Grün durfte es nicht sein – schließlich herrscht ja Wassermangel." In den letzten zwei Jahren ist Helmer immer wieder nach Lahic gereist – und hat dabei ein Stück Infrastruktur geschaffen, die fürs Filmemachen nötig war. Er hat die Fertigstellung eines in Bau befindlichen Hotels vorfinanziert und damit ein Quartier geschaffen, das nach den Dreharbeiten dem Fremdenverkehr Nutzen bringen wird. Bis dahin stehen hier nicht allein Zimmer für Schauspieler zur Verfügung, auch das Produktionsbüro, die Garderoben und die Maske finden hier Platz. Außerdem ein Speisesaal, in dem bis zu 70 Gäste drei bis vier Mal am Tag - und zuweilen auch in der Nacht - verköstigt werden. Die Organisation liegt bei einer Bakuer Firma, die sonst den Hunger auf den Ölfeldern stillt; es kochen Frauen aus dem Dorf. Helmer hat von der Berliner Köchin Sarah Wiener einen Catering-Wagen erstanden und ihn auf dem Landweg nach Lahic bringen lassen – was ein filmreifes Abenteuer für sich war. Ein Generator ist aus Tiflis hergebracht worden. "Höhepunkt" des Transports war die Verhaftung des Fahrers wegen eines illegalen Bades im Grenzfluss zwischen Georgien und Aserbaidschan. Und noch eine weitere Investition war angesichts des heißen Sommers überaus sinnvoll. Helmer hat in Privatquartieren den Einbau von Duschen finanziert, sodass der größere Teil des Teams in privaten Haushalten übernachten kann. Der Einzug des "Fortschritts" entwickelt freilich seine eigene Dialektik: Weil nun am Morgen eine erkleckliche Schar duscht, fällt im Dorf der Wasserdruck ab. Wie in "Absurdistan" stellt sich partiell eine Wassernot ein – weshalb Helmer zum Bürgermeister einbestellt wird.

"Action!" – Wie, wo und mit wem ein Stummfilm auf Esperanto entsteht

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Eine der "Massenszenen" in "Absurdistan"
 

Zentraler Drehort ist an diesem Juli-Wochenende der Platz vor dem Hotel. "Massenszenen" stehen auf dem Plan. Ähnlich wie "Tuvalu" wird "Absurdistan" beinahe eine Art Stummfilm: Diesmal gibt eine Erzählstimme aus dem Off Erläuterungen zur Handlung, als Originalton sind gelegentlich Ausdrücke aus einem supra-europäischen Esperanto zu vernehmen – aber Dialoge, die geprobt werden müssten, gibt es nicht. Es wäre wohl auch nicht ganz leicht gewesen, in Anbetracht der Mitwirkenden aus aller Welt. Casting-Direktoren aus 28 Ländern haben 2100 Darsteller gecastet, um die insgesamt 30 Rollen zu besetzen. Temelko, den jugendlichen Helden, verkörpert der 19 Jahre alte Berliner Maximilian Mauff ("Erbsen auf halb 6", "Kombat sechzehn"); Aya, seine Geliebte, spielt die Tschechin Kristýna Malérová. Für die 21-Jährige ist es die erste Rolle in einem Film, im heimischen Mähren spielt sie ansonsten hingebungsvoll am Theater. Die Episodenrollen sind mit Akteuren besetzt, von denen viele in ihren Ländern Star-Status besitzen. Die Älteste, die Georgierin Nino Chkeidze, ist 85 und in ihrer Heimat eine Institution. Suzana Petricevic kommt aus Belgrad und wird im nächsten Film von Emir Kusturica mitwirken. Azelarab Kaghat hat man auch hierzulande schon im Kino gesehen: Der hagere Mann aus Marokko ist unter anderem in "Malena" aufgetreten. Eine ganze Reihe von Schauspielern kommt aus Aserbaidschan – einer von ihnen blickt auf eine 50-jährige Bühnenlaufbahn zurück. Andere kommen aus Lettland, Belorussland, Moldawien, Bulgarien, aus Portugal, Spanien und Frankreich. Aus Deutschland sind Otto Kuhnle und Hendrik Arnst mit dabei.

