Von "40 qm Deutschland" zu "40 qm Istanbul"

Titel

Von "40 qm Deutschland" zu "40 qm Istanbul"

Der Film "40 qm Deutschland" (1986) von dem 1951 in der Türkei geborenen Regisseur Tevik Başer ist eine Anklage gegen bestehende Verhältnisse. Im Vordergrund steht das Schicksal einer Migrantin, Turna, die von ihrem Mann Dursun nach Hamburg gebracht und in einer Wohnung eingesperrt wird. Hauptthema ist ihre Machtlosigkeit in einer Machowelt und ihre Isolation in einem fremden Land, das sie nur vom Fenster aus sieht. Der Film endet, als ihr Mann stirbt und sie die Haustür erreicht, die Tür zu der Welt, die in den Augen von Dursun voller Gefahren und ansteckender Sittenlosigkeit ist.

Quelle: DIF
Özay Fecht in "40 qm Deutschland" (1986)

24 Jahre später steht das Leben von Sibel, einer jungen Hamburgerin türkischer Abstammung, im Zentrum des Films "Gegen die Wand". In dem Film des 1973 in Hamburg geborenen Fatih Akin wird keine Anklage erhoben, auch wenn beengende Verhältnisse und eine große existenzielle Verunsicherung gezeigt werden. Mit dem Kopf gegen die Wand stößt Sibel genauso wie ihr Mann, Cahit. Im Vordergrund stehen ambivalente Figuren, die sich nicht von ethnischen Einordnungen irritieren lassen und die in der Hamburger Szene so stark verankert sind wie in der Welt der türkischen Einwanderer und deren Schicksale so typisch wie untypisch sind – wo auch immer. Die Entwicklung von Turna zu Sibel zeigt auch eine Entwicklung der Migrationsfilme. Man könnte so sagen: Im Jahre 2004 stehen den Filmschaffenden (wie auch ihren Protagonisten) anstelle von "40 qm Deutschland" eine so große Fülle von Möglichkeiten zur Verfügung, die sogar "40 qm Istanbul" beinhalten kann (Sibels Wahl ist es ja, eine Familie in Istanbul zu gründen).

© WÜSTE Film, Fotografin: Kerstin Stelter
Der Roma-Musiker Selim Sesler mit seiner Band in "Gegen die Wand"

Sowohl im Bezug zur türkischen Kultur als auch in der Wahl der filmischen Mittel wird ein Umbruch wahrnehmbar. Während die traditionelle anatolische Bekleidung von Turna in "40 qm Deutschland" die kulturelle Kluft zwischen der Türkei und Deutschland markiert, gestattet sich Fatih Akin eine Hommage an die multikulturelle Türkei: "Gegen die Wand" wird durch Musik-Akte unterteilt, in denen die "deutsch-türkische" Schauspielerin Idil Üner mit dem Roma-Musiker Selim Sesler und seinem Orchester traditionelle türkische Lieder vor der byzantinischen Kirche Hagia Sofia interpretiert.

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