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Kristýna Malérová und Nino Chkeidze (von links)
 

Die Sonne scheint – und das ist kein Zufall. Helmer hat ein Jahr lang von einem Dorfbewohner das Wetter notieren lassen, um die günstigste Zeit für die Dreharbeiten zu ermitteln. Trotzdem hat es zuletzt geregnet, sodass die meisten Innenaufnahmen schon abgedreht sind. Jetzt aber ist es auch hoch oben im Kaukasus so heiß wie überall in Europa, weit über 30 Grad. Die Zuschauer wandern mit dem Schatten rund um den Platz. Es sind fast immer die Männer des Dorfes, die die Zeit finden, den Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen. Anfangs sitzen sie vor einem flachen Gebäude aus groben Steinen, das man auch für einen Stall halten könnte, an dem jedoch ein grünes Holzschild hängt, auf dem vier kyrillische Buchstaben angebracht sind: "KINO". Längst ist es außer Betrieb, inzwischen wird das Gebäude von der Dorfkapelle als Übungsraum genutzt. Rechts davon ist ein kleiner Kaufmannsladen. Er ist bis weit nach Mitternacht geöffnet und macht wohl kein schlechtes Geschäft, wenn sich nach Drehschluss der eine oder andere aus dem Team dort noch ein Bier holt. Die Gastwirtschaft des Films, in der sich die Männer versammeln, schließt sich an – sie ist auch in Wirklichkeit eine Teestube mit Bewirtung. Dann kommt die Werkstatt eines Hufschmieds, der bei den Dreharbeiten gern zur Hand geht und Requisiten zur Verfügung stellt. Es folgt, im rechten Winkel dazu, der lang gestreckte Bau des zweigeschossigen Hotels. Abgeschlossen wird das Quadrat von der hell gestrichenen Front einer Moschee, die mit einem Schuppen die gesamte Stirnseite des Platzes ausfüllt. Vor ihr kommt es zwischen den Frauen und Männern "Absurdistans", die sich in zwei langen Reihen gegenüberstehen, nun zur Konfrontation. Veit Helmer ruft: "Action!"

"Sakit!" – Erst kommt die Stille, dann der Sturm

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Eskalation im Kampf der Geschlechter in "Absurdistan"
 

Jeder Aufnahme unter freiem Himmel geht lautstark der Versuch voran, Stille herzustellen. "Sakit" ist das aserische Wort für "Ruhe", immer wieder schalt es über den Platz. Denn die Dorfkinder sind nicht immer ganz leise, auch geht das Dorfleben ja seinen Gang. Mitunter passiert ein Traktor den Dorfplatz oder eine alte Wolga-Limousine. Ein Reiter galoppiert auf seinem kurzbeinigen Pferd vorbei, oder ein Rindvieh findet unter heftigem Blöken heim in den Stall. Erst wenn alles zur Ruhe gekommen ist, surrt die Kamera. Es ist eine alte Arri BL Evolution, ein Modell, das nur bis Mitte der 70er Jahre hergestellt worden ist. Helmer hat sie in Teheran entliehen, wo vor vielen Jahren aussortierte Technik aus Cinecittà ein Endlager fand. Zu ihr gehört auch ein Motivsucher, den jetzt Helmer besitzt. Vor ihm hat ihn schon Stanley Kubrick benutzt, bei den Dreharbeiten zu "Spartacus". Zwei große Tagesscheinwerfer hat Helmer aus Georgien importiert. Sie werden nach Drehschluss in Aserbaidschan bleiben und Bakuer Studenten zur Verfügung stehen. Zunächst war geplant, die Filmaufnahmen schwarzweiß zu entwickeln und die Bilder dann zu kolorieren. Doch was der georgische Kameramann Georgi Beridze auf Zelluloid gebannt hat, ist von solcher Brillanz, dass es schade um die wundervolle Lichtsetzung und Farbgebung wäre. Helmer hat dem Team erste Muster vorgeführt – mit einem extra angeschafften Beamer in dem kleinen, alten Kino. Was er zeigte, waren Bilder voller Anmut. Und zwei junge Hauptdarsteller, die die Handlung auch ohne Worte zu tragen vermögen. "Man darf die fehlenden Dialoge aber auf keinen Fall spielen", erklärt Maximilian Mauff dazu, "sonst wird es Pantomime. Man darf immer nur so lange agieren, bis sich die Notwendigkeit eines Dialogs einstellt. Danach wird es schwierig." Jetzt stehen sich Temelko und Aya als unversöhnliche Repräsentanten ihres Geschlechts auf dem Dorfplatz gegenüber. Der "Krieg" zwischen den Männern und Frauen wird eskalieren: Die Frauen, mit Flinten, Prügeln und Äxten bewaffnet, werden die Männer gefangen setzen. Sie werden quer über den Platz Nato-Draht spannen, hinter dem die Gefangenen zurückbleiben müssen. Den Auftakt zur militanten Auseinandersetzung bildet ein Eimer aus Blech. Gerade in diesem Moment fliegt er aus den Reihen der Frauen gegen die Tür der Moschee. Von Seiten der zuschauenden Dörfler hört man deutlich vernehmbar ein Murren. Es wird wohl Probleme geben.

Absurdistan – Lehren aus einer interkulturellen Begegnung

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Der georgische Kameramann Georgi Beridze
 

Am nächsten Vormittag sind es 70, 80 Männer, die sich am Drehort versammeln. Das Verhältnis zwischen den Einwohnern Lahics und den Filmleuten war immer gut. Ihre Arbeit haben sie mit großer Aneilnahme verfolgt. Dem Schauspieler Otto Kuhnle etwa ist aufgefallen, dass die Männer des Dorfes beim Zuschauen lachen, wenn die Männer die Frauen traktieren – und umgekehrt. Doch gab es zuweilen Beschwerden, die sich vor allem auf Freizügigkeiten der weiblichen Teammitglieder bezogen. Zu sittsamer Kleidung sind sie vertraglich verpflichtet. Mehrfach – und zumal während des Drehs an der Moschee – weist der Regisseur seine jungen Mitarbeiterinnen deshalb darauf hin, dass nackte Schultern, unbedeckte Knie und freigelegte Nabel hier als unschicklich gelten. An diesem Vormittag nun bricht die aufgestaute Empörung hervor. Wortführer – das heißt Ankläger, Zeuge, Verteidiger und Richter in einer Person – ist der Aichun, der Küster der Moschee. Von ihm hat Helmer die Genehmigung zum Drehen gegen einen abgemachten Obolus erhalten. Jetzt trägt er eine Vielzahl von Beschwerden vor: Das Filmteam habe einen Stromausfall bewirkt; den Baum vor der Moschee irreparabel beschnitten; einen Brunnen missgestaltet; die Moscheetür mit dem Eimerwurf versehrt; vor allem aber hätten die Schauspieler die Moschee mit Schuhen betreten. Und: Die Flaschen mit dem "Lahicnaya"-Etikett würden den Eindruck erwecken, hier werde heimlich Wodka gebraut, damit werde das Dorf vor aller Augen entehrt. Dass es so viele Vorwürfe waren, sagt Helmer später, das hätte seinen Kopf gerettet. Einstweilen ist er allerdings damit beschäftigt, sie in einer langen Rede zu entkräften. Doch auch der Aichun steht offenbar unter Druck. Anscheinend machen Gerüchte über allzu fabelhafte Einnahmen der Gemeinde die Runde. Um sie zu entkräften, hält er den Umschlag mit dem von Helmer gezahlten Geld demonstrativ empor und sorgt so für Transparenz. Der Neid der vermeintlich zu kurz gekommenen Dorfbewohner wird auf diese Weise gedämpft. Zugleich hat Helmer mit seiner Rede, in der er Fehler und Irrtümer einräumt, Erfolg. Am Ende ist es ein Vers aus dem Koran, mit dem der Aichun den Konflikt befriedet: Wenn jemand falsch handle, dies aber erkenne und die Schuld eingestehe, dann sei ihm zu verzeihen. Helmer rühmt in seinem Schlusswort Lahic als den schönsten Ort der Welt.

Quelle und Foto: Kate Nodzadze
Szenenfoto aus "Absurdistan"
 

Man sollte den Konflikt nicht als einen "Clash der Kulturen" überbewerten. Eher erinnert er an Zeiten, als auch in deutsche Dörfer die ersten Land-WGs einfielen. Im Kern verbirgt sich ein ästhetischer Dissens. Veit Helmer ist ja so etwas wie der Georges Méliès unter den deutschen Regisseuren. Während sich seine Kollegen mehrheitlich der Realität und dem Realismus der Brüder Lumière verpflichtet fühlen, orientiert sich Helmer am ersten Magier der Filmgeschichte; stets erschafft er sich ganz eigene Welten. Es sind synthetische Kreationen, die durch Montage entstehen. So wie sich in "Absurdistan" die Moschee in ein weltliches Männerquartier verwandelt, wird aus Lahic ein in der Imagination angesiedelter Ort der Fantasie. Die stieß hier nun allerdings auf einen Realismusbegriff, der die Inszenierung für die Wirklichkeit nimmt.

Während die Menge auf dem Dorfplatz debattierte, ritt in ihrem Rücken ein Mann auf einem Esel vorbei. Auf dem Kopf transportierte er eine Antennenschüssel. Sie wird Bilder nach Lahic bringen, die um einiges irritierender sind als ein falsches Wodka-Etikett. Doch niemand hier wird sich über sie echauffieren. Denn niemand wird sie mit dem eigenen Dorf in Verbindung bringen.

"Cut!" – Die Lösung der Getränkefrage

Noch einmal das dunkle, verrauchte Lokal. Die Männer haben eine Gefangene gemacht. Gefesselt und geknebelt hat man sie in einen benachbarten Raum verfrachtet. Zwei Wärter sitzen vor der verbarrikadierten Tür. Da sticht ihnen das Sex-Magazin in die Augen. Es bringt sie auf schlimme Gedanken. Leise entriegeln sie die Tür und schleichen sich ins Nebenzimmer. In Kürze tauchen sie wieder auf: von ihrem gar nicht so wehrlosen Opfer übel zugerichtet, die Gesichter voller Schrammen. Doch noch hört man nur Kampfgeräusche. Ein wenig wackelt die Wand, in den Regalen klirren leise die Wodkaflaschen. Sie tragen neue Label, auf ihnen stehen neuen Namen. Der Wodka heißt jetzt "Bulavin" und "Zaurskaya". Es ist ein gemilderter Stoff. Auf den Etiketten steht: "40% vol." ________________________________

Dieser Artikel ist ein Beitrag der Themenwelt "Aktuelle Tendenzen im deutschen Film", mit dem sich Filmportal.de schrittweise und kontinuierlich neueren Entwicklungen im deutschen Film nähern will. Das Ziel ist eine bewegte, andauernde Bestandsaufnahme, die – um der Vielfalt möglicher Perspektiven entgegenzukommen – von Gastautorinnen und -autoren entwickelt wird. Diese Artikel sind demnach keine Redaktionsbeiträge, sondern geben als Gastkommentare die Meinung der Autorinnen und Autoren wieder.

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